Margrit Schriber, Die hässlichste Frau der Welt

Von textin

Leseprobe. … Als die Hässliche aus dem Käfig steigt, ist die Schöne vergessen.

Lent wirft seine Arme hoch und rennt mit Trippelschritten durch die Manege wie über ein erobertes Territorium. “Ugly Julia! Here she comes.” Das Objekt wackelt in den hellen Kreis des Gaslichts. Der Federaufbau im Haar zittert bei jedem Schritt und wippt eine Weile nach. Auch der Teller des kniekurzen Rocks schwankt und die Rüschen verwehen ihre Notenpartitur. Julia stellt sich mit leicht gegrätschten Stiefeletten ins Licht und streift den Bart zur Seite, so dass ihr glitzerndes Geschmeide über dem kurvigen Brustpanzer aus Fischbein zu sehen ist. Angeschnittene Ärmel entblößen dichtbehaarte Arme, die sie seitwärts übers Rüschenkleid spreizt. Eine kleine, geschmückte, bärtige Tänzerin von unbeschreiblicher Hässlichkeit. Julia ist den Blicken ihres Auditoriums ausgeliefert. Die Besucher bekreuzigen sich. Sie verneigt sich vor ihrem Publikum mit Grazie. Als Erstes tanzt sie den Highland Flyer. Danach tanzt sie einen Flamenco. Den Arm mit der Kastagnette über den zurückgeworfenen Kopf gehoben, stampft sie auf, und dann hämmern ihre Absätze den Takt auf den Bretterboden zum Wirbel der Rockrüschen. Die Stoffwellen fliegen um die haarigen Beinchen zum Geklapper der Kastagnette. “Olé!”, ruft sie ins Auditorium. “O honey! Ist sie nicht süß?” Ihr Impresario küsst die Fingerspitzen, hingerissen vom Fortschritt seines Wildlings und seiner gelungenen Domestizierung, begeistert von seiner Leistung als Dompteur. Er trabt mit erhobenen Armen durchs Rund der Manege und schickt viele Handküsse ins Publikum. Nach diesem Lob nimmt Julia Pastrana ihren Stickrahmen zur Hand und macht eine Anzahl Stiche, während er, ihre Handwerkskunst preisend, herumstolziert. Er weist auch auf ihre Sprachfertigkeit und ihre vollendeten Formen hin. Julia legt seufzend den Stickrahmen auf den kleinen Tisch und antwortet auf Fragen des Publikums. Woher kommt sie? Wie alt ist sie? Welche Musik mag sie? Gefällt ihr England? Wie viele Sprachen beherrscht sie? Wie kommt es, dass sie lesen und schreiben kann? Wer sind die Eltern? Hat sie Geschwister? Möchte sie heiraten? Möchte sie Kinder? Reist sie gern? Sie legt die Hände ineinander und denkt kurz nach, ehe sie eine Antwort gibt. “Yes, Sir, nein, Madam, noch so gern, Miss, sehr, doch, zum Teil, merci beaucoup, jeune homme, very kind, gentleman, à bientôt, bye bye.” Nun schlägt der Impresario vor, dass Julia für das Publikum ein Lied singt. Als Krönung des Abends. Sie ziert sich ein wenig, wiegt ihre Schultern und reibt die Spitze der Stiefelette im Sägemehl. “Wir bitten Sie darum, Miss Julia!” Sie streicht ihr Pinselhaar über die große Ohrmuschel und sammelt sich. Niemand atmet. Dann klappt sie die fahlen Lider auf, hebt ihre Hand zu den Sitzreihen und beginnt mit einem tiefen Atemzug zu singen. Ihre weiche zarte Stimme schwebt zur Decke. Das Publikum sitzt aufrecht und starr auf den Bänken. Auch die Zweifler, die Frauenrechtlerinnen, Forscher und Wichtigtuer. Sie sind gefangen. Fasziniert vom ersten bis zum letzten Ton. Dieses schillernde Geschöpf aus Übersee erzwingt sich ungeteilte Aufmerksamkeit.

Aus: Margrit Schriber ‘Die hässlichste Frau der Welt’, © 2009 Nagel & Kimche

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