Kolumne. Immer mehr Mütter sprengen die Fesseln ihres Hausfrauendaseins. Nach jahrelangem Pendeln zwischen Kindern, Küche und Kirche wagen sie es, ein viertes “K” in Angriff zu nehmen. Sie starten durch mit einer Zweitausbildung in Richtung Karriere.
“Und du glaubst wirklich, dass jemand auf dich, deine Texte und dein Diplom wartet?” Die Stimme meiner zweitbesten Freundin tönt genauso wie ihre Wortwahl: vordergründig zweifelnd, aber voll von getarntem Spott. Sie will mir einreden, dass ich mit Kindern, Haus, Garten und meinen ehrenamtlichen Jobs weiss Gott genug beschäftigt sei.
Ich aber will mehr als mich nur beschäftigen! Die Schale meines beruflichen Neutrums ist zu eng geworden. Tatsache ist: als Hausfrau und Geschichtenschreiberin bin ich doppelt berufslos. Ich bin weder Autorin, noch Journalistin, noch Gemeindeschreiberin, genauso wenig wie ich Köchin, Kindererzieherin oder Krankenschwester bin. Zweifelsfrei tagfüllende Tätigkeiten, kunterbunt wie Pippis Villa und oft anspruchsvoller als das Steuern eines Schiffes bei Windstärke 10. Aber: es sind keine anerkannten Berufe. Ich strebe nach einem richtigen Beruf; einen mit Ausbildung, Abschluss und bezahlten Aufträgen. Keinen, der nur auf offiziellen Formularen als solcher bezeichnet wird; eine halbe Zeile zwischen Heimatort und Konfession. Keinen, der nach Zwiebeln, muffigen Winterstiefeln und verstaubtem Heizungskeller riecht.
Nun werde ich ein rechtes Handwerk erlernen. Von der Pike auf. Der Lehrgang zur diplomierten Texterin wird meine Fähigkeiten bündeln und mir neue Perspektiven verschaffen. Ganz ehrlich, ich freue mich darauf, in die Geheimnisse der Textentstehung einzutauchen wie in ein Kochbuch voller exotischer Rezepte. Ich werde den Duden statt Betty Bossi ins Regal stellen. Meister Proper bleibt im Schrank, derweil ich mit Wolf Schneider Wörter wasche und für kristallklare Texte sorge, und bei Fremdwörtern wie Klimax werde ich nicht mehr automatisch an Menopause denken. Pleonasmen werde ich entfernen wie Grasflecken aus Juniors Jeans und redundante Akronyme ausjäten wie den Hahnenfuss im Blumengarten. Aus logischen, chronologischen und hierarchischen Sachverhalten werden genauso kreative Kompositionen entstehen wie mit frischem Gemüse und gehackten Kräutern. Meine Texte werden reiner als Kochwäsche nach dem dritten Waschgang und die darin enthaltenen Botschaften so verständlich wie nach einem Gordon-Training.
Sicher, der Sprung von der staubwedelnden Hausfrau zur professionellen Texterin wird ein Quantensprung. Auch wenn nicht alle Welt auf mich und mein Diplom wartet – mit Entschlossenheit und originellen Texten werde ich auch meine zweitbesten Freunde überzeugen.
Delia Ottone pflückt seit geraumer Zeit “Geschichten, die das Leben schreibt”. Oft hängen diese hoch, doch meistens braucht sie sich nur zu bücken und sie aufzu-lesen.
27. Mai 2010
Bild: iStockPhoto

2 Kommentare
mit grosser freude habe ich deine kolumne gelesen. ich jedenfalls freue mich auf viele wortblumensträusse und satzgefechte aus deiner feder!
herzlich, zora
Ja, auch ich bin restlos begeistert. Weiter so.
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