Interview. Stephanie Hugentobler, Texterin/Konzepterin, hat den Texterinnen- und Texterverband script sechs Jahre lang als Präsidentin geleitet. Seit zwei Jahren lebt und arbeitet sie auf der Ferieninsel Djerba, die zum nordafrikanischen Tunesien gehört.
textín: Vielen Dank Stephanie Hugentobler für dieses Interview. Zur ersten Frage: Welchen Tipp geben Sie unseren Leserinnen und Lesern, die davon träumen, auszuwandern und irgendwo ganz anders zu leben und zu schreiben?
Stephanie Hugentobler: Ganz wichtig ist die Basisfrage: Bin ich bereit, meinen Traumferienort oder meinen liebsten Rückzugsplatz aufzugeben und ihn zum Alltag zu machen? Das gilt auch für Ortswechsel innerhalb der Schweiz, also zum Beispiel der Wechsel von der Deutschschweiz ins Tessin. Dieser Schritt will gut überlegt sein, denn man gewinnt ein neues Lebensumfeld. Dafür verliert man gleichzeitig etwas, das einem lieb und teuer war.
Wichtig ist auch, ob die neue Destination die Infrastruktur bietet, die man braucht – sei es für die Arbeit, sei es für den persönlichen Lebensstandard und „Luxus“.
Ist das alles mit einem fetten Ja beantwortet, lohnt sich eine Testphase von mehreren Monaten, in der man das Alltagsleben am künftigen Lebensmittelpunkt möglichst 1:1 lebt. Also kein Hotel und spezielle Ferienstimmung, der Alltag soll Einzug halten. Nur so findet man heraus, ob man es schafft, alles unter einen Hut zu bringen: das Leben des Traums und die Arbeit. Bei mir hat sich dieser Test bewährt. Ich bin zufrieden auf Djerba und damit, wie ich Arbeiten und Leben kombinieren kann.
textín: Ist es auf Djerba nicht zu heiss, um zu arbeiten?
Stephanie Hugentobler: Im Sommer ist es zu heiss, dafür ist es im Winter zu kalt… Ganz ehrlich: Ohne Klimaanlage würde ich es im Moment nicht aushalten. Als sie ein paar Tage lang kaputt war, habe ich fast durchgedreht und musste jeweils spätestens um 12 Uhr aufhören zu arbeiten. Das Problem ist die Luftfeuchtigkeit zusammen mit der hohen Temperatur. Um die 28 Grad und zwischen 50 und 60 Prozent Luftfeuchtigkeit sind zurzeit normal – und die habe ich nur dank der Klimaanlage.
Dafür tippe ich im Winter im Büro mit klammen Fingern. Deshalb arbeite ich die Hälfte des Jahres vor allem, um die Stromrechnung zu bezahlen: von Juni bis Oktober für die Klimaanlage und von Ende Dezember bis Mitte März für die Heizung.
textín: Wer nimmt die Arbeit eines professionellen Texters in Anspruch? Grosse Firmen, kleine Firmen oder auch Private?
Stephanie Hugentobler: Hauptsächlich grosse und kleine Firmen, hin und wieder auch Privatpersonen. Aber das wirklich eher selten, bei mir sogar sehr selten. Für Privatpersonen texte ich nur noch in Ausnahmefällen. Aufwand und Ertrag stehen einfach in keinem Verhältnis. Private brauchen intensivere Beratung und persönliche Gespräche. Das kann ich mir von den Telefonkosten her nicht mehr leisten. Privatpersonen sollte man wirklich „nahe” sein. Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die das häufiger machen. Diese empfehle ich gerne weiter, wenn ich eine Anfrage erhalte.
textín: Was kostet zum Beispiel das Texten eines Mailings (Brief), eines Inserates (Headline, Copy) oder einer Broschüre von 8 Seiten?
Stephanie Hugentobler: (lacht) Ja, die beliebte Preisfrage. Ich bin Vorstandsmitglied von script und dem Verband sehr verbunden. Deshalb meine Antwort, die eigentlich keine ist, dafür Schleichwerbung: Die Preisfrage beantwortet die übersichtliche und nützliche script-Broschüre „Honoraransätze für Konzept und Text nach statistischer Erhebung“, die auf www.scriptweb.ch bestellt werden kann. 20 gut investierte Franken, sowohl für Texterinnen, Texter als auch für Auftraggebende. Und wer script-Mitglied wird, bekommt eine Broschüre sogar umsonst.
textín: Sie waren sechs Jahre lang Präsidentin von script, dem Texterinnen- und Texterverband, und haben diese Aufgabe erst kürzlich abgegeben. Was tun Sie nun mit der übrigen Zeit? Doch noch Kochen lernen?
Stephanie Hugentobler: (Schmunzelt) Moment! Da haben Sie eine Aussage in meinem Webporträt fehlinterpretiert. Kochen konnte ich vorher schon, aber ich habe es einfach fast nicht gemacht. Das hat sich gewaltig geändert, seit ich auf Djerba lebe. Mein Sohn Leo und meine Mutter sind zuweilen fassungslos. Vor allem Leo fragt hin und wieder, ob ich jetzt Ambitionen habe, Superhausfrau des Jahres zu werden… Doch da gäbe es noch viel Optimierungspotenzial.
Tatsächlich brauche ich sehr viel Zeit für Alltägliches: Einkaufen und Putzen ist beispielsweise viel zeitintensiver als in der Schweiz. Und beim Putzen ist es zudem so, dass jemand mit einem Sauberkeitsfimmel hier kaum Überlebenschancen hat. Dafür sorgen nur schon Wind, Sand und die undichten Tür- und Fensterrahmen… Ich habe mich nach langem Zögern entschieden, mir eine Haushaltshilfe zu suchen. Meine persönlichen Qualifikationen sehe ich im Texten und nicht im Putzen.
textín: Pendeln Sie zwischen Schreibtisch und Küchentisch oder wie müssen wir uns das vorstellen?
Stephanie Hugentobler: Ganz so ist es nun auch wieder nicht. Ich habe mich verändert. Ich denke, ich bin etwas weniger zack-zack als früher, habe mich an die gemächlichere Gangart von Djerba angepasst. Das war ja auch eines der Ziele meiner Auswanderung.
Hier habe ich ausserdem viel mehr Tiere zu betreuen als in der Schweiz. Im Moment sind es vier Hunde, bald hoffentlich nur noch zwei. Ursprünglich waren es zehn: Die Hundemama und ihre 9 Welpen … Sieben Katzen wohnen ebenfalls hier, aufgeteilt auf drei Generationen. Da bin ich guten Mutes, dass wir für einige ein Plätzchen finden.
Und weil das alles offenbar noch nicht genug ist, habe ich im Mai zusammen mit zwei Freundinnen – einer Schweizerin, die seit 10 Jahren hier lebt, und einer Tunesierin – ein neues Unternehmen gegründet.
textín: Sie scheinen ja nichts auszulassen. Verraten Sie uns mehr über Ihr neues Projekt?
Stephanie Hugentobler: Wir suchen und vermitteln Häuser und Wohnungen für Ferien und Langzeitaufenthalte und bieten umfangreiche Serviceleistungen an. Das Angebot richtet sich hauptsächlich an Gäste aus der Schweiz, Deutschland und Österreich. Wir kennen beide Kulturen, ihre Denkweisen und Ansprüche. Und die sind sehr oft nicht deckungsgleich. Unsere Gäste schätzen, dass sie sich auf unser Know-how sowie die ehrliche Beurteilung unserer Objekte verlassen können. Und dass sie mit uns Ansprechpartnerinnen in ihrer Muttersprache haben, die vor, während und nach dem Aufenthalt auf Djerba für sie da sind. Wer mehr wissen will, wird auf www.aha-djerba.ch fündig.
textín: Aha, ich sehe, Sie sind auch in Tunesien sehr umtriebig. Kommen Sie auch ab und zu in Versuchung, stundenlang unter einer Palme zu liegen und Datteln zu essen?
Stephanie Hugentobler: (lacht) Ja, genau – oder ganze Tage am Strand verbringen. Genau so stellt man sich das vor, ich weiss. So ist es überhaupt nicht, eher im Gegenteil. Was man rein theoretisch immer hat – oder haben könnte – wird zur Gewohnheit. Es ist manchmal eine echte Schande, wie selten ich an den Strand gehe. Ich bin grundsätzlich ein Arbeitstier. Ich kann zwar auswandern, aber nicht vor meinem eigenen Charakter davonlaufen. Im Gegensatz zur Schweiz wirkt sich hier das Umfeld jedoch positiv und abmildernd aus – wir haben auf Djerba keine Leistungsgesellschaft. Und das tut wohl!
textín: Wo sehen Sie sich in fünf Jahren? Leben Sie womöglich wieder in der Schweiz? Werden Sie noch als Texterin arbeiten?
Stephanie Hugentobler: Wenn Sie mich heute fragen: Ich sehe mich auf Djerba oder zumindest in Tunesien. Wir wissen ja nicht einmal, was morgen ist – weshalb sollen wir wissen, was in ein paar Jahren sein wird? Das Leben ist spannend und hält viel Unerwartetes bereit. Dafür will ich offen bleiben und mich nicht durch Planungen einschränken. Ich bin hier, glücklich und erfüllt. Es interessiert mich tatsächlich nicht, wo ich irgendwann sein werde. Meinem Beruf bin ich zutiefst verbunden. Daher glaube ich, dass er mich durch mein ganzes Leben begleiten wird.
Das Interview wurde von Fatima Vidal geführt. Sie ist Herausgeberin des textín-Magazins und GL-Mitglied von Schreibszene Schweiz.
Datum: 1. März 2010 (textín Oktober 2009)
Text: Fatima Vidal
Bild: Stephanie Hugentobler
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