Geboren 1980 im Emmental, aufgewachsen als Aussenseiterin, die Gedichte schrieb und beim Fussball als Letzte in ein Team gewählt wurde. Politologie- und Russischstudium in Bern, daneben Tätigkeit als Journalistin und Redaktorin. Diverse Russlandaufenthalte. Sie lebt in Bern und ist Mitglied der Berner Autorinnengruppe almösen (“Camp der Guten Hoffnung” 2007) sowie Kolumnistin der Berner Zeitung BZ (“Flüchtig”). Sporadisch tritt sie als Spoken-Wordlerin auf.
Mit “Nachhernachher” ist eben ihr erster Roman erschienen.
textín: Liebe Marina, ich freue mich, dass ich dir einige Fragen stellen darf und bedanke mich schon jetzt, dass du dir die Zeit nimmst für die Antworten. Zu deinem ersten Roman möchte ich dir ganz herzlich gratulieren. Das erste eigene Buch in der Hand zu halten – der Traum vieler Schreibenden. Welche Gefühle hat dieser einzigartige Moment in dir ausgelöst?
Marina Bolzli: Vielleicht gerade dadurch, dass man normalerweise sehr viel von einem solchen Moment erwartet, war er dann gar nicht so speziell. Das ist wie bei einem Marathon: man bereitet sich vor, denkt lange Zeit an nichts anderes, stellt sich vor, wie es dann sein wird. Und plötzlich ist der Augenblick da und die ganz grossen Gefühle wollen sich einfach nicht einstellen. Das heisst, klar, ich habe mich gefreut, war stolz, ein bisschen Unglaube war auch dabei – aber dann kam der Alltag ziemlich schnell zurück.
textín: Dein Roman erzählt die Geschichte einer Frau. Wie ist der Plot dazu entstanden? Beruht er auf Erlebtem, Beobachtetem, Gehörtem oder ist die Handlung rein fiktiv?
Marina Bolzli: Ich glaube, wer schreibt, schöpft immer aus Erlebtem, Gehörtem, Beobachtetem. Meistens lässt sich hinterher auch nicht mehr genau sagen, woher ein Gedanke oder eine Figur gekommen ist. Sicher aber habe ich meiner Protagonistin zum Teil auch Gedanken in den Mund gelegt, welche meine eigenen sind. Die Handlung an sich ist aber so nie passiert.
textín: Die Geschichte einer Frau. Könnte auch ein Mann uns hier sein Leben ausbreiten? Oder ist es eher weniger denkbar?
Marina Bolzli: Bisher habe ich alle meine Geschichten aus Frauensicht geschrieben – nicht aus Prinzip, sondern weil es aus der Situation heraus jeweils logisch war. Meine Heldin thematisiert das Frausein in meinem Roman ja auch, sie hat aber zum Teil Gedanken, die auch ein Mann haben könnte. In dem Sinne muss es in “Nachhernachher” eine Frau sein – ja, denn ein Mann würde eine vielleicht ähnliche, aber doch andere Geschichte erzählen.
textín: Verrätst du uns, wo und wann du am liebsten oder aber auch am produktivsten schreibst? Wirst du ab und an auch von Schreibstaus befallen? Was unternimmst du dagegen?
Marina Bolzli: Einen Lieblingsort zum Schreiben habe ich eigentlich nicht, jedoch merke ich immer wieder, dass es gut ist für mich, wegzufahren, gewissermassen in Schreibklausur zu gehen. Den grössten Teil meines Romans habe ich ja auch in Russland und Polen geschrieben. Und dann mag ich es, wenn ich nachts nicht schlafen kann, aufstehe, Tee koche und die ganze Nacht schreibe – dann bleibt die Zeit nämlich irgendwie stehen.
Was Schreibstaus angeht, glaube ich, sind sie ein Mythos. Viel eher sind es Ablenkung, Unkonzentriertheit, Inspirationslosigkeit, die immer wieder auf mich zurückkommen und die ich irgendwie überwinden muss.
textín: Schreiben, seine Gedanken zu Papier bringen, seine Fäden zu Geschichten spinnen. Doch nur für die Schreibtischschublade sind die Aufzeichnungen zu schade. Kommt doch wohl der Wunsch auf, mehr daraus machen zu wollen. Warum nicht ein Buch herausgeben? Eine nicht leichte Angelegenheit. Wie finde ich einen Verlag? Wie muss ich vorgehen? Wie ist das bei dir gelaufen?
Marina Bolzli: Ich hatte ganz einfach viel Glück. Ich bin immer in alles reingerutscht. Zuerst schrieb ich jahrelang für die Schublade, trat dann einmal bei einer offenen Bühne auf, daraus ergaben sich einige Auftritte bei Poetry Slams, dadurch entstand die Autorinnengruppe “almösen”, mit welcher wir das Stück “Camp der Guten Hoffnung” (2007) schrieben und aufführten. Danach wiederum bekam ich Kolumnenaufträge. Und schliesslich kam meine Verlegerin Verena Zürcher vom Landverlag auf mich zu und fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, meinen Roman, den ich damals noch nicht fertig hatte, bei ihr zu verlegen. Sie hatte bis dahin lediglich eine Kurzgeschichte und Kolumnen von mir gelesen.
textín: Bist du immer auf zündende Gedanken vorbereitet? Angenommen, du läufst durch die Stadt und eine vollkommen tolle Idee geistert durch deinen Kopf. Hast du immer etwas dabei, um sie festzuhalten, kannst du dich auch später sowieso noch daran erinnern oder musst du im nächsten Restaurant um eine Serviette und einen Kugelschreiber bitten?
Marina Bolzli: Das ist ganz unterschiedlich. Ein Moleskine habe ich eigentlich immer dabei – ehrlich gesagt, nicht selbst gekauft, aber meine Freunde schenken mir ständig welche zu jedem Anlass, deshalb hab ich einen ganzen Stapel von denen bei mir zuhause. Manchmal schreib ich eine Idee auf eine Zeitung, ganz selten schicke ich mir selbst eine SMS.
textín: Wie lautet dein Motto, deine Lebensweisheit?
Marina Bolzli: Eigentlich mag ich Mottos nicht so, sie klingen immer so banal und austauschbar. Deshalb wäre mein Motto am ehesten, keins zu haben oder jeden Tag ein anderes.
textín: Und zum Schluss interessiert mich, und sicher auch alle Leser, ob du bereits an einem weiteren Roman oder Projekt arbeitest?
Marina Bolzli: Ja, ich arbeite an einem neuen Roman. Er soll diesmal in Bern spielen, Bern im Herbst mit Regen, Fussball und Lauben in der Altstadt. Daneben arbeite ich auch an weiteren literarischen Projekten, unter anderem mit einem Musiker.
textín: Vielen Dank, Marina, fürs Interview und dass wir etwas mehr über dich erfahren durften. Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg und für die Zukunft alles Gute.
Das Interview wurde von Sabine Fuhrer geführt. Sie ist “November-Schreibende” und Mitautorin der “Mordsgeschichten aus dem Emmental”.
textín Juni 2009

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