Mittwochsperle: Simon Froehling

Von textin

Simon Froehling wurde 1978 geboren. Er ist schweizerisch-australischer Doppelbürger und lebt als freier Autor und Übersetzer in Zürich. Er schreibt hauptsächlich Theatertexte, jedoch auch Prosa und Lyrik. Für seine Stücke wurde er, unter anderem, mit dem Hauptpreis der „Appellation contrôlée“ des Verbands Autorinnen und Autoren der Schweiz (AdS), dem Publikumspreis der 2. St. Galler Autorentage und dem Dramatikerpreis der Schweizerischen Autorengesellschaft (SSA) ausgezeichnet.

textín: Ich freue mich, dass du bereit bist, mir einige Fragen zu beantworten.
Die immer gleiche, aber immer wieder interessante Frage: Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Simon Froehling: Meine erste Schreiberinnerung spielt sich auf einem grossen alten Kleiderschrank ab. Dort hatte ich mich mit einer Nachbarin versteckt, um einen Zirkusroman zu schreiben – denn wir wollten beide Zirkusartisten werden, aber weil das Wetter schlecht war, konnten wir nicht draussen spielen. Wer vor dem Abendessen die längere Geschichte schreiben konnte, sollte gewinnen. Ich weiss nicht mehr, wie alt ich war und auch nicht, wer gewann.

textín: Deine Mutter ist Australierin, du bist zweisprachig aufgewachsen und hast auch einige Jahre in Australien gelebt. Inwiefern hat dich die Zweisprachigkeit geprägt?

Simon Froehling: Ich weiss meine Zweisprachigkeit sehr zu schätzen – auch, weil sie mir ermöglicht, als Übersetzer zu arbeiten und so ein Zusatzeinkommen zu generieren. Und auch, weil ich denke, dass Sprachen Horizonte erweitern können. Beim Schreiben passiert es mir manchmal, dass mir ein Wort nur in der anderen Sprache in den Sinn kommt, dann muss ich jeweils ein Wörterbuch zur Hand nehmen. Überhaupt faszinieren mich Wörterbücher. Neulich habe ich den „Dornseiff” entdeckt, dessen Untertitel lautet „Der deutsche Wortschatz nach Sachgruppen”. Darin kann ich mich richtiggehend verlieren …

textín: Solche Hinweise sind immer wertvoll, danke! Werde mir das Buch auch anschauen. Du hast soeben deine Ausbildung am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel beendet. Erzählst du uns, was dir diese Ausbildung gebracht hat und eventuell etwas über deine Abschlussarbeit?

Simon Froehling: Ich bin einerseits ein sehr ehrgeiziger, andererseits ein eher fauler Mensch. Deshalb mag ich Deadlines und Strukturen. Das Literaturinstitut hat mir während dreier Jahre Struktur gegeben. Ausserdem ist der Austausch mit anderen Autorinnen und Autoren für alle Schreibenden ungemein wertvoll, denke ich. Zudem konnte ich am Institut viele interessante Kontakte knüpfen. Ich würde sagen, die Ausbildung in Biel ist ein Beschleuniger von Prozessen, die auf autodidaktischem Weg viel länger dauern. Auch bildet das Institut den Literaturbetrieb im Kleinen ab – mit all seinen positiven und negativen Seiten. Für meine Abschlussarbeit habe ich mich an einen längeren Prosatext gewagt, nachdem ich bis anhin ja hauptsächlich als Dramatiker tätig war. Mehr möchte ich darüber noch nicht sagen.

textín: Wo holst du dir deine Inspiration? In der Stadt, in der Natur oder beim Lesen?

Simon Froehling: Ich bin definitiv ein Stadtmensch und pendle zwischen Zürich und Berlin. In der sehr lebendigen deutschen Metropole finde ich paradoxerweise mehr Ruhe zum Schreiben als in Zürich … Ich schotte mich morgens gerne komplett ab, um mich nachmittags nach getaner Arbeit ins Stadtleben zu stürzen.

textín: Hörst du Musik beim Schreiben? Oder liest du vor dem Schreiben, um dich in einen bestimmten Rhythmus, einen Sound zu bringen?

Simon Froehling: Ich schreibe immer morgens – gleich nach dem Aufstehen. Lesen tue ich zuvor also nicht; das gehört zu meinen Nachmittagstätigkeiten. Ob ich Musik höre, kommt immer darauf an, was ich gerade schreibe. Bei Theaterstücken überlege ich mir manchmal, welche Szene welchen Klang haben soll, suche mir das passende Lied heraus und lasse es im Wiederholmodus laufen bis die Szene geschrieben ist. Während der Arbeit an meinem Abschlusstext fürs Institut hörte ich von November 2008 bis im Juni dieses Jahres jeden Morgen nur Bach: meist die Cello-Sonaten, manchmal die Cello-Suiten und zwischendurch die Goldberg-Variationen. Immer dieselbe Musik zu hören hilft mir, mich abzukapseln und ins Schreiben einzutauchen.

textín: Wir freuen uns auf deinen Prosatext! Weisst du schon, wie es für dich weitergehen wird, nachdem du jetzt dein Studium abgeschlossen hast?

Simon Froehling: Du erwischt mich gerade vor meinem Abflug nach Australien, wo ich als Tutor am World Interplay Festival für junge Theaterautorinnen und -autoren teilnehmen werde. Ich gehe zum ersten Mal nach zwölf Jahren nach Australien zurück, wo ich auch ein paar Wochen Ferien anhängen werde, um Freunde zu besuchen. Danach geht es weiter wie gehabt: mit Theaterprojekten und wohl vermehrt auch mit Prosa. Im September kommt eine Bühnenadaption, die ich erstellt habe und der sowohl der Roman „Wild at Heart” von Barry Gifford als auch der gleichnamige Film von David Lynch zugrunde liegt, am Treibstoff-Festival in Basel auf die Bühne. Regie führt Michael Koch.

textín: Welchen Rat gibst du Schreibszene-Leuten, die noch am Anfang ihrer Schreiblaufbahn stehen?

Simon Froehling: Weiterschreiben, weiterschreiben, weiterschreiben – und umschreiben, umschreiben, umschreiben. Ganz zu Beginn meiner Karriere sagte ein befreundeter Autor zu mir, dass junge Schreibende oft zu sehr den Dingen vertrauten, die sie bereits zu Papier gebracht haben, und viel zu wenig ihrer Fähigkeit, das Geschriebene noch besser schreiben zu können. Rückblickend finde ich diesen Rat sehr passend.

textín: Eine letzte Frage: Magst du uns ein Lieblingsbuch verraten? Eventuell eines, auf unser Fach bezogen und eines, das in deiner Reisetasche liegt?

Simon Froehling: „Story – die Prinzipien des Drehbuchschreibens” von Robert McKee, auf Deutsch erschienen im Alexander Verlag, ist ein langjähriger Begleiter von mir. Man kann für alle Textsorten viel lernen, was Dramaturgie oder auch Figurenentwicklung angeht. Nach Australien nehme ich keine Bücher mit, sondern nur den Vorsatz, mich dort mit zeitgenössischer australischer Literatur einzudecken.

textín: Herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute!

Das Interview wurde von Ruth Loosli geführt. Sie schreibt Gedichte, Kurzprosa, Theaterstücke und Hörspiele.
Bitte Urheberrechte beachten: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.

Datum: 1. März 2010 (textin Oktober 2009)
Text: Ruth Loosli
Bild: Simon Froehling
Bitte Urheberrechte beachten: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.

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