Über die Arbeit am literarischen Text. Manchmal gelingt einem ein Wurf. Manchmal wirft man mit Schwung einen Text in die Welt und er passt. Sofort. Und in jeder Hinsicht. In jedem Detail. An den meisten Texten jedoch muss man arbeiten. Muss daran feilen, sie auf Herz und Nieren prüfen. Wie sehr, das hängt natürlich auch von der eigenen Arbeitsweise ab. Wenn man einen Text durchplant wie ein Haus, wenn man sich für den Bau eines Satzes einen halben Tag Zeit nimmt, dann wird die Nachbearbeitung weniger Raum einnehmen, weniger Zeit beanspruchen.
Texte entstehen aber selten wie Häuser. Am Bau eines Textes ist in den meisten Fällen nur eine Person beteiligt, die niemandem Rechenschaft ablegen muss, die nicht von anderer Leute Berechnungen abhängig ist. Texte haben Fassungen, was bei Häusern unerwünscht, nur auf dem Papier möglich ist. Wohl deshalb, weil der Prozess des Schreibens, Änderns, Löschens ein so unaufwändiger ist, immer unaufwändiger, billiger und einfacher geworden ist, durch die technischen Gegebenheiten meilenweit entfernt vom In-Stein-Meisseln früherer Tage, kann ein Text wie ein Entwurf geschrieben werden. Ist jeder Text erstmal ein Entwurf (sofern er kein Wurf ist, siehe oben: erste Fassung = letzte Fassung).
Die Fassung bewahren
In Zeiten von Textverarbeitungsprogrammen (ein beunruhigendes Wort eigentlich, für etwas, das die Schreibmaschine ersetzt hat) ist die eigene Textarbeit oft gar nicht mehr nachvollziehbar – und man kann sich fragen, ob es in 50 Jahren noch historisch-kritische Ausgaben geben wird. Ich selbst muss mich immer wieder zwingen, nicht über Wochen im selben Dokument herumzufuhrwerken. Es lohnt sich, der organisatorischen Herausforderung verschiedener Textfassungen ins Auge zu sehen und immer wieder neu und mit Datum abzuspeichern. Es lohnt sich auch, Ausdrucke zu machen, handschriftliche Korrekturen vorzunehmen und sich wie die eigene Lektorin oder der eigene Lektor zu verhalten – dabei muss man nicht mal an nachfolgende Generationen von PhilologInnen denken.
Wenn man verschiedene Fassungen von Texten besitzt, ob ausgedruckt oder nicht, kann man den eigenen Arbeitsprozess besser verstehen. Man kann – manchmal will oder muss man das – zurück zur ersten Idee, dem ersten Ansatz. Und das Schöne ist: Inzwischen gibt es auch Computerprogramme, (die meistens das Wort Diff im Namen tragen), mit denen man verschiedene Fassungen nebeneinander vergleichen kann (auch sehr praktisch für PhilologInnen, sofern sie über digitales Material verfügen).
Zurück auf Los
Natürlich trägt man die verschiedenen Fassungen eines Textes auch in sich. Man hat sie ja erstellt. Wer schon mal einen Text versehentlich gelöscht hat und ihn neu schreiben musste, hat sich vielleicht auch gewundert, dass er – selbst nach einigen Wochen – die gleichen Worte wiedergefunden hat, die er mit der Fassung verloren hatte. Ich habe das einmal ohne Not ausprobiert, habe einen bereits geschriebenen Text, den ich einige Wochen nicht angeschaut hatte, ein zweites Mal geschrieben. Das ist eine schwierige Übung – weil man versuchen muss, sich zu lösen, nicht einfach nur so gut es geht zu erinnern, sondern wirklich neu zu schreiben. Wenn einem das gelingt, kann man herausfinden, was dem Text wesentlich ist und was nicht.
Das Glück im Löschen
Die eigenen Texte überarbeiten ist immer hart. Während dem Schreiben, dem Erfinden etwas Euphorisches anhaftet, während man diesen Akt mit einem Schöpfungsprozess vergleichen kann, umweht den Überarbeitungsprozess ein Hauch des Kleinlichen. Etwas Bestehendes zu korrigieren ist mühsam. Zum Glück gibt es auch dabei die lichten Momente, die geglückte Neuformulierung, die Auflösung einer Ungenauigkeit, das befreiende Löschen. Zum Glück kann man auch beim Überarbeiten spüren, dass etwas wächst, sich entwickelt. Im besten Fall bemerkt man schon während des Überarbeitens, wie das Ganze gewinnt, richtiger, stimmiger wird. Im schlimmsten Falle – und je grösser das Projekt, desto grösser das Risiko – geht einem das Gefühl für den Text verloren, gewinnt man die Stimme nicht mehr zurück, kommt einem der Rhythmus abhanden. Im schlimmsten Fall verschlimmbessert man den Text – ein Wort, das eigentlich verboten gehört.
Neues vom eigenen Text
Auch deshalb erachte ich fast immer eine weitere Stimme für notwendig. Eine sorgfältige, genaue, strenge. Oder mehrere, deren unterschiedliche Blickwinkel mir helfen, zu sehen, wie der Text gelesen wird, gelesen werden kann. Und dabei geht es sicher nicht darum, für einen Geschmack zu schreiben. Es geht nicht darum, sich verbiegen zu lassen. Es kann nicht darum gehen, dass jede und jeder dieselbe vorbestimmte Lese-Erfahrung macht, was weder möglich noch wünschenswert wäre. Spannend ist aber herauszufinden, was man selbst über den eigenen Text nicht weiss. Oder auch etwas so Praktisches wie die Tatsache, dass von den Lesenden nicht eine oder einer das Wort „Glast“ versteht. Wenn man das weiss, kann man immer noch entscheiden, das Wort zu behalten.
Eine für alle – alle für eine
Wenn man kontinuierlich in einer Gruppe arbeitet, entweder in einer Werkstatt, wie wir das beispielsweise in der Literaturgruppe index im Zweiwochenrhythmus tun, oder auch in einer E-Mail-Gruppe, über einen Verteiler, so dass jeder und jede alle Texte und alle Korrekturen erhält, dann hat man die Chance, auch fremde Texte in verschiedenen Fassungen zu lesen. Dann kann man nachvollziehen, wie andere arbeiten, wie die eigenen Rückmeldungen einfliessen, was sie im fremden Text auslösen. Wobei man wieder viel über das Schreiben an sich lernt, viel für das Schreiben an zukünftigen Texten. Ich habe schon zahlreiche Werkstätten besucht und geleitet. Immer habe ich sie als hilfreich und fruchtbar erlebt.
Vor lauter Bäumen
Aber man braucht eben auch immer noch jemanden, der die genaue Textarbeit begleitet, der dicke Hunde und grobe Schnitzer findet, die übersehen wurden. Der sieht, was man selbst nicht mehr erkennt. Auch wenn man wie ich professionell fremde Texte lektoriert, besteht die Gefahr, dass man irgendwann im eigenen Text blind umhertappt. Bevor man einen Text an einen Verlag oder eine Literaturzeitschrift schickt, bevor man ihn bei einem Wettbewerb einreicht, sollte der Text von mindestens einer weiteren Person gelesen und lektoriert worden sein. Auch die Rechtschreibkorrektur ist wichtig. Texte, die voller Fehler oder stilistischer Ungenauigkeiten sind, werden nicht selten weniger ernst genommen, auch wenn ihr poetisches Potenzial noch so gross ist.
Zwischen den Würfen
Auch wenn also das Überarbeiten eines Textes weniger gewinnbringend, weniger lohnend erscheint, auch wenn es nur schwer mit der Mystifizierung des Schreibprozesses, mit dem Genie-Gedanken in Einklang zu bringen ist, auch wenn es im Verhältnis zum schöpferischen Akt irgendwie buchhalterisch daher kommt, ist es für all jene Schreibenden unverzichtbar, die nicht entweder unverbesserlich sind, den ganzen Prozess schon vor dem Niederschreiben durchlaufen oder vom hellen Blitz der Perfektion getroffen wurden. Und das Schöne am Überarbeiten ist: Man kann diese Arbeit immer dann hervornehmen, wenn einem partout kein neuer Text, keine neue Idee, kein Wurf gelingen will.
Ulrike Ulrich lebt als Schriftstellerin in der Schweiz. Ihr Weg führte von Düsseldorf über Münster und Wien nach Zürich, wo 2004 ihre erste Einzelveröffentlichung erschien. Mit Kurzprosa und Performance-Texten gewann sie mehrere Preise. Bei Schreibszene Schweiz leitet sie die Werkstatt „Weniger ist nicht genug – Massarbeit an Texten“. Ausserdem ist sie für Text-Coaching und Lektorat zuständig.
Datum: 1. März 2010 (textin Oktober 2009)
Text und Bild: Ulrike Ulrich
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2 Kommentare
Wie wahr, wie gut erklärt, wie tröstlich auch, dies zu lesen (wenn auch sechs Monate später!) Mir kommt beim Redigieren und Korrigieren meiner Texte folgendes in den Sinn:
Man hat einen grossen Teil eines langen Herren Pullovers mit kompliziertem Muster gestrickt und findet weit unten einen Fehler. Alles aufmachen und mit der so schlimm gekrausten Wolle neu stricken???
Ich stricke nicht, aber ich schreibe und grüsse Sie sehr herzlich und mit Dank für Ihren Text und Ihren Rat.
Marion E. Stöckli
liebe Frau Stöckli, nicht aufziehen (wegen der Wollfäden lieber ziehen statt machen)… geht es um einen langen Herren oder dessen oder für diesen bestimmten Pullover? Im letzteren Fall können Sie mit einer Sicherheitsnadel bzw. einem Bindestrich die richtige Lösung finden. Und dann noch zu meinem ganz unmassgeblich wichtigen Gedanken zu Ihrer Frage um Rat: Wenn Sie schon mit unbequem strickbarer Wolle einen langen Herren-Pullover stricken, setze ich voraus, dass ein starkes Gefühl für diesen Herren das ausschlaggebende Motiv für die Handlung ist. Und damit komme ich zu der einfachsten Lösung des kompliziert scheinenden Problems: Übersticken Sie Fehler jeweils mit einem Herzchen aus farblich angepassten Material. Der Erfolg wird Ihnen sicher sein! Ich glaube daran – also wird es! Und ausserdem …. ein fröhliches, gesundes, zufriedenstellendes 2011 mit einem sonnigen Gruss, Karin König
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