Interview. “Wie macht sie das bloss?”, fragen sich die Leser – oder müsste man sagen Löser? – von Trudy Müller-Bosshards Kreuzworträtseln jeweils, wenn sie nach stundenlangem Brüten endlich das Lösungswort gefunden haben. Ihre Rätsel, die seit 1993 im Magazin des Tages-Anzeigers erscheinen, sind nämlich keineswegs konventionell. Was ist etwa “Bei unsereins begehrt – was der Brite nicht versteht”*? Trudy Müllers Fingerzeige hinterfragen den gewohnten Sprachgebrauch und lassen sich nur mit querem Denken durchschauen. Ein klassischer Tipp wie “engl. Ratte” wirkt neben ihrer Wortakrobatik gar fad und es überrascht nicht, dass diese ihre Anhänger gefunden hat. Im Gespräch mit textín beschreibt die bekannteste Rätselschreiberin der Schweiz zur Abwechslung ihre eigene Arbeit.
textín: Frau Müller, trotz Ihrer grossen Fangemeinde sind Sie in den Medien kaum anzutreffen. Ziehen Sie sich bewusst zurück?
Trudy Müller-Bosshard: Es stimmt schon, dass Interviews nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung sind. Ich bin überhaupt keine Rampensau, und wenn ich mal ins Fernsehen muss, leide ich davor tausend Tode.
textín: Ihre Rätsel bringen die Gehirne Ihrer Leser jeweils auf Hochtouren. Da muss hinter der Verfasserin ein wahres Bollwerk an Wissen stecken?
Trudy Müller-Bosshard: Ich verstehe manchmal nicht, dass die Leute meinen, ich hätte dreifach doktoriert. Besonders gut kenne ich mich zum Beispiel in der Rockmusik aus, doch ansonsten habe ich einen ganz normalen Bildungsrucksack. Es gibt schlicht keinen Grund, in Ehrfurcht zu erstarren. Ich habe ja nicht einmal studiert, und ich glaube, dass genau das mein Vorteil ist. Wenn ich in jedem Gebiet ein Crack wäre, würde ich die Leser überfordern und könnte keine Rätsel mehr schreiben.
textín: Ein umfassendes Allgemeinwissen ist für Ihren Beruf doch aber Voraussetzung.
Trudy Müller-Bosshard: Natürlich muss ich mich immer wieder in Gebiete einarbeiten, selbst wenn sie mich nicht brennend interessieren. Ein Rätsel entwickelt immer eine gewisse Eigendynamik, und oft stosse ich auf mir ganz fremde Themen. Ins aktuelle Rätsel ist beispielsweise der Begriff “Triade” eingegangen, eine Bezeichnung für die chinesische Mafia. Da kannte ich mich im Detail nicht aus, aber jetzt interessiert es mich und ich lese viel darüber. Das muss ich auch, weil am Schluss alles stimmen muss. Erst wenn ich das Ganze verstehe, kann ich es mit einem einfachen Lösungswort verknüpfen, das auch der Leser herausfinden kann. Denn der hat ja nichts darüber gelesen.
textín: Wie reagieren Ihre Löser denn auf Ihre Rätsel? Bekommen Sie viele Rückmeldungen?
Trudy Müller-Bosshard: Ich erhalte häufig Mails. Manchmal stört es mich aber, dass ich nur auf die Rätsel reduziert werde. Ich hasse es zum Beispiel, wenn ich irgendwo eingeladen bin und die Leute dann meinen, sie müssten mit mir über Rätsel reden. Am schlimmsten finde ich diejenigen, die sagen: “Ja ich hab’s versucht zu lösen, war aber zu dumm dafür.” Das ist meine Arbeit, und am liebsten hätte ich, wenn mich überhaupt niemand darauf ansprechen würde. Wenn Leute das dann trotzdem tun und eine gewisse Grenze überschreiten, kann ich sehr rüde werden. Ich bin schliesslich auch noch eine andere Person und möchte mich nicht als jemandes “Trudy” vereinnahmen lassen.
textín: Von Ihren treusten Fans werden Ihre Rätsel seit 2006 jeden Samstag auf einem Blog diskutiert.
Trudy Müller-Bosshard: Ich kenne den Blog, aber ich würde mich da niemals einloggen und mir ansehen, was die Leute für ein Problem mit mir haben.
textín: Warum nicht?
Trudy Müller-Bosshard: Das ist reiner Selbstschutz, denn die Schwierigkeiten der Leser würden automatisch meine Schere im Kopf aktivieren. Plötzlich müsste ich während der Arbeit denken: “Uh, verstehen sie diese Formulierung, oder muss ich ihnen mehr helfen?” Ein Beispiel ist der unlängst verstorbene Nationalrat Ernst Mühlemann, auch ein regelmässiger Löser. Wir kannten uns und trafen uns jeweils etwa vier Mal pro Jahr zum Mittagessen. Er wusste viel über Fussball, aber von Rockmusik oder Film hatte er keine Ahnung. Leicht vorwurfsvoll erzählte er mir jeweils, dieses und jenes hätte er nicht rausfinden können. So wurde er buchstäblich meine Schere im Kopf. Machte ich etwas zum Thema Punk, dachte ich immer, der Ernst weiss es wieder nicht. Gebracht hab ich es trotzdem, aber die Bremsprozesse setzen schon während des Schreibens an, ohne dass man es wahrnimmt. Ich bin deshalb froh um jeden Rätsler, den ich nicht kenne.
textín: Nun mal grundsätzlich: Ist Rätselschreiben überhaupt Schreiben?
Trudy Müller-Bosshard: Es ist ein extrem reduziertes Schreiben, weil ich ja keinen Lauftext vor mir habe. Ich habe eine Platzvorgabe, die fast nichts zulässt, und so muss ich meinen Gedankengang auf das absolute Minimum runterformulieren. Ein fliessendes Schreiben ist es also überhaupt nicht, aber es hat viel mit der Freude an der Sprache und dem Formulieren zu tun. Die Recherche ist aber die gleiche wie beim Verfassen eines Zeitungsartikels, denn all meine Aussagen müssen Hand und Fuss haben.
textín: Wie muss man sich das vorstellen, ein Rätsel zu schreiben?
Trudy Müller-Bosshard: Zunächst arbeite ich von links oben nach rechts unten. Am Anfang habe ich jeweils eine Liste von Wunsch-Wörtern. Es sind Begriffe mit grossem Assoziationsreichtum oder solche, über die ich leicht mehr herausfinden kann. Dann beginne ich gedanklich zu spielen und notiere, was mir gerade in den Sinn kommt. Wenn das jemand lesen würde, würde er sagen: “Die Frau hat eine Meise.” Irgendwann macht es “Klick” und ich kann einhaken. Das Rätsel bekommt dann schnell eine Eigendynamik, die mich immer weiter führt. Wenn ich rechts unten ankomme, passt oft nichts mehr rein, höchstens noch so ein griechischer Gott – die sind relativ vokalreich – oder ein obskurer Fluss. Bei solch unbekannten Wörtern muss ich meine Hinweise dann so formulieren, dass der Leser dennoch die Chance hat, das Wort rauszufinden.
textín: Um diese Chance zu erhöhen, geben Sie den Lesern in Ihrem Buch “Kreuzworträtsel 3″ Tipps, wie man auf die Lösungen kommen kann. Haben Sie auch ganz bestimmte Tricks zur Herstellung von Rätselsätzen?
Trudy Müller-Bosshard: Nein, es kommt nur darauf an, was man im Oberstübchen hat. Die Verknüpfung wird im Denkapparat geboren. Sonst passiert einfach nichts. In dem Sinn habe ich keine Strategie. Ich hoffe einfach immer auf den “lucky punch”, also dass ich an irgendetwas hängen bleibe, das sich auch gut mit Redensarten verknüpfen lässt. Damit kann man den Leser nämlich auf eine falsche Fährte führen. Das ist der Trick dabei; der Rätsler folgt den gewohnten Denkmustern, wenn er aber genau hinsehen würde, geht es gerade in die andere Richtung.
textín: Nehmen Sie keine Software zu Hilfe?
Trudy Müller-Bosshard: Nein. Oder ja gut, im Internet gibt es eine ganz einfache Kreuzworträtsel-Software, dort finde ich dann notfalls den tschechischen Fluss, wenn ich ganz rechts unten bin. Aber grundsätzlich möchte ich, dass es “handgestrickt” ist. Es wäre ja furchtbar langweilig, wenn ich nach drei Wörtern einfach auf eine “Complete”-Taste drücken würde.
textín: Dann ist Ihnen das Rätseln also noch nicht langweilig geworden?
Trudy Müller-Bosshard: Klar gibt es Wochen, in denen ich mehr kämpfe, aber das ist ja überall so. Was mir manchmal fehlt, ist mein früherer Beruf. Ich würde gerne wieder einmal eine Reportage machen, aber dafür habe ich einfach keine Zeit. Für ein Rätsel brauche ich genau eine Woche, es ist also ein Fulltime-Job.
textín: Was machen Sie, wenn Ihnen mal nichts einfällt?
Trudy Müller-Bosshard: Was ich mit dem Alter über Schreibstaus lernte, ist, sie halt “gopfer…” zuzulassen. Es bringt nichts, sich vor dem Bildschirm abzuquälen. Ich spiele dann meistens eine Runde Snooker, denn da kann ich an nichts anderes denken. Ist das Oberstübchen gelüftet, kann es wieder weiter gehen.
*Rat (engl. Ratte)
Trudy Müller-Bosshard machte nach ihrer Handelsmatura den direkten Sprung in den Journalismus und erlernte diesen “by doing”. Zwölf Jahre war die Aargauerin als Rockjournalistin beim Jugendmagazin Pop tätig, bis sie Mitte der 80er-Jahre Mitbegründerin der Zeitgeist-Zeitschrift Magma wurde. Als sie nach deren Einstellung den Posten der Chefredakteurin des Aha, einer Satire- und Spielzeitschrift übernahm, fehlte dem Heft noch ein “anständiges” Rätsel; und da Trudy Müller niemand Geeigneten finden konnte, machte sie sich gleich selbst ans Werk. Seit 1993 erscheinen ihre Rätsel im Magazin des Tages-Anzeigers und sie hat drei Rätselsammlungen publiziert.
Interview: Martina Kammermann
Datum: 13.03.2010 (textin Oktober 2009)
Text: Martina Kammermann
Bild: Martina Kammermann
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1 Kommentar
Ist schon interessant, dass die Trudy eine ganze Woche benötigt um so ein Rätsel zu basteln. Sind halt kleine Kunstwerke, diese Rätsel zum um-die-Ecke-denken. Schönes Interview!
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