Miriam Meckel: Brief an mein Leben

Von Gerhard Falk

Rezension. Dieses Buch hat mich auf den ersten Seiten erobert. Ich treffe dort auf eine Wissenschaftlerin und eine Frau, die mich in ihrem Leben lesen lässt. Sie beginnt mit den ersten Tagen ihrer Therapie. Die Kapitel “Fenster zu mir” und “Medizinischer Stubenarrest” erinnern mich an die Selbsterkenntnisgespräche von Einhandseglern während der Weltumseglung. Doch noch viel mehr an meine eigenen Empfindungen im Burn-out. Das ist kein wissenschaftlicher, sondern ein menschlicher Text.

Genauso persönlich möchte ich über ihn berichten:

Schreiben Sie Ihrem Leben einen Brief, bevor Sie das Burn-out erwischt. Kennen Sie überhaupt die Adresse, an die Sie ihn richten müssten? Vielleicht haben Sie auch nur die grossen und wichtigen Dinge im Blick. Mit Ihrem eigenen Leben können Sie sich nicht abgeben. Überhaupt, was sollen solche dummen Fragen? Sie werden darüber stolpern – früher oder später. So wie Miriam Meckel.

Sie berichtet über ihren ganz persönlichen Fall und am Schluss schreibt sie einen Brief an ihr Leben. Einen ganz privaten Brief lesen wir und doch scheint durch das Buch die sachliche Distanz der Kommunikationswissenschaftlerin gewahrt. Sie entdeckt in einem Sanatorium ihre Innenwelt, reflektiert sie mit stillen Beobachtungen in die Aussenwelt und umgekehrt. Nach einem körperlichen und mentalen Zusammenbruch wird sie mit einer inneren Erschöpfung konfrontiert, die sie trotz eines Hörsturzes ganz einfach ignorierte. Sie wollte funktionieren. In diesem Schema war krank sein nicht vorgesehen. Das Mass für eine aristotelische Mitte zwischen Zuviel und Zuwenig hatte sie verloren, falls es ihr je zur Verfügung stand.

Sie beginnt mit dem Eintritt in eine mehrwöchige Therapie und erzählt dabei in reflektierenden Rückblenden ihr Leben. Trotz der fundierten Informationen ist es kein Sachbuch. Einzelne Szenen des Therapiegeschehens werden fesselnd erzählt. Es ist die gute Mischung, die das Buch bis zum Schluss spannend hält. Am Anfang noch liest man die zahlreichen Quellenangaben mit, auf die sie bei der intellektuellen Auseinandersetzung verweist. Doch schnell wird man von der privaten menschlichen Seite der Autorin eingefangen. Ich muss gestehen, dass ich nach den ersten zwei Kapiteln das Buch für eine Nacht beiseite legte, dann aber am nächsten Tag in einem Zuge gelesen habe.

Ihre klare schnörkellose Sprache wird sowohl den analytischen als auch den emotionalen Seiten des Textes gerecht. Mitunter finden sich poetische Stellen, die gekonnt die persönliche Stimmung des Buches verstärken. In der Reflexion ihres Lebens bis zum Tag X geht sie sehr analytisch vor. Mit zahlreichen Perspektivwechseln entsteht eine lebendige Erzählweise und der Leser wird angeregt, sich mit ihr zusammen auf die Suche nach den richtigen Fragen zu begeben. Zu den Antworten stellt sie fest, dass es ein langwieriger und schwieriger Prozess sei, während dessen sie lerne, die eigene Situation anzunehmen.

Nie habe ich in einem Buch so viele Schlüsselsätze angestrichen und mit einem Ausrufungszeichen versehen wie in diesem Buch. Miriam Meckel, sie könnte meine Tochter sein und doch lese ich sie in Augenhöhe. Sie beschreibt meinen Zusammenbruch, ihre Fragen, die meine hätten sein sollen und ihre Antworten, die für mich hoffentlich nicht zu spät kommen. Das ist der Grund dafür, dass ich zu diesem Buch nicht objektiv schreiben kann. Aber ich schreibe als Zeuge.

Sie bemüht sich um Ordnung in ihrem Leben, wo sie auf Unordnung und Unbewältigtes gestossen ist und muss doch erkennen, dass gerade dies ihr eigentliches Problem ist, was nicht wirklich abschliessend geklärt werden kann. Es muss ihr schwer gefallen sein, im Blick auf ihr Leben nicht den einer unbeteiligten Beobachterin einnehmen zu können. Das wird besonders deutlich, wenn sie Todesfälle in ihrem Freundeskreis und ihrer Familie aufzuarbeiten und vertagte Trauerarbeit nachzuholen versucht. Dennoch kommt sie zu erstaunlichen Erkenntnissen.

An keiner Stelle hat das Buch eine tagebuchartige Langeweile. Im Gegenteil: Es erzeugt eine ganz besondere Spannung, in der man an ihren Denkprozessen teilnimmt. Vom abgerissenen rosa Hosenknopf ihres Schlafanzuges, den sie statt einer Tablette versehentlich einnimmt, kommt sie mit einem Satz zum Konstruktivismus und dem Placebo-Effekt. Aber sie denkt auch über diesen scheinbaren Unsinn nach. Am Ende entdeckt sie ihr Patientenschema, das sie perfekt erlernt und angenommen hat. Doch darüber findet sie auch zu wichtigen Fragen. Spätestens an solchen Stellen gelingt es, das Thema des Buches auf weitere Lebensbereiche des Lesers auszudehnen. Es lädt zum Weiterdenken ein und provoziert eigene Fragen.

Humorvoll beschreibt sie auch den Wandel, der sich für sie nach dem Burn-out vollzogen hat. Sie sei vom Pflegeleichtprogramm zum Schleudergang gewechselt. Dabei stellt sie kritische Fragen an die Auswüchse der Leistungsgesellschaft, aber auch an das ihr zugrunde liegende Menschenbild.

Was mich zum Ende des Buches etwas nachdenklich zurückgelassen hat, ist das nach wie vor strenge Bemühen der Autorin “Ordnung in ihr Leben” bringen zu wollen. Da scheint das Verlangen nach durchstrukturieren, vorherplanen, alles im Griff behalten wollen immer noch durch. Wenn auch mit gegebenenfalls etwas veränderten Vorzeichen. Ich gewinne den Eindruck als wolle sie sagen: “Jetzt habe ich das neue Prinzip erkannt und ich beherrsche es.” Wird sie den Blick für die zufälligen Kleinigkeiten behalten und deren Bedeutsamkeit für ihr Leben, die sie selbst so gekonnt beschreibt, sich die Entschleunigung bewahren, die alleine sie in die Situation bringt, sie zu sehen?

Hoffen werde ich es für sie und für mich, dass wir die Briefe, die uns unser Leben schreibt, annehmen und auch lesen werden.

Brief an mein Leben: Erfahrungen mit einem Burn-out
Miriam Meckel, Rowohlt, 2010 ISBN: 978-3-49804-516-6

2 Kommentare

  • Thun, Gerhard's Gravatar Thun, Gerhard 22. April 2010

    Ja, das können alles interessante Stile sein, des einen und des anderen Lebens, auch meines, das inzwischen die hundert Seiten überschritten hat, aber ich sehe noch keinen Horizont und wenn ich den je erreiche, sehe ich wieder einen oder keinen und so gehe ich um die Erde, vielleicht um mich selber zu finden. Burn Out hatte ich noch nicht, obwohl ich die 80 dann bald erreiche, jedenfalls wenn mein Werk fertig ist. Es soll für die Nachkommen sein und für die, die mich andauernd fragen, wie das denn gewesen sei, damals, als wir im Flammenmeer sassen und apathisch in den Himmel schauten. Sollen sie doch kommen, dann bin ich wenigstans weg, dachte ich, aber sie hatten es nicht geschafft. Ein Leben, das einen verfolgt und immer mal in der Nacht im Schweiss gebadet aufwachen lässt. Leben? Wohl eher die Hölle auf Erden, schlimmer kann es nicht werden, auch alte Menschen können weinen, wie die zwei “Wolfskinder” deren Weg ich auf einigen wenigen Seiten brachte. Vor kurzer Zeit ist mein Bruder gestorben, genau am 04. April 2010, nur er könnte jetzt sagen, ob es in dem “DORT” besser ist.
    Es grüsst ein Thun

  • debrunner zora's Gravatar debrunner zora 20. Juni 2010

    Ich habe Deine Rezension gelesen und bin sehr berührt. Dieses Buch wird wohl als nächstes auf meinem (vollbepackten) Nachttisch liegen.

    Herzlich, zora

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