Mittwochsperle Juni 2007. Güzin Kar schreibt Drehbücher, führt Regie und schreibt Kolumnen. Die Zürcherin mit türkischen Wurzeln lebt seit ihrem fünften Lebensjahr in der Schweiz und wird bald auch einen Koffer in Berlin haben.
Fatima Vidal: Güzin Kar, erzählen Sie uns, wie Ihre Liebe zum Film entstanden ist?
Güzin Kar: Als Kind sah ich mir mit Begeisterung die Filme von Alfred Hitchcock an. Ich las auch alles über ihn und seine Filme, weil ich wissen wollte, wie er welchen Effekt in einer bestimmten Szene erzielt hatte.
Fatima Vidal: Jetzt sind Sie plötzlich ein Star. Hat sich Ihr Leben verändert?
Güzin Kar: Na, ein Star bin ich wahrlich nicht, nur etwas bekannter als früher. In meinem Leben hat sich nichts verändert, ausser dass ich einige Einladungen mehr für Galas und Premieren erhalte als noch vor einem Jahr, was mir aber egal ist, da ich nicht oft auf Galas gehe.
Fatima Vidal: In welcher Sprache träumen Sie? Haben Sie auch schon daran gedacht, türkische Filme zu schreiben?
Güzin Kar: Ich träume auf Hoch- oder Schweizerdeutsch. Wenn ich Filme auf Türkisch schreiben würde, wären dies unfreiwillige Komödien, denn meine Kenntnisse in dieser Sprache sind auf dem Stand einer Fünfjährigen. Damals kam ich mit meiner Familie in die Schweiz. Deutsch zu lernen hat mir grossen Spass gemacht. Gelernt habe es übrigens von gleichaltrigen, mehrheitlich ausländischen Kindern, die bei uns in der Siedlung lebten und schon länger hier waren als unsere Familie.
Fatima Vidal: Sie hatten das grosse Glück für Ihr Erstlingsdrehbuch “Lieber Brad” sehr schnell einen Produzenten zu finden. Wie haben Sie das angestellt?
Güzin Kar: Wir wurden einander über einen gemeinsamen Bekannten vorgestellt und ich präsentierte ihm meine Idee. Sie gefiel ihm sofort. Damals war ich im letzten Jahr an der Filmakademie in Ludwigsburg (Deutschland). Es war ein Glücksfall, dass mein erstes Drehbuch sofort verfilmt wurde.
Fatima Vidal: Was ist Ihre Lieblingstätigkeit, Regie führen oder das Schreiben von Drehbüchern und Kolumnen?
Güzin Kar: Meine Lieblingstätigkeit ist immer noch Essen! Drehbücher – oder Filme im Allgemeinen – sind eine langwierige Angelegenheit. Die Herausforderung sind hier nicht die guten Ideen, denn die hat man ständig, sondern das Dranbleiben, das ständige Verbessern, die Liebe zum Stoff nicht verlieren, auch nach der zehnten Überarbeitung, denn das gibt es manchmal. Im Gegensatz dazu sind Kolumnen viel kurzfristiger. Auch bin ich bei den Kolumnen viel autarker, habe keinen Dramaturgen als Ansprechpartner wie beim Film.
Fatima Vidal: Und wie gehen Sie beim Schreiben vor?
Güzin Kar: Ich bin keine Schnellschreiberin, weder bei den Drehbüchern noch bei den Kolumnen und überarbeite Texte immer und immer wieder, bis jedes Wort stimmt – und noch wichtiger: bis der Sprachrhythmus und die Melodie sitzen. Letzteres ist bei Komödien am wichtigsten.
Fatima Vidal: Wie lange schreiben Sie an einem Drehbuch?
Güzin Kar: An jeder Drehbuchfassung schreibe ich ca. drei Monate. Je nachdem wie viele Fassungen es gibt, vergehen Jahre bis das Buch “reif” ist. Um kreative Höchstleistungen zu erbringen, brauche ich aber den Zeitdruck. Also drängt sich bei mir meistens alles in die letzten drei Wochen, wo ich kaum mehr schlafe, nicht mehr ausgehe, nur noch schreibe bis ich umfalle.
Fatima Vidal: Bei Ihren Filmen lacht man oft. Ihren Protagonisten ist jedoch oft zum Weinen zumute. Ist Humor, wenn man trotzdem lacht?
Güzin Kar: Nein. Ich mag diesen Spruch nicht. Humor ist nicht etwas, das man einer an sich tristen Sache quasi therapeutisch entgegensetzt. Humor ist eine Betrachtungsweise, eine Lebenseinstellung, vielleicht sogar ein Temperament. Natürlich sind die besten Komödien die, die von Tragischem handeln. Aber humoristisches Schreiben oder Erzählen hat viel mehr mit Sprachgefühl, also für einen musikalischen Sinn für Sprache und Erzählrhythmus zu tun als mit sonst etwas.
Fatima Vidal: Mich interessiert natürlich sehr, wer Fatma ist und woher das Personal aus Ihren Geschichten stammt.
Güzin Kar: Ich erfinde alles, sowohl in den Filmen als auch in den Kolumnen. Ich glaube, dass es überhaupt nur erfundene Geschichten gibt. Sogar Reportagen sind erfunden in dem Sinne, dass man als Autor Entscheidungen trifft.
Fatima Vidal: Wissen Sie am Anfang Ihrer Geschichten bereits wie der Schluss aussehen wird?
Güzin Kar: In den Filmen weiss ich es immer. In den Kolumnen selten.
Fatima Vidal: Leiden Sie gelegentlich unter Schreibblockaden und verraten Sie uns Ihr Geheimnis, um wieder in den Schreibfluss zu kommen?
Güzin Kar: Ich leide permanent unter Blockaden aller Art. Und glauben Sie mir, wenn ich den Trick zur Selbstüberlistung herausgefunden habe, werde ich einen Ratgeber darüber schreiben und viel, sehr viel Geld damit verdienen. Es kriegt dann einen dieser peinlichen Titel wie “Blockadenfrei in nur 15 Tagen” oder “Neat für die Sinne. Nie wieder Schreibstau”. Ausserdem werde ich Seminare anbieten, die ein Heidengeld kosten.
Fatima Vidal: Was empfehlen Sie Schreibbegeisterten, die von einer Karriere als DrehbuchautorIn träumen?
Güzin Kar: Sie sollen es unbedingt versuchen! Man kann auch mit einem Kurzfilm beginnen, wenn man sich keinen abendfüllenden zutraut. Und sie sollen daneben möglichst keine oder sehr wenige sogenannte Brotjobs annehmen. Man muss als erstes die Sicherheiten kappen.
Fatima Vidal: Wir von Schreibszene Schweiz bedanken uns herzlich für das Interview.
Datum: 12. April 2010
Das Interview wurde im Juni 2007 geführt und im April 2010 auf die textin-Seite gezügelt.
Interview: Fatima Vidal
Bild: Güzin Kar
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