Lulu Frei, Buchhändlerin

Von Lulu Frei

Augusto, ein Berufskollege von Theodora, kommt ab und zu in die Buchhandlung. Er hat Stieg Larssons Trilogie gelesen und braucht meiner Meinung nach einen Genrewechsel.

„Was meinst du dazu?“ Er hebt das Buch vom Bestsellertisch.

„’Bis(s) zum Ende der Nacht’ ist nichts für dich“, winke ich ab. „Das ist für Teenies.“

„Ach ja?“ Augusto hebt eine Augenbraue. „Etwa zu keusch?“ Er gluckst, als sei ihm ein besonders guter Witz gelungen. Die Buchhandlung ist heute beinahe leer und ich habe viel Zeit für ihn und seine Albernheiten.

„Wie wär’s mit Carla del Pontes Biografie?“

„Ach nee, du weisst doch, liebe Lulu, dass Männer über Männer lesen wollen.“ Er streicht sich eine Locke zurecht. „Wegen der Identifikation und so.“

Augusto ist ein schöner Mann. Die blonden Locken sind zwar immer flachgedrückt – vom Velohelm, aber das tut der Schönheit keinen Abbruch. Seine Kleidung ist teuer und unauffällig. Doch das Strickjäckchen über dem Hemd verrät ihn. Es ist ein typisches Therapeuten-Jäckchen. Ich frage mich, warum er immer noch Single ist.

„Sean Connerys Biografie? – Ganz frisch rausgekommen. Oder das neue Buch von Lukas Hartmann? Oder der Katalane?“ Ich lege alle Bücher vor ihm auf den Tisch. „Oder vielleicht etwas von Edgar Allan Poe?“

„Nö.“ Augusto blickt lustlos von einem Buch zum nächsten. Öffnet sie, schliesst sie wieder, dreht sie. “Irgendwie bin ich heute wohl nicht in Kauflaune.“

Da ich sowieso gleich Mittagspause habe, verbringe ich sie mit Augusto. Er besteht darauf, mich zum Essen einzuladen und mir ist das bei meiner angespannten finanziellen Lage ganz recht.

„Weisst du, Lulu, manchmal denke ich an dieses Wochenende zurück. Weisst du noch?“ Er spielt mit dem Zuckersäckchen.

Natürlich weiss ich noch. Ich beisse in das Salzstängeli und sage nichts. „Und ich frage mich, warum du immer noch Single bist.“

Lulu Frei (Pseudonym) schreibt über das Leben als Buchhändlerin.

textín Juni 2009

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