Rezension. Diesen November erscheint Ruth Looslis «Wila» im Zürcher Wolfbach Verlag.
54 Prosa-Miniaturen erzählen von Höhen und Tiefen, stillen und lauten Momenten in Wilas Leben. Schnell wird klar: Wila ist keine, die sich an der Nase herum führen lässt. Erfrischend direkt wie ein Kind und doch mit der Melancholie einer reifen Frau tritt sie ins Leben und diesem mutig entgegen.
Die als Lyrikerin bekannte Ruth Loosli hat mit Wila eine Figur geschaffen, die man gerne zur Freundin haben würde. Wila wäre eine gute Trösterin. Sich selber schenkt sie diesen lakonischen Trost immer da, wo sie nicht mehr weiter weiß, und der allein einen über Ungerechtigkeit hinweg trägt. Wie zum Beispiel bei der Miniatur Wilas Segel:
«Wila hat zwanzig Jahre lang ihre Brüste vorn getragen, sozusagen
an die Leine gehängt, mit ihnen gesäugt und wieder abgestillt. Jetzt
müsste es doch möglich sein, ihre Brüste reinzuholen, wie ein
Segel bei Windstille reingeholt wird, versorgt im Hafen ihres
Brustkorbs, damit sie ernst genommen würde. Schreiben, hat sie
gelesen, sei immer mit Scham verbunden. Und mit Brüsten, mit
Brüsten, doppelt Wila nach. »
Fragen zur Kunst, zum Leben, zum Älterwerden oder Elternsein begegnen sich zwischen den Zeilen und hüpfen von Seite zu Seite, und die Gedanken gehen immer ein bisschen tiefer, als es im ersten Augen-Blick erscheint. Wila, die, wie sie sagt, über ihre Verhältnisse großzügig ist, lebt diese Großzügigkeit auch in ihren Texten. Nur hängt sie das nicht an die große Glocke sondern bedient sich einer einfachen, unspektakulären und daher sanft eindringenden Sprache. Außer in den Momenten, in denen sie nichts anderes sein will, als ganz genau verstanden, so zum Beispiel bei Wilas Geschäft:
«Wila scheißt wie ein Pferd. Und erfreulich tönt dieses Geschäft!
Schade, dass sie niemals an dessen Dampf und herrlichen Duft
herankommen wird. »
Spröd, frei heraus, eigenwillig und emanzipiert, so purzelt Tag für Tag eine neue Wila ins Leben. Zum 15-jährigen Bestehen des Wolfbach Verlags Zürich ist letztes Jahr DIE REIHE lanciert worden. Pro Saison erscheinen zwei bis drei Titel, vornehmlich neue Lyrik und Kurzprosa von Schweizer Autorinnen und Autoren.
Was Ruth Loosli da mit Wila gelungen ist und womit DIE REIHE weitergeführt wird, ist ein Vexierbild des kleinen Lebens. Unbescholten gibt es sich schwarz auf weiß in der hübschen englischen Broschur, und wer genau hinschaut, sieht die Buchstaben mit den Augen zwinkern.

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