Leseprobe. Als ich Herrn Adamson kennenlernte, war ich acht Jahre alt. Es war im Garten der Villa von Herrn Kremer. Die Villa lag unserem Haus gegenüber und war gar keine Villa – aber jeder nannte sie so –, sondern ein bescheidenes Gebäude mit zwei Stockwerken, mit einem allerdings sehr großen Garten drumherum. Das Besondere war, dass Herr Kremer nie in seinem Haus war. Nie. Kein Mensch hatte ihn jemals erblickt, und auch keinen andern Menschen. Keine Frau, keine Kinder, keine Dienstboten, keinen Gärtner. Entsprechend sah der Garten aus. Eine blühende Urlandschaft, die niemand sah, weil Haus und Garten von einer dichten Buchsbaumhecke umgeben waren. Ein großes Tor, eine massive Eisenplatte, verschloss den Zugang. Eine Klingel, die stumm blieb, als ich es doch einmal wagte, draufzudrücken, bereit, wie der Blitz in meinen Garten zu verschwinden. Der der Villa Herrn Kremers war natürlich viel aufregender. Er war verbotenes Gebiet, schreckliche Strafen des Herrn Kremer konnten mich ereilen, wenn er dann doch einmal auftauchte und mich mitten in seinem Geheimnis fand. Mich und Mick, der mein Freund war und, wie ich, alle Winkel dieses verwunschenen Verstecks kannte, in dem wir uns mit der Aufmerksamkeit von Luchsen und dem Misstrauen von Gazellen bewegten, voller Angst, voller Lust, inmitten all der Herrlichkeit jederzeit auf die Katastrophe gefasst. An diesem Tag – es war auch mein Geburtstag, der achte eben, und die Sonne schien ebenso warm, wie sie es gestern getan hat – betrat ich den Garten wie jedes Mal durch eine enge Lücke, die es zwischen der Buchsbaumhecke und der hohen Mauer gab, die das Grundstück gegen die Besitzung der weißen Dame abgrenzte. Die weiße Dame, das war eine andere Geschichte, zu ihr nur so viel: Sie hatte immer (im Sinn von immer) weiße Kleider an. Weiße Schuhe, weiße Handschuhe, einen weißen Hut, und sie hatte im ganzen Haus und auch in ihrem rhododendronblühenden Garten Alarmanlagen eingebaut, Stolperdrähte, Sensoren, Sirenen, die sie täglich drei oder vier Mal auslöste. Der anbrausenden Polizei berichtete sie dann mit einer schrillen Stimme, sie habe einen Schatten gesehen, ein ganzes Heer von Schatten, die ihr alle nach dem Leben trachteten. Mit etwas Glück wird sie in dieser Geschichte, die von Herrn Adamson handelt, nicht mehr auftreten.
Aus: Urs Widmer ‘Herr Adamson’, © 2009 Diogenes Verlag AG, Zürich

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