Der Kaiser unter den Hofdichtern: Ein Porträt
Berlin – Linz – Innsbruck – Aarau – Bühler – Burgdorf – St. Gallen – Thun – Darmstadt – Brunnen – Berlin – Basel – Winterthur – Berlin … Wirft man einen Blick auf Renato Kaisers Terminkalender, kann man in Sachen Geografie des deutschen Sprachraums einiges dazulernen. Seit fünf Jahren tourt der gebürtige Goldacher (SG) durch die Schweiz, Deutschland und Österreich und erobert mit seinen Texten landauf und landab die Ohren des Publikums, beziehungsweise dessen Applaus. Genau diesen braucht es nämlich, um einen Poetry Slam zu gewinnen. Literatur wird hier nicht mit Wasserglas diskutiert, sondern vom gekurzweilten Publikum bejubelt und seltener auch ausgebuht. Texte werden nicht “nur” gelesen, sondern performt: Es wird geschrien, gekeucht und geflüstert. Und das kann Renato Kaiser ziemlich gut.
Die Erfolgsstory
Seinen ersten Slam-Sieg feierte der Geschichtsstudent nach nur einem halben Jahr Einsteiger-Dasein im November 2005 mit dem Text “Ich will einmal ‘nen Slam gewinnen”. Und erbeutete sich damit seinen ersten Slam-Pokal, eine Whiskey-Flasche. 2007 gewann er den internationalen Slam in Bozen und war im selben Jahr mit den meisten Siegen der erfolgreichste Slam-Poet der Schweiz. Seither hat sich der 23-Jährige mit seinem geschliffenen Mundwerk zu einem der bekanntesten deutschsprachigen Poetry Slammer gedichtet. Und man könnte meinen, dass er sich tatsächlich schon vom Dichten “ernährt”: Über sechzig Flaschen des goldbraunen Gebräus konnte er mittlerweile nach Hause tragen. Gegen diese Interpretation protestiert er jedoch und betont, dass er seine Pokale oft auch verschenkt. “Solange es kein ‘Oban’ ist – mein Lieblingswhiskey”, fügt er mit verschmitztem Grinsen an. Aber um diesen soll es hier nicht gehen, wo die Dichtkunst doch im Zentrum jedes Slams steht.
Renato Kaisers Texte handeln von fatalen Niederlagen und perfekten Wellen, von Weltverbesserern und -verschlechterern, vom versoffenen Goethe und postpostpost-modernen Worten. Sie fragen, was Jesus tun würde, wenn er begnadigt würde, was die Liebe ist und nicht ist, und was Welterschaffer Jochen mit all dem zu tun hat. Wenn Renato Kaiser den Mund aufmacht, erwartet einen ein Feuerwerk von quirligen Wortspielen, gekonnten Reimen, witzigen Pointen, philosophischem Scharf- und manchmal auch Blödsinn. Wie er auf seine Ideen kommt, kann er nicht sagen: “Die Ideen kommen einfach; der schwierigere Teil ist dann deren Ausarbeitung.” Manchmal dauert das nur eine Nacht, es kommt aber auch vor, dass der Ostschweizer zwei Monate an einem Text feilt, bis er wirklich zufrieden ist. Die Feuerprobe eines Textes sei aber jeweils sein Vortrag vor dem Publikum; an dessen Reaktionen merke er am besten, wenn etwas noch nicht passe.
Das Geheimrezept
Was braucht denn aber ein Text genau, um damit einen Slam zu gewinnen? Ein guter Slam-Text zeichnet sich für Renato Kaiser in erster Linie durch seine Originalität aus. Gerade weil den Dichtern beim Poetry Slam keinerlei Grenzen gesetzt sind, freut er sich immer besonders über innovative Texte, welche das Publikum zu überraschen vermögen. “Mir gefällt es, wenn ein Dichter die Grenzen dessen, was auf der Bühne möglich ist, neu auslotet und auch mich als erfahrenen Slammer mit etwas völlig Neuem konfrontiert.” Das Publikum bevorzuge im Allgemeinen weniger die experimentellen Vorträge, sondern eher Texte, welche gewohnte Themen behandeln. Das sei aber keineswegs ein Vorwurf: “Egal, ob ein Text lustig oder ernst, ungewöhnlich oder ein wenig ‘mainstreamig’ ist, das Publikum goutiert die guten Vorträge und verteilt den schlechteren auch die entsprechenden Noten.”
Mit dem guten Text allein ist der Slam aber noch nicht gemacht. Die Performance eines Textes ist mindestens so wichtig wie seine inhaltliche Qualität, und das Entscheidende an der Performance ist laut Kaiser, dass sie zum Text passt und mit ihm eine Einheit bildet. So sollte es nicht passieren, dass ein eigentlich trauriger Text durch den Vortrag ungewollt komische Züge bekommt, und umgekehrt bei einem witzig gemeinten Text die Pointen in ihrer weinerlichen Darstellung versiegen. Die Art des Vortrags soll den Inhalt des Textes widerspiegeln und das Publikum so in die richtige Stimmung versetzen.
Bei einem ernsten Text sei das ein bisschen schwieriger, oder um es mit den Worten Kaisers zu sagen: Es braucht ein wenig “mehr Eier”. Witzige Texte seien deshalb keineswegs trivialer; das Dankbare am pointenreichen Text sei nur, dass der Slammer durch Lachen und Kichern eine unmittelbare Reaktion vom Publikum erhalte und so auch angespornt werde. Bei einem traurigen Text kommt das Feedback erst ganz am Schluss. So oder so lautet aber das Erfolgsrezept eines Slam-Vortrags, die Zuhörer soweit zu fesseln, dass diese gar nicht mehr realisieren, wie lau das Getränk in ihrer Hand inzwischen ist.
Der Tipp
Kein Zweifel, dass diese Kunst geübt sein will. Renato Kaiser investiert als erfahrener Slammer jeweils etwa zwei Nachmittage für das Auswendiglernen und die Einübung eines Auftritts. Die Lautstärke, die Pausen, die Mimik und Gestik müssen passen. Manchmal besucht Renato Kaiser auch Workshops, aber das meiste lerne er auf der Bühne. “Um einen Text auf der Bühne glaubwürdig zu verkörpern, braucht es schon diese ‘Rampensau’ in einem, die den Leuten gerne etwas vorzeigen will.” Und ob man wirklich gerne auf der Bühne stehe, merke man eben am besten, wenn man darauf stehe. Deswegen rät er allen, die sich überlegen, auch mal einen Text vorzutragen: Ausprobieren. Keine Angst haben. “Man kann dabei nichts verlieren, nicht einmal wenn der Auftritt in die Hose geht. Die Freude daran ist das Wichtigste.”
Die hat Renato Kaiser und ist deswegen auch bereit, einen grossen Teil seiner Zeit in Schnellzügen zu verbringen. Momentan lebt er mit seiner Freundin in Fribourg, wo er auch studiert. “Bei zwei bis drei Auftritten die Woche muss die Uni schon mal zurückstehen oder das Referat eben unterwegs geschrieben werden.” Sein Geschichts- und Germanistikstudium möchte er aber trotz seines Ziels, zukünftig vom Schreiben zu leben, auf jeden Fall abschliessen. Und ein Blick auf die Uhr der Uni-Cafeteria zeigt, dass Renato bereits wieder weiter muss. Wohin? Ins Boxen. Schlagfertig scheint also nicht nur sein Mundwerk zu sein.
Für jene, die von dieser inzwischen salonfähigen Form des Gedichtvortrags noch nichts gehört haben, sei hier kurz erklärt: Bei einem Poetry Slam treten mehrere Dichter mit ihren Texten an und werden dann vom Publikum mit Zahlentafeln (ja, so wie bei ‘MusicStar’) oder eben in Form von Applaus bewertet. Wer im Finale die meisten Dezibel schafft, hat gewonnen.
Martina Kammermann ist Germanistikstudentin und Journalistin. Ab und zu ist sie an Poetry Slams anzutreffen, allerdings nur als Bejublerin.
textín Juni 2009

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