Leseprobe: Ulrike Ulrich

Von textin

Totale Phase

Wir gehen den Mond unter der Brücke suchen. Viel haben wir noch nicht gemeinsam. Nur die Zukunft und eine Verabredung zum Mond. Du kannst mit ihm tanzen. Ich seh dir zu, an den Pfeiler gelehnt. Der Mond spiegelt sich in der Schneedecke, sage ich und du nimmst mir nicht übel, dass ich ohne Not lüge. Hinter meinem Rücken steigt der Mond in den Fluss. Ich kann dein Lied sehen.

Ich tanze so gern mit dir im Schnee, werde ich Wochen später sagen. Du wirst mir Lieder schenken, damit ich sie trage. Zwischen uns fallen flach die Kristalle. Du darfst mich vertonen, werde ich sagen, obwohl du so viel Entfernung brauchst und ich so viel Rot.

Wie lange noch, frage ich, als du mich in den Kreis holst. Wir haben noch nie eine Uhr gehabt. Nicht mal am Anfang. Wir raten. Wir laufen. Wir tanzen. Manchmal sind wir uns Mond. Der lacht hinter halb vorgehaltener Hand. Es ist so weit, sagst du, und wir tanzen den Kopf im Nacken. Bis wir unter der Brücke stehen. Über meinen Kopf hinweg siehst du, wie der Mond in Deckung geht, mein Rücken warm.

So werden wir oft stehen, der Größe nach. Ich werde sagen: genau hier. Wochen später wirst du die Schneeflocken aufs Sterben vorbereiten, bevor ich sie trinke. Wie kann es nicht dunkel werden. Es ist eine gute Zeit zum Schmelzen. Ich denke an dich in Temperaturen. In Gegensätzen. Das Licht ist kalt, das Wasser warm. Monde später werden wir uns anvertrauen. Ich kann dein Lied sehen, wirst du sagen. Ich tanze dazu. Schön, wirst du sagen. Ich küsse dich auf die Augen. Schön, dass der Spiegel schmilzt.

Der Hund ist tot

Der, der den Hund begraben hat, der hat vergessen, wo er liegt. Der hat kein Kreuz gemacht und keine Kerbe. Der hat von Breitengraden keine Ahnung und weiss nicht mal, in welcher Gegend. Ob er den Hund in halbgefrorner Erde, in abgesacktem Sand, in Torf, in Lehm. Er weiss es nicht.

Jetzt suchen alle nach der Leiche. Mit Wünschelruten, Satelliten, Schäferhunden. Mit Archäologen, Pathologen, Kopfgeldjägern, Agenten, Agenturen und Experten. Mit Bodentruppen und mit Religion.

Der, der den Hund begraben hat, der hat den Hund nicht mal gekannt. Er hat ihn bloss gefunden. Der, der den Hund begraben hat, der fürchtet sich vor Hunden, selbst vor toten. Er hat so tief gegraben, wie er konnte. Ob er vor Jahren, Tagen, vor Jahrzehnten. Er weiss es nicht. Er weiss auch nichts vom Leichengift.

Weil niemand wirklich weiss, wo er begraben liegt, gibt es an jeder Ecke Hundegräber, und jeder hält ein andres Grab für das verbürgte. Sie weinen Tränen über Maulwurfshügel, sie klagen, schreien, werfen Blumen, sich zu Boden, einander vor, am falschen Grab zu stehn und sagen: Das Grab ist leer.

Der, der den Hund begraben hat, der leidet lang schon unter Amnesie. Seit er am Grab des ungekannten Hundes stand. Er weiss nicht, wer er ist noch was er wollte. Er wird von niemandem erkannt. Er ist mit niemandem verwandt. Doch jeder fragt ihn nach dem Weg. Er weiss ihn nicht.

Diese und weitere Texte aus Ulrike Ulrichs Feder sind zu hören unter http://www.literaturradio.at

Ulrike Ulrich lebt als Schriftstellerin in der Schweiz. Ihr Weg führte von Düsseldorf über Münster und Wien nach Zürich, wo 2004 ihre erste Einzelveröffentlichung erschien. 2008 hat sie gemeinsam mit Svenja Herrmann die Anthologie “60 Jahre Menschenrechte – 30 literarische Texte” herausgegeben. Mit Kurzprosa und Performance-Texten gewann sie mehrere Preise, zuletzt das Stipendium als Albschreiberin 2009. Ulrike Ulrich ist Mitglied der AutorInnengruppe index: www.wortundwirkung.ch

textín Juni 2009

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