Martin Suter, Der Koch

Von Daniel Ammann

Rezension. Ein schlichter Titel wie «Der Koch» setzt in unseren Köpfen wenig in Gang. Der Name des Autors Martin Suter weckt hingegen auf Anhieb hohe Erwartungen. In seinen bisherigen sechs Romanen hat er uns virtuose Plots und ausgefallene Charaktere serviert.

Das Rezept für einen Bestseller scheint er zu kennen. Ob er auch diesmal danach kocht? Das Coverfoto von Rainer Holz, «Woman Eating Caviar Off Finger», stimmt jedenfalls auf einen sinnlichen Lesegenuss ein und lässt vermuten, dass uns Suter keine Buchstabensuppe auftischt.

Die Geschichte beginnt in einem Zürcher Nobelrestaurant, wo Asylanten hinter den Kulissen die niederen Arbeiten verrichten, während die Reichen und Mächtigen bei Tische sitzen und trotz Finanzkrise fürstlich feiern. Küche und Kapital gehören verschiedenen Welten an, aber Suter führt sie über Politik, Panzergeschäfte, Partyservice und Prostitution bald zusammen.

Maravan, der Asylbewerber aus Sri Lanka, verliert seine Stelle als Küchenhilfe, weil er ein teures Küchengerät ausgeliehen hat, um für seine Arbeitskollegin Andrea ein Liebesmenü zu kochen. Er versteht sich auf die Geheimnisse der Molekularküche, auf ayurvedische Rezepte und exotische Gerichte mit aphrodisischer Wirkung. Obwohl Andrea keinerlei Interesse an ihm hat, erliegt sie nicht nur seinen magischen Kochkünsten und kommt auf eine lukrative Geschäftsidee. Was mit exklusiven sexualtherapeutischen «Love Dinners» für verheiratete Paare beginnt, verkommt jedoch bald zur kulinarischen Dienstleistung für korrupte Kunden im Escortgewerbe. Maravan verrät seine moralischen Prinzipien, aber er braucht das Geld dringend, um erpresserische Landsleute und seine Verwandten in der Heimat zu unterstützen. Als der «Sexkoch» unfreiwillig zum Handlanger dubioser Drahtzieher wird, die Waffen an die Befreiungstiger und die sri-lankische Armee verscherbeln, beschliesst er endgültig aufzuhören.

Suter hält das Tempo bis zum Schluss und taktet seine Erzählung mit Ereignissen zwischen März 2008 und April 2009. Wie aus einem Newsticker laufen die Meldungen im Hintergrund durch: globale Finanzkrise, Bürgerkrieg in Sri Lanka, Fussball-Europameisterschaft, Barack Obama, Oscar-Verleihung … Selbst der Einsturz einer Turnhalle in St. Gallen findet ihren Niederschlag. Dabei überfrachtet Suter seine Geschichte nicht, vielmehr dienen ihm Schlagzeilen und Weltgeschehen als erzählerisches Kontrastmittel und rücken das menschliche Los der Figuren desto deutlicher in den Vordergrund. Maravan lässt sich zu einem allerletzten Love Menu überreden, und Suter garniert mit Komplott. Gibt es doch noch eine Leiche zum Dessert?

Martin Suter
Der Koch
Roman. Diogenes Verlag. 2010.

Daniel Ammann lebt in St. Gallen und arbeitet als Autor, Redaktor und Schreibberater. www.magoria.ch

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