Ich recherchiere für mein Leben gern

Von Ruth Loosli

Mittwochsperle. Ruth Loosli im Gespräch mit der Autorin Michèle Minelli.


Ruth Loosli: Liebe Michèle, herzliche Gratulation zu deinem Stipendienpreis der Autorinnenvereinigung, dem Netzwerk für deutschsprachige Autorinnen! Es gab ja sehr viele Bewerberinnen, kannst du uns kurz erzählen, weshalb du dich beworben hast und was dir der Preis bedeutet? Und natürlich auch, welches Projekt du eingereicht hast?

Michèle Minelli: Als ich vom Projektstipendium der AV gelesen habe, dachte ich sogleich an meinen neuen Roman. Es gibt ja allerlei Ausschreibungen und Orte, bei denen man sich als Schriftstellerin bewerben kann, dabei sind mir diejenigen, die Projekte aktiv unterstützen, die liebsten, weil diese Literaturförderung im wahrsten Sinne des Wortes betreiben: sie wollen, dass gute Literatur entsteht und bieten dazu Hand. Sei es mit Aufenthaltsstipendien oder mit Geld, beides hilft einer Autorin dabei, sich für eine Weile ganz auf ihre Schreibarbeit konzentrieren zu können. In diesem Sinne bedeutet mir das gewonnene Projektstipendium auch wertvolles Vertrauen, das eine Organisation in mein Projekt legt, und Zutrauen in mein Können; ein wirklich kräftigendes Gefühl.

Ruth Loosli: Du hast schon mehrere Bücher herausgegeben, die letzten beim Isele Verlag. Wie bist du zu diesem Verlag gekommen? Hast du Tipps für die Verlagssuche?

Michèle Minelli: Nachdem ich die ersten beiden Sachbücher beim Paul Haupt Verlag publiziert hatte, verspürte ich den Drang, etwas ganz Eigenes zu machen, mein damaliges Traumbuch gewissermassen. Dafür wollte ich mich frei fühlen und schrieb “Unter Mongolen” ohne die Sicherheit eines Verlages im Rücken. Für das fertige Manuskript durchstöberte ich dann die Internetseite www.autorenboerse.net nach Verlagen, die an den Themenbereichen Mongolei/sozialpolitische Umwälzung/Reisereportage Interesse haben könnten und schrieb diese gezielt an. Nicht lange darauf antwortete mir der Verlagsleiter der Edition Isele, und so kam dieser Kontakt zustande. Mein Tipp in Bezug auf die Verlagssuche ist also tatsächlich der allgemein übliche: sich einen soliden Überblick verschaffen und gezielt Verlage anschreiben. Das hat grössere Erfolgschancen als blindwütige Massenversände, die unpersönlich sind und dieses Unpersönliche auch ausstrahlen.

Ruth Loosli: Du schreibst Sachbücher wie auch Romane. Gibt es Hinweise für die Recherche-Arbeit, die für alle Schreibenden nützlich sind und wir vielleicht noch nicht wissen? Wie gehst du vor, wenn du nicht mehr weiterkommst?

Michèle Minelli: Zuallererst: ich recherchiere für mein Leben gern! Ich liebe es, mich schlau zu machen, einer Sache auf den Grund zu gehen, Fragen über Fragen zu stellen und mich immer wieder aufs Neue in mir gänzlich unbekannte Lebensbereiche vorzuwagen. Neuland zu entdecken, in Dschungel einzudringen und Spuren nachzugehen bereichert nicht nur mein Schreiben, es bereichert auch mein Leben. Hinweise für diese Recherche-Arbeit gäbe es en masse. Nicht zuletzt deshalb leite ich gerne Recherche-Seminare, da kann man so richtig aus dem Vollen schöpfen und Pläne “live” in die Tat umsetzen. Aber um hier in Kürze doch eine Antwort zu geben: das Wichtigste ist sicher die Verbindung zum eigenen, echten Interesse, die hergestellt werden muss – auch und gerade bei Themen, die einen vorher kaum berührten. Und wenn man nicht mehr weiterkommt, ist das der rechte Moment, sich zu fragen: wer sonst kann es noch wissen? Es gibt immer Menschen, die sich mit genau und gerade dieser Sache intensiv beschäftigen, in die man selber eintauchen sollte; diese Menschen gilt es dann zu finden.

Ruth Loosli: Recherche-Seminare, das dürfte nicht nur mich interessieren … Kannst du uns etwas darüber sagen?

Michèle Minelli: Im Auftrag verschiedener Bildungsinstitute gestalte ich Recherche-Seminare, die unterschiedlich lang oder umfangreich angelegt sind, bei denen es aber immer um “echte” Recherchen geht. Das heisst, wichtige Theorie wird mit dem aktiven Tun verbunden, um so einen möglichst grossen Effekt, ein echtes Resultat zu erzielen.

Ruth Loosli: Kennst du das Wort “Schreibblockade”? Die Situation, vor der weissen Fläche des PC zu sitzen und nicht wirklich zu wissen, wie es weiter gehen soll – wie kann man damit umgehen?

Michèle Minelli: Ja, ich kenne das Wort, aber ich kenne nicht den Zustand. Natürlich weiss ich, was damit gemeint ist, nur teile ich die Meinung nicht, dass es sich dabei um eine Blockade des gesamten Prozesses handelt. Denn das Einzige, was blockiert ist, ist das Tippen, resp. die schreibende Hand auf dem Papier. Ich selber erkenne bei meinem Schreibprozess vier Hauptzustände: das Schreiben, das Redigieren, das Eintippen der Korrekturen und das Forschen. Wenn das Schreiben nicht geht, dann heisst das, ein anderer Teil des Prozesses ist jetzt stimmiger. Vielleicht bin ich kritisch genug eingestellt, um meinen Text Korrektur zu lesen, oder vielleicht ist meine Stimmung eher lauwarm, dann wäre das Eintippen der Korrekturen angebracht. Oder aber, und das ist fast der interessanteste Zustand: Forschen ist angesagt. Forschen, das kann ebenso bedeuten, dass ich strukturiert Recherchen nachgehe als auch, dass ich mich in die Sonne lege, eine Runde schlafe, ein Buch lese, ins Kino gehe oder einfach nichts tue. All dies sind empfangende Momente, sie sind kontemplativ, und vieles, was noch ungeordnet in meinem Kopf ist, kann in diesen Entspannungsmomenten zu neuer Ordnung finden. Und Ordnung wiederum brauche ich für das physische Schreiben, das – was Wunder! – ohne jede Blockade, ohne Stau, ungehindert fliessen kann.

Ruth Loosli: Wann schreibst du am liebsten? Hast du deine feste Schreibzeit? Hörst du auch mal Musik zum Schreiben?

Michèle Minelli: Da ich freiberuflich tätig bin als Ausbilderin und Autorin, kenne ich keine durchstrukturierten Arbeitszeiten. Aber ich habe mir in den letzten Jahren angewöhnt, meine Tage in Seminartage und Schreibtage (gemeint ist der gesamte Schreibprozess) einzuteilen. Wenn ich morgens aufwache, und das meist sehr früh, im Sommer mit den zwitschernden Vögeln schon bald nach vier, liege ich im Bett und frage mich immer zuerst einmal: was für ein Tag ist heute? Ist es ein Schreibtag, dann folgt schon bald das nächste Horchen nach innen: auf welchen Teil des Schreibprozesses habe ich heute Lust? Was steht an? Wenn ich dann schreibe, dann hält mich nichts davon ab. Da klingelt das Telefon vergeblich und der Postbote nimmt seine Päckchen wieder mit. Dann lasse ich mich durch nichts und niemand ablenken. So ein Schreibtag kann durchaus von frühmorgens bis abends spät dauern. Und: ja, ich höre Musik beim Schreiben. Jedes meiner Bücher hat einen anderen musikalischen Hintergrund. Es kommt manchmal vor, dass ich vor dem Einstieg in eine neue Geschichte, in ein neues Buch, zuerst die passende Musik finden muss. Diese höre ich dann wieder und wieder, bis sie sich in meinem Unterbewussten festgesetzt hat und dort meinem Hirn bei jedem Abspielen signalisiert: Schreiben. Jetzt.

Ruth Loosli: Oh, das finde ich eine ermutigende Antwort, vielen Dank! Darf ich dich noch fragen, wie du die Literaturszene in der Schweiz wahrnimmst? Findest du es nötig, dass es einen Verband für Autorinnen gibt? Werden Bücher von Männern immer noch anders/besser wahrgenommen als von Frauen?

Michèle Minelli: Ziemlich viele wichtige Fragen in einer, die du da vereinst! In der Schweizer Literaturszene bewegt sich etwas, viele Junge, die neue Töne anschlagen, sich Neues getrauen, auch wieder zurück zu einer gewissen Art von Radikalität finden, in dem, was sie tun. Das finde ich wichtig und gut, denn leider gibt es auch sehr viel Mittelmass, das heute hier und morgen vergessen ist.

Die Frage nach dem Verband für Autorinnen möchte ich so beantworten, dass es eine Tatsache ist, dass vorwiegend männliche Gremien vorwiegend männliche Autoren berücksichtigen – sei es bei Einladungen, Preisvergaben oder auch Medienberichten, die Statistiken sprechen eine eindeutige Sprache. Autorinnen haben in der Schweiz fast nur eine Chance medial zu trumpfen, wenn sie jung und fotogen sind. Beides aber hat nichts mit ihrer Stimme und ihrer Qualität des Schreibens zu tun. Nun gibt es natürlich verschiedene Wege, dieser Ungleichheit zu begegnen, und einer, sicher kein falscher, ist der Beitritt in eine Vereinigung, die ihr Augenmerk ganz auf das Schaffen der Schriftstellerinnen legt. Die Vernetzungsmöglichkeiten sind immens; plötzlich wird Entwicklung möglich, einfach, weil da noch Andere sind, die unterstützen und Türen öffnen.

Ruth Loosli: Liebe Michèle, ich danke dir herzlich für dieses Gespräch und freue mich auf deinen Roman, den wir an dieser Stelle gerne vorstellen werden!

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Datum: 18. August 2010

Michèle Minelli, Roman- und Sachbuchautorin, wohnt am Stadtrand von Zürich. 
Gewinnerin des 1. Projektstipendiums der Autorinnenvereinigung 2010; diverse weitere Auszeichnungen. http://www.mminelli.ch

Bibliographie: Adeline, grün und blau, Roman, Isele 2009 / Kompass für Kreative, Aphorismen, Isele 2008 / Unter Mongolen, Reisereportage, Isele 2005 / Endstation Schulausschluss?, Sachbuch, Haupt 2003 / Tabuthema Abtreibung, Sachbuch, Haupt 2000 / Diverse Kurzgeschichten und Gedichte in Anthologien und Literaturmagazinen

Ruth Loosli, Jahrgang 1959, im Seeland aufgewachsen. Worte gewundert, seit sie sprechen, lesen und OWUNDER schreiben kann. Ausbildung zur Primarlehrerin. Immer geschrieben und nun am Ordnen und Öffnen. www.ruthloosli.ch

Bild, Copyright: Michèle Minelli,

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