Von der Fähigkeit, mit Widersprüchlichkeiten umzugehen

Von Michele Minelli

Rezension. Wer die Schriftstellerin J. Monika Walther über Ihre Erzählungen kennenlernen will, ist bei dem Buch »Das Gewicht der Seele« gut beraten, sich von vornherein auf Widersprüchlichkeiten einzustimmen; ihre Figuren der frühen Jahre machen es einem nicht leicht.  Sie morden, verlassen, verletzen – und sind selber verletzt, verlassen und gemordet. Eine gewisse Ambiguitätstoleranz wird da schon vorausgesetzt.

Das Buch gliedert sich in sechs Teile und folgt weitgehend der Chronologie der Entstehung der einzelnen Geschichten. Wir erleben also die Entwicklung der Schreiberin mit, spüren den Moment, in dem sich der Fokus vom Innerbefindlichen ihrer Figuren hin zu einem Weltschauen der Autorin verändert, bei dem das Ich als Figur an Wichtigkeit gewinnt.

J. Monika Walther hat eine phantastische Art, in einzelnen Strichen ein ganzes Innenleben zu charakterisieren. Es ist schon erstaunlich, mit wie wenigen Worten Walther ihre Zeichen setzt und wir wissen: aha, so einer ist das also. Oder so eine.

Drei Beispiele:

»Drei Jahre war Clara verheiratet; aus der Romanze war keine Liebe geworden, sondern unsinnige Gewohnheiten, gegenseitige Belästigungen und kleine Rücksichtslosigkeiten. «
»Ihre Ehe galt als gut im Freundeskreis, aber es gab da auch keinen, der hinsah. «
»Die Kinder wachsen in den Kindergärten heran und werden ausgerichtet, die Spätschäden werden wir nicht mehr erleben. Die Ratschläge, die wir erteilen, sind größtenteils unerwünscht. Die Kinder. Wer weiß, was ohne sie wäre.«

In einer für ihren Stil bezeichnenden Treffsicherheit greift sich J. Monika Walther jene Spezifität eines Menschenlebens heraus, die unmittelbar zum Kern der Sache führt. Sie macht in den Facetten das Wesentliche sichtbar, erlaubt es, in Falten und Fältchen zu schauen, und obwohl diese wie flüchtige Notizen auf Zetteln wirkende Sätze auch alle zu derselben Geschichte gehören könnten, tun sie es nicht. J. Monika Walther fächert das Leben ihrer Protagonisten immer wieder neu auf, lässt Tiefe und Tiefen erkennen, ob denen einem schwindlig wird.

Am dichtesten ist J. Monika Walther aber da, wo sie erkennbar von sich selber schreibt, von ihrem Leben. Hoch assoziativ reißt ihre Sprache mit und mutet uns Welten zu, die in ihrer Konsequenz erschüttern  (»Der Befehl«, »Herz in Stücken«), in ihrer Eindringlichkeit bewegen (»Schiffsvogel«, »Der siebte Kontinent«, »Die Zeiten sind vorbei«) oder – denn das kann sie auch –in ihrer Verspieltheit überraschen (»Geschichten von Einhörnern und Pferden und über den kleinen Jossele und den Dichter Papiernikoff«).

Mit dem Lesebuch »Das Gewicht der Seele« ist der deutschen Schriftstellerin J. Monika Walther das große Kunststück gelungen, Panorama- und Lupenblick zugleich zu bieten. Vielleicht auch, weil sie selber gelernt hat, mit eigenen Widersprüchlichkeiten umzugehen.

J. Monika Walther
Das Gewicht der Seele
Mentis Verlag Paderborn, 2009
ISBN 978-3-89785-696-7
410 Seiten
mit Fotografien von Barbara Dietl

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