Wenn ein Freak das Potenzial nicht mehr sieht

Von textin

An einem verregneten Dienstag Abend am Murihaldenweg 7 in Bern.

Ring, ring … ring, ring … ri – klk

H: Sebastian Hättenschweiler.

W: Guten Abend Herr Hättenschweiler, Wurfing hier. Es tut mir leid, dass Sie so lange nichts mehr von mir gehört haben, doch die letzten drei Wochen waren wieder einmal die Hölle. Danke nachträglich für Ihre Illustrations-Vorschläge, wir haben sie uns genau angeschaut.

H: Schön (klemmt den Hörer zwischen Ohr und seine telefonerprobte Schulter und greift sich Notizmaterial)…, ich hoffe sie entsprachen Ihren Vorstellungen.

W: Leider nicht so ganz, wir hatten uns ein wenig etwas – wie soll ich sagen – etwas Künstlerischeres vorgestellt.

H: Ah, „künstlerischer“, können Sie mir vielleicht etwas genauer beschreiben, was Sie an den Illustrationen störte?

W: Ja, wie soll ich sagen…, ich hatte aufgrund Ihres Portofolios auf der Homepage einfach das Gefühl, dass Sie ein wenig kreativer sind.

H: Ah, „kreativer“. Aber wir hielten doch bei unserer letzten Besprechung fest, dass bei Ihrem Lehrbuch vor allem der didaktische Aspekt im Vordergrund steht. Klar und einfach sollten die Illus sein, die Konturen der Judo-Kämpfer so gut wie möglich sichtbar.

W: Ja schon, das stimmt, das sind sie ja auch. Doch Ihr Plakat fürs Novemberschreiben, die Rotkäppchenidee für den Waldparty-Flyer, die Briefmarke vom Presley oder Ihre illustratorische Hommage an den Bukowski – da merkt man, dass ein Künstler dahinter steckt. Aber die Illustrationen für unseren Klub…

H: Aber bei Ihrem Lehrbuch geht es doch nicht um mich oder meine Grafik, sondern darum, dass Ihre Schüler den Inhalt packen. Ich glaube nicht, dass sie zufrieden wären, wenn ich Ihnen einen 50-seitigen Waldparty-Flyer vorlegen würde.

W: Ja, ja, ich weiss schon. Doch ich hätte mir bei Ihnen einfach ein wenig mehr Freakpotenzial gewünscht.

H: „Freakpotenzial“, aha, Sie meinen bis in alle Nacht vor dem Kraftbuch brüten bis der Apfel in der Iris leuchtet, stundenlanges Rumturnen in Grafikprogrammen bis die Beugesehne des Zeigefingers beinahe reisst. Dazu natürlich tonnenweise Aufrührkaffee und Nikotin; keine Anrufe, das soziale Umfeld inexistent – der Kopf allein bei den Judo-Illustrationen des Klubs Äggeriswil. Ist es das, was Sie meinen, Herr Wurfing?

W: Einfach ein bisschen freakiger halt! Wir bei uns im Judoklub sind auch so. Da wird trainiert bis die Glieder brechen. Geld spielt für uns keine Rolle; wir trainieren, weil es nun Mal nichts Schöneres gibt als einen guten Wurf auf die Matte. Das sollte bei einem richtigen Grafiker doch ähnlich sein, oder?

H: Mit dem „Freakpotenzial“ alleine kann ein Grafiker seine Wohnung nicht warm halten, Herr Wurfing.

W: Ja, ich weiss schon, aber trotzdem…

H: Gut, ich schlage vor, dass ich Ihnen bis Mitte nächster Woche nochmals einen neuen Entwurf schicke.

W: Mir wäre bis übermorgen lieber, bis dann möchten wir uns nämlich endgültig für einen Illustrator entscheiden.

H: Für einen Illustrator entscheiden? Sie haben mir den Auftrag bereits bestätigt.

W: Ja schon, ich weiss, aber wir wollten uns einfach noch alle Optionen frei halten. Die Basis für unsere Zusammenarbeit hat sich dadurch aber nicht verändert.

H: Wissen Sie was Herr Wurfing, stecken Sie sich Ihre Basis und das Lehrbuch sonst wohin. Morgen schicke ich Ihnen die Rechnung für die bereits geleistete Arbeit. Zuvor scheisse ich Ihnen aber noch ins Couvert – „merda d`artista“, Künstlerkot im Papierumschlag, 2009, 25`000.- das Stück, Sie verstehen schon Herr Wurfing, „Freakpotenzial“ und so.

Eine frei imaginierte Episode eines Texters, angestossen durch eine Erzählung eines befreundeten Grafikers. An einem verregneten Freitag Abend bei Falafel und Schwarztee am Barfüsserplatz in Basel.

Samuel Schlaefli (Text)
ist freischaffender Journalist und Texter in Basel. Er arbeitet regelmässig zusammen mit Manuel Castellote an „Herzensprojekten“, wie zuletzt an www.lesinstants.ch

Manuel Castellote (Illustration) ist gelernter Grafiker, lebt und arbeitet in Bern. Er freut sich immer über Inputs, Anregungen und natürlich: Aufträge. Kontakt:  www.manuele.ch

textin März 2009
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1 Kommentar

  • Sascha Erni's Gravatar Sascha Erni 28. April 2010

    Haha! Das kommt mir doch sehr, sehr bekannt vor. Ist beim Texten oft nicht anders …

    „Die Texte passen noch nicht so ganz … Geht es nicht etwas frisch-freakiger? Sie wissen schon, jugendlich-spontan? Ja, ich weiß, Eichenholzsärge aus polnischer Produktion sprechen ein eher älteres Publikum an, aber …“

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