Simon Froehling, Lange Nächte Tag

Von textin

Leseprobe. Gleich wirst du dich in meiner hellblauen Unterhose mit dem altmodischen Eingriff aufs Bett setzten und rauchen.
Obwohl ich fast so jung bin wie du, gehört die Altmännerunterhose mir. Ich habe sie von Nachbar Albert geschenkt bekommen.
Ein Fehlkauf, hatte der gemeint.
Bei mir sitzt sie gut.


Nachbar Albert habe ich im Sommer während der Party zu seinem fünfundfünfzigsten Geburtstag kennengelernt. Die Einladung hatte neben dem Hauseingang im Flur gehangen. Anstatt eines Geschenks brachte ich Urs mit und eine Flasche Wein.
Urs war nervös. Wenn ein Kennenlernen der Eltern ausgeschlossen ist, wird die erste Begegnung mit Freunden oder Nachbarn wohl zum Ersatz – aufgeladen mit einer ähnlichen Wichtigkeit. Weshalb er keinen Kontakt mehr hatte zu seiner Familie in einem Dorf irgendwo im Emmental, darüber schwieg sich Urs standhaft aus.
Ich hatte ihm verheimlicht, dass ich Nachbar Albert selber nicht kannte, dass er kein Freund von mir, dass alles halb so wichtig war. Mir gefiel das Gefühl, das in mir aufstieg, diese Ahnung, etwas Neues könnte beginnen.

Als du aus der Dusche kommst –
als ich dir aus der Dusche geholfen und dich abgetrocknet, dich zurück ins Schlafzimmer manövriert habe, ziehe ich dir die hellblaue Unterhose an.
Hoch das Bein, sage ich, wie ich vor dir knie.
Du hältst dich mit beiden Händen an meinen Schultern fest.
Und das andere.
Auf zum letzten Tanz, sagst du mit trockener Stimme und räusperst dich, als hättest du die ironische Färbung deiner Bemerkung noch im Sprechen erkannt und wollest sie gleich wieder abschütteln.
Ich ziehe den Slip über dein Geschlecht und richte mich gleichzeitig auf, lasse den Gummibund gegen deine Haut schnalzen. Die Unterhose ist viel zu gross.
Auf zum letzten Tanz.
Es stirbt niemand, sage ich.
Plötzlich steht die Grosse im Zimmer und schüttelt den Kopf:
Was ist mit dir geschehen, Patrick? Mit uns allen?
Pushing him away, pulling him close, höre ich mich antworten.
Die Grosse und ich, wir haben schon immer ins Englische gewechselt, wenn wir uns auf Distanz halten wollten.
Vielleicht wenn ich mir mehr Mühe, wenn ich sie öfter besucht –

Du drehst dich um, machst ein paar zögerliche Schritte zum Fenster, aus dem du nicht schauen kannst, weil die Läden geschlossen sind, etwas festere Schritte zurück zum Schrank, marschierst dann bis kurz vor die Schwelle der offenen Schlafzimmertür und von da zurück zum Fenster, als würdest du mein Zimmer ausmessen: ein neues Bett vielleicht (kingsized anstatt mein altes Grösse Queen), einen geräumigeren Schrank.
Die Unterhose schlabbert dir um die Schenkel.
Es stirbt niemand; du solltest dich nur nicht erkälten jetzt.

Drei Wochen zuvor, an einem Freitagabend im Herbst, waren wir uns im Yoga aufrecht gegenüber gesessen:
Zwei Gestalten, vervielfältigt in den beiden raumhohen und saalbreiten Wandspiegeln, schauten sich an und sahen dahinter sich selbst und dahinter den anderen und nochmals sich selbst und den anderen und nochmals, bis sie zerschellten in der Unendlichkeit.
Und schauten schnell wieder weg.
Den Rest der Stunde konzentrierten wir uns nicht aufs Atmen, nicht darauf, uns möglichst gut in den Asanas einzurichten, sondern darauf, nicht ständig den Blick zu heben und zu lächeln und dabei rot zu werden und merken, dass die übrigen Teilnehmer längst mit der nächsten Position kämpften, während wir einander an und gleichzeitig nicht umhin kamen, aneinander vorbei zu schauen zu dem Punkt in der Ferne der Spiegelung, wo wir als Gestalten nicht mehr zu erkennen waren sondern nur als Knoten, der barst.

Obwohl ich seit einem Jahr zum Yoga ging, war der Neue sehr viel gelenkiger. Er schaffte es, seinen dünnen, drahtigen Körper endlose Sekunden in komplizierten Stellungen verschränkt zu halten, aus denen ich längst heraus gekracht war auf die nicht wirklich weiche Matte.
Wo ich in meiner Erinnerung noch sitze, wie ich hingefallen war, der Mund leicht offen, damit der Schreck entweichen kann, der mit dem Glauben einhergeht, urplötzlich etwas erkannt, sich selber erkannt zu haben im anderen.

Nach dieser ersten gemeinsamen Yogastunde, in der Schlussentspannung, das kleine schwarze Augenkissen, das nach Lavendel duftet, wenn man es vorher etwas knetet, auf dem Gesicht – rettende Dunkelheit! –, unter der leichten Wolldecke, konnte ich nicht aufhören, an den Mann zu denken, der keinen Namen hatte und von dem ich schon da wollte, er würde nur Körper bleiben, biegsamer Körper, Weidenrutenkörper.
Er war schneller wieder umgezogen, obwohl ich mich beeilte, und lauerte mir draussen vor der Türe auf, spielte mit seinem kindersicheren Feuerzeug, drehte die Flamme grösser, dann wieder kleiner, grösser.

Aus: Simon Froehling ‘Lange Nächte Tag’, © 2010 bilgerverlag
23. März 2010

Kommentar schreiben