Ein Neustart auf der ganzen Linie
Es lockt die Ferne mit ihren himmlischen Düften, mit den fantasievollen Bauten, den uns fremden Bräuchen, den fröhlichen Gesichtern, den unerreichbaren Ereignissen. Romantisch denken wir darüber nach für immer zu bleiben. Wie das Leben in einer andern Kultur wohl wäre? Der Lockruf hat mich erreicht und ich bin in das Flugzeug gestiegen, um die Welt zu bewohnen. Zugegeben nicht die ferne Welt, aber immerhin das teeschlürfende Land des Regens und der Monarchie – England.
Morgens um 9 Uhr – kalt. Abends um 18 Uhr – noch immer kalt. Wohl nie hätte ich mir träumen lassen, dass es in Westeuropa Länder gibt, in welchen die Gaspreise so hoch sind, dass das heizen zum Luxus wird. Natürlich habe ich davon gehört. Bei meinen Besuchen in Irland war es auch immer etwas kühl, doch lag ich spätestens nach einer Woche wieder in meinem warmen, etwas überheizten Zimmer. Am Ende ist es halb so wild und nur eine Frage des Eingewöhnens, dennoch typisch für meine verträumte Sicht des Auswanderns. Oder sind am Ende alle Auswanderer etwas verblendet? Mir jedoch ist, seit meiner Ankunft in einem Dorf ausserhalb Londons, meine rosarote Brille vom Kopf gefallen. Die Realität hat mich wieder. Wundervoll. Seit zwei Monaten arbeitslos – dachte ich doch mein Abenteuer gehe bereits im September los – ist Realität genau was ich brauche. Die Dinge können angepackt werden. So musste zum Beispiel die ganze Wohnung noch mal geputzt werden, bin ich als Schweizerin doch zu einem pingelig sauberen Heim erzogen worden. Auch hat sich mein Königreich auf einen Garten ausgedehnt und die zwischenzeitlich neue Profession ist Gärtnerin, Unkrautvernichterin und Kompostanhäuferin. Zugegeben ein grünes Zuhause ist wundervoll, doch – ach du meine Güte – welch eine anstrengende Arbeit! Ich ziehe meine Gartenschürze vor allen körperlich arbeitenden Erdenbürgern. Trotz all des Bückens im Garten ist die Jobsuche nicht zu vergessen. Die Essenz meines neuen Lebens. Noch in der Schweiz gab es tausend Ausreden, die Suche auf die tatsächliche Ankunft zu verschieben. Denn zugegeben: ich hatte und habe einen riesigen Respekt davor. Vorstellungsgespräche in Englisch! Die Angst die Frage nicht zu verstehen und wie ein Idiot dazustehen. Schrecklich. Das Gute an London ist, ich kenne keine Seele, die wirklich hier aufgewachsen ist. Die meisten Einwohner der Hauptstadt sind zugewandert. Mal reden sie chinesisch, mal amerikanisch, mal französisch und ja ab und zu auch deutsch. Man fühlt sich automatisch ein bisschen weniger alleine mit dem deutlichen “Ausländer-Slang”. Daher Augen zu und durch. Morgen geht es los mit höflichem Nicken und freundlichem Lächeln bei Stellenvermittlungsfirmen und Läden die Aushilfen suchen. Ich erwarte eine sehr kurze und unruhige Nacht.
Auch wenn ich noch eine Weile brauche mich einzuleben, so gibt es eine Sache, die bereits jetzt wie am Schnürchen läuft. Das Schreiben. Anfangs kam es mir etwas unsinnig vor die Schweiz zu verlassen, da ich das deutsche Wort so gerne um mich habe. Aber hier in meinem kleinen Cottage scheint mich meine Schreibblockade vorerst völlig verlassen zu haben. In all der Zeit in der ich nichts zu tun habe – und dies ist trotz allem oft der Fall – setze ich mich in meinen Schaukelstuhl und schreibe. Fantastisch. Aber auch notwendig. So ist eine Woche vor der Auswanderung mein Computer in die Brüche gegangen und mit ihm all meine Texte und Geschichten. Natürlich hatte ich eine Sicherungskopie davon, aber leider ist auch die beschädigt. Welch Ironie mit dem Neustart. Nun scheint er gelungen. Ob ich will oder nicht.
Für ein Fazit ist es wohl noch zu früh, aber würde ich es wieder tun? Auf jeden Fall. Würde ich mich besser vorbereiten? Keinesfalls, denn darauf könnte ich mich auch in einem Jahr nicht vorbereiten. Ich lerne die Dinge zu nehmen, wie sie kommen. Bei schweren Zeiten gönne ich mir einfach eine Tasse starken, milchigen Tee. So machen es jedenfalls die Engländer. Also, cheers!
Martina Schwab, Dipl. Texterin Schreibszene Schweiz, lebt und schreibt in London.
Datum: 24. März 2010 (September 2009)
Text: Martina Schwab
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