Interview mit Lukas Hartmann

Von Denise Maurer

An jedem Buch habe ich ein Leben lang gearbeitet

DM: Herzlichen Dank, Lukas, dass du dich bereit erklärt hast, für Schreibszene Schweiz aus der Schule zu plaudern. Stichwort Schule: Du hast ursprünglich unterrichtet und noch heute bist du – neben deiner Arbeit als freier Schriftsteller – als Kursleiter und Coach tätig. So kannst du uns Schreibende gewiss schreibhandwerklich unterstützen. Uns interessieren alltägliche Dinge ebenso wie Details über deine Arbeitsweise.
Eine Aufwärmfrage: Hast du immer Schreibzeug dabei, wenn du aus dem Haus gehst?

Lukas Hartmann: Meistens ja, ein gut gespitzter Bleistift und ein kleines Notizbuch haben fast überall Platz (ausser in der Badehose). Aber die Hauptsache, der Kopf nämlich, in dem die Gedanken kreisen und sich verdichten, ist ohnehin immer dabei.

DM: Was macht deiner Meinung nach aus einem Menschen, in dessen Kopf sich Geschichten verdichten, einen Erzähler, eine Schriftstellerin? Der zündende Funke, wie sieht er aus?

Lukas Hartmann: Ich glaube, zum Schreiben gebracht hat mich der Drang, meine Geschichten, Ideen, Fantasien konkret zu gestalten, anders gesagt, ihnen eine Form zu geben. Den zündenden Funken kenne ich eigentlich nicht, eher das Gefühl, von einem Stoff „eingenommen“ oder elektrisiert zu sein. Das steigert sich dann bis zum Moment, wo ich’s nicht mehr aufschieben kann, mit dem Schreiben oder zumindest dem Recherchieren zu beginnen.

DM: Also werden wir zur Erzählerin, zum Schriftsteller, indem wir der Geschichte in uns Raum geben? Deine Geschichten lassen uns ganz verschiedene Räume betreten. Worin siehst du den Unterschied zwischen dem Schreiben für Kinder und dem Schreiben für Erwachsene, zwischen fiktivem und historischem Roman?

Lukas Hartmann: Beim Schreiben für Kinder habe ich eine andere Sicht auf die Welt; ich bewege mich innerlich auf der Augenhöhe von Kindern, und das kann die Wahrnehmung, auch die Sprache stark verändern. Dazu befrage ich immer wieder das Kind in mir, das ich einmal war, und es gibt mir oft erstaunliche Antworten.
Der historische Roman enthält natürlich auch – das sagt ja schon das Genre – fiktive Elemente. Sie entstehen in meinem Kopf aufgrund des authentischen historischen Hintergrunds, den ich erarbeitet habe. Die Recherchen nehmen jeweils alle Sinne in Anspruch. Ich lese nicht nur, ich spreche auch mit Experten, ich schaue mir Bilder und Bauwerke der Epoche an, in die ich mich zurückversetze, ich reise, mache Notizen, zeichne und male, höre mir Musik an. In das Faktengeflecht, das so entsteht, webe ich die Fäden meiner Imagination hinein. Sie sind selbstverständlich auch gefärbt durch eigene Erfahrungen und Beobachtungen. Eine Liebesbeziehung im 18. Jahrhundert unterscheidet sich in den Formen des Werbens und der möglichen Konflikte stark vom heutigen Verhalten; die Emotionen in der Tiefe – die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, die Angst vor Verlust usw. – sind gleich geblieben.
Im Moment schreibe ich an einem Gegenwartsroman (er beginnt im August 1999, am Tag der totalen Sonnenfinsternis). Ich merke jetzt, dass die Unterschiede in der Entstehungsweise gar nicht so gross sind. Auch hier muss ich mir das Umfeld detailliert vorstellen können; auch hier geht es mir darum, Figuren, für die es Vorbilder gibt, beim Schreiben lebendig werden zu lassen, mich ihnen anzunähern und mich nötigenfalls von ihnen abzugrenzen.

DM: Obwohl du auch gegenwärtige Geschichten schreibst, sind dennoch die meisten deiner Romane im Gestern angesiedelt. Was fasziniert dich an der Vergangenheit, und wieso besteht in unserer Gesellschaft ein Bedürfnis nach historischen Erzählungen?

Lukas Hartmann: Geschichte hat mich schon als Kind interessiert. Aber Daten und die Taten grosser Männer langweilten mich; ich wollte dringend wissen, wie „gewöhnliche“ Leute Kriege, Revolutionen, Hungersnöte usw. erlebt hatten. Und heute scheint mir, dass dieser Blick zurück in den „fernen Spiegel“ uns sehr viel über die Gegenwart sagen kann. Die weltweite Kommunikation verläuft horizontal, in immer dichteren Netzen. Das „vertikale“ Denken – die Frage, woher wir kommen, was unsere Zeit geprägt hat, auf wessen Schultern wir gleichsam stehen – droht bei vielen zu verschwinden; wir kennen ja auch keinen Ahnenkult, der uns geistig in die Generationenkette einbindet. Der Boom des historischen Roman hat vermutlich auch damit zu tun, dass wir diesen Mangel empfinden, ohne dies konkret ausdrücken zu können. Es gibt einen Satz von William Faulkner, der für mich zu einem Motto geworden ist: „Das Vergangene ist nie tot, es ist nicht einmal vergangen.“ Natürlich kann der historische Roman auch zur Fluchtburg werden, in der sich Autor und Leserschaft vor den Gegenwartsproblemen verstecken. So meine ich es keinesfalls.

DM: Wie gehst du vor, wenn sich die Idee zu einer Geschichte nicht mehr verscheuchen lässt? Siehst du die Geschichte von Anfang an vor dir? Wie arbeitest du die Figuren aus? Lässt du dir Details bezüglich Geschichte und Figuren offen, oder planst du alle Entwicklungen akribisch?

Lukas Hartmann: Das ist ganz unterschiedlich, je nachdem ich von einer Figur ausgehe, die mich fasziniert, oder von einem Ereignis, das mich bewegt. Zunächst werde ich zum Jäger und Sammler; was ich finde, besetzt mein Gedächtnis und, in wachsenden Stapeln, meinen Schreibtisch. Allmählich ergibt sich aus den zahllosen Fakten, Eindrücken, Notizen eine Komposition, werden Charaktere immer deutlicher und zugleich vielschichtiger. Eines Tages – meistens nach einem halben, einem ganzen Jahr – beginne ich zu schreiben. Das ist ein Prozess, bei dem unter Umständen ganz anderes in den Vordergrund treten kann, als ich mir ursprünglich vorgestellt habe. Ich folge innerhalb des feststehenden Faktengerüsts meiner Intuition. Nach der ersten Niederschrift sehe ich oft ein, dass, rückblickend gesehen, der ganze Anfang oder die Entwicklung einer Figur nicht mehr „stimmt“. Dann schreibe ich eben eine zweite und dritte Fassung.

DM: Schreibst du in der zweiten oder dritten Fassung alles neu, oder muss ich mir das eher als Überarbeitung der ersten Fassung vorstellen?

Lukas Hartmann: Es kann beides sein, und möglicherweise gibt es ja auch noch eine vierte und fünfte Fassung. Manchmal schreibe ich einzelne Kapitel neu oder lasse ganze Erzählstränge und einzelne Nebenfiguren weg, füge vielleicht eine neue hinzu. Oder ich schichte das Ganze um und folge einem neuen Bauplan. Der Roman “Finsteres Glück”, an dem ich im Moment schreibe, blieb, nachdem ich die erste Fassung fast beendet hatte, sieben Jahre liegen, weil er mir immer weniger gefiel. Jetzt schreibe ich ihn völlig neu, aus einer total anderen Perspektive.

DM: Verfolgen dich deine Geschichten unterwegs, träumst du gar von ihnen? Wie nahe sind und gehen dir deine Figuren?

Lukas Hartmann: Was auch immer ich schreibe: Es hat einen autobiografischen Bezug. Eine Figur wird nur glaubwürdig, wenn sie in irgendeinem Bereich mit mir – vielleicht auch mit meinen Schattenseiten – zu tun hat. Was das ist, entdecke ich meist erst hinterher. Aber gerade darum fällt es mir schwer, mich von den Hauptfiguren zu lösen. Auf dem Höhepunkt der emotionalen Auseinandersetzung kann es durchaus sein, dass ich von ihnen träume; das hat mich auch schon zu unverhofften Szenen inspiriert. Am leichtesten fällt mir der Abschied, wenn ich sehr rasch ein neues Projekt anpacke. Das mag dann eine Art Verdrängung sein, aber sie tut mir gut, und die Wiederbelebung des „Abgelegten“ erfolgt ja doch, sobald das Buch erschienen ist und ich daraus öffentlich lese.

DM: Wie lange arbeitest du erfahrungsgemäss an einem Buch – von der Idee bis zur Ablieferung des Manuskripts an den Verlag?

Lukas Hartmann: Auch das ist unterschiedlich. Ich könnte ja sagen: An jedem Buch habe ich ein Leben lang gearbeitet, weil mein ganzer Erfahrungsschatz dabei beteiligt war. Das gilt auch für die Stoffe; viele gehen auf Kindheitseindrücke zurück (z. B. „Die Tochter des Jägers“, „Die Mohrin“, auch der neuste Roman, „Bis ans Ende der Meere“). Was die konkrete Recherchier- und Schreibarbeit betrifft, rechne ich durchschnittlich mit anderthalb bis zwei Jahren. Das sind aber oft, in der intensivsten Phase, Zehn – und Zwölfstundentage am Schreibtisch.

DM: Eine persönliche Frage zum Schluss. Im künstlerischen Bereich wird ja allerorten an sich selbst gezweifelt. Wie wichtig, wie gewichtig findest du Selbstzweifel?

Lukas Hartmann: Sie sind unerlässlich, sie dürfen mich aber nicht zerfressen oder lähmen. Am schlimmsten ist es, wie jetzt gerade, kurz vor der Publikation eines neuen Buches. Ich weiss ja, dass ich nun nichts mehr ändern kann, und jeden Tag fällt mit etwas anderes ein, das ich vielleicht doch hätte besser machen können. Produktiv kann es sein, die Selbstzweifel sozusagen auszulagern, das heisst, nahe Bezugspersonen zum Feedback aufzufordern und zu prüfen, ob kritische Einwände mit meinen Selbstzweifeln übereinstimmen. Wenn ja, bedeutet das weiterfeilen, vielleicht auch wieder von vorne anfangen.

DM: Ich danke dir herzlich für deine anregenden Antworten und Gedankenanstösse. Auf dein neues Buch, „Bis ans Ende der Meere“, freue ich mich schon sehr. Eine Erdumseglung vom Sofa aus ist genau nach meinem Geschmack.

Lukas Hartmann
Bis ans Ende der Meere – Die Reise des Malers John Webber mit Captain Cook. Diogenes Verlag

Im Juni 1776 schifft sich der junge Zeichner John Webber in Plymouth (England) zur dritten Weltumsegelung auf dem Dreimaster “Resolution” ein. Kapitän ist James Cook. Webber nimmt Quartier in der Kajüte, in der Georg Forster auf Cooks zweiter Weltumsegelung Tagebuch führte. Er wird zum Vertrauten des Kapitäns, stirbt beinahe und begegnet seiner großen Liebe. Vier Jahre später kommt Webber zurück, gezeichnet von den Strapazen der Reise. Die Sehnsucht nach der Südsee wird ihn nie mehr loslassen. Captain Cook, der aufgebrochen war, um die Nordwestpassage durchs arktische Eis zu finden, kehrt nicht heim. Was war geschehen? Ein spannender historischer Roman um den rätselhaften Captain James Cook und zugleich die Entwicklungsgeschichte eines jungen englischen Malers mit Schweizer Wurzeln.

Website des Autors: www.lukashartmann.com
Diogenes Verlag: www.diogenes.ch

Interview: Denise Maurer
Denise Maurer schreibt und liest aus Begeisterung. Sie publiziert Kurzgeschichten, schreibt für Print- und Online-Medien und arbeitet an einem Roman.

Textin März 2009
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