100‘000 Menschen im Kanton Zürich sind von Armut betroffen. Anlässlich des Europäischen Jahres zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung hat Caritas eine Wanderausstellung in
verschiedenen Städten durchgeführt.
Caritas Zürich hat ihre Wanderausstellung und die
Guerillakampagne mit einem Schreibseminar für Armutsbetroffene ergänzt. Der Kurs ist von der Schriftstellerin Tania Kummer geleitet worden. Sozial Benachteiligte ergreifen selber das Wort.
Tobias Lätsch hat für textin die Teilnehmer/innen des Kurses und Tania Kummer in Zürich besucht.
Istvan Cseh, Teilnehmer des Seminars, hat uns seinen Text zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!
Armut als kollektiver Reichtum
Wie arm bin ich wirklich, und wie reich überhaupt? Wo stehe ich als statistisch an der Armutsgrenze lebender Neuarmer? Was das Geld betrifft, gehöre ich der Elite der Neuarmen an. In der geistlichen Welt hingegen fühle ich mich als Neureicher wohl aufgehoben. Das ist ja das Tolle an meinem Chef da oben: Er lehrt mich, wie ich diesseits und fern vom Materiellen glücklich sein darf. Die Armut aber schleicht sich um die Häuserecken der zubetonierten Schweiz. Wenn aus Zement, Sand, Kies und Wasser erdbebenresistente Grundmauern gebaut werden, kann es sein, dass die Armut ausserhalb gar nicht mehr wahrgenommen wird. Denn: „Was ich nicht sehe, kann ja auch gar nicht sein.“
Einmal habe ich Touristen vor dem Provisorium des Einkaufszentrums Globus in Zürich gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, dass in dieser Stadt viele arme Leute leben. Sie schauten mich verwundert an. Ich erzählte ihnen, welche Organisationen Brotstuben betreiben, wo sich Auffangstellen befinden und an welchen Orten für wenig Geld Essen aufgetischt werde. Am Schluss schüttelten wir uns die Hände und ich war mir sicher, ihren Ferientag nicht vermiest zu haben.
Oft ging ich im „Gelben Stern“ der Heilsarmee essen. In diesem Lokal im Zürcher Niederdorf wurde ab 18.30 Uhr ein warmes Essen serviert und das für nur drei Franken! Eine Suppe als Vorspeise, Sirup und Kaffee sowie eine Portion Salat nebst dem Hauptmenu. Wer nicht fleischlos bleiben wollte, konnte mit drei Franken Aufschlag seinen Teller mit einem Stück Fleisch garnieren. Ich fühlte mich reich umsorgt. Ich wurde in Gesprächen herausgefordert, genoss die Gesellschaft, und was das Essen betraf, konnte ich ein Hallelujah herausposaunen. Vielleicht bin ich als Kind einmal in den Kochtopf gefallen – so sehr mag ich das Essen.
Kaum hatte ich den Bauch vollgeschlagen schob sich plötzlich eine graue Wolke vor mein wohliges Gefühl. In dicken Buchstaben leuchtete das Wort „Einsamkeit“ vor mir auf und ich fühlte ein Stechen in der Brust. Was war geschehen? Romantisch veranlagt, nahm ich an, dass mich hie und da jemand in den „Gelben Stern“ begleiten würde. Doch eine mir nahestehende Person sagte, sie sei traurig, wenn sie daran denke, wie ich „unten durch“ müsse. Deshalb wolle sie mich auch nicht
in dieses Restaurant begleiten.
Ich schluckte! Kumuliert mit anderen Absagen aus dem näheren Umfeld brach etwas in mir zusammen. Das ist also meine Herausforderung: Wie gehe ich damit um, dass man mich immer wieder auf meine Umstände reduziert. Dabei ist es doch genau diese Betonmauer, die ich niederreissen will! Ich bin nicht ansteckend – und nein, du bekommst keine Migräne, wenn du mich besuchst oder mich zum Sozialamt begleitest!
Ich bin zugleich arm und reich, sowohl reich und arm. Wenn wir die Armut als kollektiven Reichtum ansehen, werden die Mauern schnell niedrig und Gemeinschaft kann entstehen. Nichts ist grösser, als in der Armut reich sein zu dürfen. Reich an Glück, reich an Frieden, reich an Erfahrung, reich an Hoffnung – und einer Portion Zuversicht für die Zukunft.
Gehen wir essen?
Kurzbiografie István Cseh jr.
István Cseh jr. (*1971) lebt und arbeitet in Zürich. Seine Schulbildung genoss er in Thalwil, dort absolvierte er eine kaufmännische Lehre in einer Bank. Sein Name ist ungarischer Herkunft. Seine Eltern flüchteten 1956 aus Ungarn und lernten sich in Zürich kennen. Der Autor begann in der Schulzeit Gedichte zu verfassen und veröffentlichte bis jetzt drei Gedichtbände im Eigenverlag. Zu seinen Hobbys zählt er Kino, Theater, Kochen und Ausstellungen besuchen. Der Autor schreibt an einem Gedichtband, den er dieses Jahr veröffentlichen möchte. Seine virtuelle Heimat ist auf www.wortcafe.ch zu finden.
Copyright der Bilder: Tobias Lätsch
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1 Kommentar
Lieber Istvan
Grandios, dein Text ! Es tut gut sich wieder zu erkennen und es nimmt mir etwas von meiner Einsamkeit, wenn ich Gefühle mit dir teilen kann, die ich mit vielen nicht teilen kann. Danke und mach weiter. Freut mich sehr deine Bekanntschaft gemacht zu haben und ich komme sofort mit dir in den “Gelben Stern”.
Herzlich, Ruth
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