Oder: Nachtzug nach Lissabon. Als ich mich entschloss, meinen Urlaub an der Westküste Portugals zu verbringen, sah ich mich bereits Berge von Fisch vertilgen, Portwein aus kühlen Kellern schlürfen und mich im ewigen Wind des Atlantiks zerstreuen. Tatsächlich; während meiner Reise von Nord nach Süd fehlte es mir an keiner dieser Freuden, und so liess ich die Heimat für eine Weile getrost hinter mir. Eine Station auf der Route – ich reiste im Zug – war natürlich die Hauptstadt Lissabon. Und woran die Schweizer Leserin nun denkt, ist absehbar: Nachtzug nach Lissabon.
Nicht nur im deutschen Sprachraum ist dieses Buch von Pascal Mercier ein Grosserfolg. In mehrere Sprachen übersetzt, wird der Roman heute in 28 Ländern verkauft. Tausende von Lesern liessen sich vom Berner Altphilologen Raimund Gregorius – dem Protagonisten der Geschichte – auf eine Reise nach Lissabon entführen, um das Rätsel um ein geheimnisvolles portugiesisches Buch zu lüften. Begleitet werden sie dabei von vielerlei philosophischen Fragen zum Leben und sich selbst.
„Gibt es ein Geheimnis unter der Oberfläche menschlichen Tuns? Oder sind die Menschen ganz und gar so, wie ihre Handlungen, die offen zutage liegen, es anzeigen?”
Der Schweizer Autor, welcher in seinem nicht-literarischen Leben Peter Bieri heisst, in Berlin lebt und dort bis vor seinem Zerwürfnis mit dem Universitätssystem Philosophie lehrte, hat ein Buch geschrieben, welches die Massen zum Träumen bringt. Und da ich mich nun schon mal in der Stadt dieses literarischen Abenteuers befand, machte ich mich auf, sie im Hinblick darauf etwas genauer zu erkunden. Wie Gregorius wusste ich anfangs selbst nicht genau, was ich eigentlich suchte oder zu finden hoffte.
„Der Glanz des Morgens machte alles Vergangene zu etwas sehr Entferntem, beinahe Unwirklichem, der Wille verlor unter seiner Leuchtkraft jeden Schatten des Gewesenen, und die einzige Möglichkeit, die man hatte, war, in die Zukunft aufzubrechen, worin sie auch bestehen mochte.”
Lisboa. Die Stadt des Lichts, die Stadt der Seefahrer, die Stadt des Tejos, die Stadt der Buchhandlungen. Sie hat viele Namen, diese Stadt, und ebenso viele Gründe gibt es, sie zu besuchen. Wie alle Touristen besuche ich als Erstes die Baixa, das zentrale Shopping-Quartier mit seinen unzähligen Cafés, Souvenirshops und Sehenswürdigkeiten. Dort kaufe ich mir hübsche Sachen, von einem geheimnisvollen Zauber verspüre ich zunächst aber noch nichts. Vielmehr wird mir an jeder Ecke Haschisch angeboten, welches ich mit einem konzentrierten Blick auf den mosaikartigen, mit kleinen schwarzen und weissen Steinen gepflasterten Boden diskret ablehne. Nun verstehe ich zumindest, warum wir in der Schweiz bevorzugt portugiesische Strassenarbeiter haben; sie verstehen ganz einfach ihr Handwerk.
Mit dem Buch hat das allerdings noch nichts zu tun. Erst die Heimfahrt im Tram erinnert mich an Gregorius, bei welchem die hundert Jahre alte Strassenbahn einen Rausch von Kindheitserinnerungen auslöst. Mich selbst berauscht eher deren Geschwindigkeit. Hopp geht’s durch enge Gassen, es ruckelt und wackelt und schaukelt. Die Fenster haben keine Scheiben, und meine blonden Strähnen beginnen im Wind zu spielen, als das Tram entlang des Tejo seine Fahrt nochmals beschleunigt.
„Auf dem Tejo spiegelten sich die Wolken. In rasendem Tempo jagten sie hinter den sonnenglitzernden Flächen her, glitten darüber, verschluckten das Licht und liessen es statt dessen an anderer Stelle mit stechendem Glanz aus dem Schattendunkel hervorbrechen.”
Dunkel glänzt der Fluss. Und während Gregorius Heimweh nach dem Berner Bubenbergplatz hat, beginne ich plötzlich die Aare zu vermissen, ihr Knistern, das Mich-Treiben-Lassen in ihrem grünen Glitzern. Treiben lassen könnte man sich im Tejo nämlich nicht. Zu stark ist die Verschmutzung, welche er aus dem Festland ins offene Meer transportiert.
Português. Ist in Merciers Buch das Zauberwort, der Auslöser für Gregorius` Reise und die Wende seines Lebens. Der runde Klang des Portugiesischen ist ein Leitmotiv der Geschichte; da diese Sprache aber ebenso unverständlich wie ästhetisch ist, muss selbst der Protagonist, ein Sprachgenie, vor ihr kapitulieren.
„In der nächsten halben Stunde versuchte Gregorius mühsam, sich in den meist unverständlichen Worten und vieldeutigen Gesten der beiden Menschen zurechtzufinden.”
Mir sollte es nicht anders ergehen. Einmal fragte ich einen älteren Mann mit braunledriger Haut nach dem Weg zum Bahnhof Santa Apolonia. „Ah, SchntaPonia!”, ruft er und erklärt mir in einem Schwall von singenden Sch-Lauten den Weg. Da ich ihn daraufhin nur verständnislos anglotze, winkt er seinen grauhaarigen Kumpel, welcher nebenan mit dem Kioskverkäufer schwatzt, heran und erklärt ihm die Situation. Nun prasseln sie zu zweit – als ob Portugiesisch durch die Quantität und Lautstärke der Worte einfacher zu verstehen wäre – auf mich ein, und obwohl ich noch immer kein Wort verstehe, begleite ich ihren Chor mit einer Reihe von universalen Ah-Lauten und schaue immerzu nickend in ihre meerblauen Augen. Denn irgendwie – Ist es nun dieser Zauber oder nur die Gestik? – verstehe ich das Lied dann eben doch. „Obrigada!”, dankte ich mit dem einzigen portugiesischen Wort, das ich aussprechen kann, und ging zum Bahnhof.
Comboio nocturno para Lisboa. Ja, das Buch ist 2008 auch ins Portugiesische übersetzt worden und ich fragte mich, ob die Portugiesen dieses Buch, welches unter anderem eine Liebeserklärung an ihr Land und ein Hinweis auf ihre Geschichte und Literatur ist, überhaupt lesen. In verschiedenen Buchhandlungen – von denen es in Lissabon unglaublich viele gibt, kleine, grosse, alte, neue, berühmte, versteckte, chaotische, geordnete, wie gesagt, unglaublich viele – erkundigte ich mich nach der portugiesischen Ausgabe. „Yes we have it in Portugese or in English”, heisst es bei den grösseren Häusern. Und ja, das Buch werde oft verkauft und sei auch in Portugal bekannt. Bravo Pascal! Mit seiner Geschichte hat er offensichtlich auch im Gastland nicht daneben gegriffen.
Etwas ausführlicher spreche ich darüber mit João Pimentel. Er ist Geschichtslehrer und betreibt daneben gemeinsam mit seiner Frau eine Buchhandlung, welche auf Bücher aus und über Portugal spezialisiert ist. Auf den kleinen Laden stosse ich per Zufall, als ich gerade ziellos durch die Gassen streune. Als ich ihn betrete, sitzt João breit hinter seinem Schreibtisch und strahlt eine Allerweltsruhe aus, welche den ganzen Raum erfüllt. Er hat Merciers Buch gelesen, und auf meine Frage, ob das denn für ihn als gebürtigen Lissabonner nicht merkwürdig gewesen sei, meint er, das sei kein Problem. Natürlich bemerke er, wenn Gebäude oder Strassen nicht existierten, aber das sei bei erfundenen Geschichten ja klar. Über den Rand seiner randlosen Brille fixiert er mich nun mit seinen dunklen, intelligenten Augen und beginnt zu grinsen. „Yes, it’s a good book with good questions and minds, but …”, jetzt zieht er die Augenbrauen hoch, „it’s light literature.” Im Buch wimmle es von Genies und glücklichen Zufällen, das wirke auf ihn sehr konstruiert.
Historia. Was João jedoch mehr stört, sind – oh Wunder – geschichtliche Details. So etwa die Beschreibung des Widerstands unter der Herrschaft des Diktators António de Oliveira Salazar. Das Volk sei nicht mehrheitlich, wie im Buch angetönt, „gegen” die faschistische Diktatur gewesen. Während den 44 (!) Jahren Diktatur seien viele Leute sozusagen als Faschisten geboren worden und kannten nichts anderes; die restistência sei nicht omnipräsent gewesen, sondern habe hoch geheim gearbeitet. Dies ist seiner Meinung nach zuwenig berücksichtigt worden. Weiter sei die Armut auch so gross gewesen, dass für viele Menschen kein Raum für ideologische Fragen blieb.
Es ist beeindruckend, von João eine Art Privatlektion in portugiesischer Geschichte zu erhalten. Er erzählt mir von Bekannten, die in politischer Gefangenschaft waren, er erzählt mir vom grossen Erdbeben, vom ehemaligen Gold-Imperium und dessen Zusammenbruch, von den Beziehungen zu England bis zurück zum Gewürzhandel. Ich versinke in farbigen fremden Welten. Ein wahrer Geschichtslehrer. Aber auch ein Kenner der portugiesischen Literatur, und deswegen ist sein Buchtipp am Ende dieses Artikels aufgeführt.
Livraria. Mit diesen Eindrücken im Gepäck ging ich zurück nach Bern. Und hier besuche ich zum Schluss meiner Spurensuche auch den Ausgangspunkt der Geschichte, die spanische Buchhandlung am Hirschengraben. In dem über und über mit Büchern beladenen Raum erwartet mich ein geducktes graues Männlein. Ist es derselbe, welchen Mercier als älteren Mann „mit einer legendären Kenntnis der romanischen Sprachen” beschreibt? Nein, er sei Spanier, meint der Buchhändler auf Berndeutsch, Portugiesisch könne er nur lesen. So hat es abgesehen von ein paar spanischen und wenigen portugiesischen Büchern vor allem deutschsprachige Literatur. Schweizer, die auf der Suche nach geheimnisvollen portugiesischen Büchern sind, sind wohl doch recht selten. Besuche wie der meine hingegen gar nicht. Ja, es kämen immer wieder Leute wegen Merciers Buch vorbei, gerade gestern sei jemand da gewesen, erzählt der Alte. Er lächelt, besonders zu interessieren scheint es ihn aber nicht.
Buchtipps von João Pimentel:
- - Buch der Chroniken. Von António Lobo Antunes. Für alle, die von Lissabon noch nicht genug haben.
- - Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares. Von Fernando Pessoa. Wird von vielen Kritikern als Vorlage für „Nachtzug nach Lissabon” gehandelt.
Datum: 1. März 2010 (textín Oktober 2009)
Text und Bilder: Martina Kammermann
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