Helden werden nicht als Helden geboren

Von Daniel Ammann

Ein Gespräch mit dem Autor Werner T. Fuchs
In seinem jüngsten Buch, Management by Heroes: Warum wir Vorbilder brauchen und ihnen folgen, hat sich der Autor und Berater Werner T. Fuchs ganz dem Thema «Helden» verschrieben. Vorbildern zu folgen, gehört zum biologischen Grundprogramm des Menschen. Manager sind Vorbilder – ob sie es wollen oder nicht. Ein blosses Vorbild aber kann mit der Anziehungs- und Wirkungskraft eines Helden schlicht nicht mithalten. Anregungen, wie man mehr aus seiner Vorbildfunktion macht und Mut zum Heldentum gewinnt, illustriert der Marketingexperte auf lockere und kurzweilige Art.
textín nimmt die Neuerscheinung zum Anlass, dem Autor ein paar Fragen zu stellen.

Was hat den Ausschlag für Ihr aktuelles Buch gegeben? – Richten sich Ihre Ausführungen vor allem an Manager, oder soll sich heute jeder und jede um Heldenhaftigkeit bemühen?

Fanpost. Ein Lektor vom Cornelsen Verlag las mein Buch Tausend und eine Macht, war vom Kapitel «Die Helden» begeistert und fragte mich, ob ich Lust hätte, durch die Heldenbrille auf Manager und Führungskräfte zu schauen. Und da deren Tätigkeit kein Exklusivprodukt weniger Auserwählter ist, fühlen sich offenbar auch Familienfrauen, Pädagogen und Garagisten vom neuen Buch angesprochen. Selbstverständlich müssen wir uns alle um Heldenhaftigkeit bemühen, wenn wir mehr als ein politisch korrektes und langweiliges Vorbild sein wollen.

Sie sprechen durchwegs von «Helden», betonen aber, dass Sie sowohl Frauen wie Männer im Sinn haben. Was unterscheidet Heldinnen von männlichen Helden?

Eigentlich nur ihre Geschlechtsmerkmale. Wenn es um Handlungen geht, die nicht mit Balz- und Paarungsverhalten zu tun haben, sind sich Frauen und Männer sehr viel ähnlicher, als man uns in den letzten Jahren weismachen wollte. Vor allem was die elementaren Funktionsweisen des Gehirns betrifft. Und was die kleinen Unterschiede im Hormonhaushalt bewirken, können wir ja locker im Strassencafé, an Teamsitzungen oder im Fitnessclub beobachten.

Sie nehmen in Ihrem Buch immer wieder Bezug auf den griechischen Mythos Odysseus. Hat sich das Anforderungsprofil über die Jahrtausende verändert, oder müssen Helden in der heutigen Zeit noch die gleichen Voraussetzungen mitbringen wie früher?

Für Odysseus als roten Faden habe ich mich entschieden, weil ich nach einem Helden Ausschau hielt, dessen Taten möglichst viele kennen, der alle typischen Heldenattribute mitbringt, und der nicht morgen schon wieder vergessen ist. Auch kann ich an dieser Figur zeigen, wie lange die Evolution an ihren Bauplänen festhält. Die Medien mögen noch so grosse Freude am Wandel und an Originalität haben, menschliche Verhaltensmuster sind sehr konstant. Und es gehört gerade zu den Kennzeichen eines Helden, dass er diese Rolle nicht anstrebt, sondern sie einfach spielt, wenn sie ihm vom Schicksal aufgedrängt wird.

Im zweiten Band von Cornelia Funkes Tintenwelt-Trilogie lesen wir zum Thema Held: «Er durfte nicht allzu alt sein, aber auch nicht zu jung – dick oder klein natürlich auch nicht, Helden sind niemals klein, dick oder hässlich, vielleicht in Wirklichkeit, aber niemals in Geschichten …» – Wie sehen Sie das?

Es ist mir ein Rätsel, dass Cornelia Funke eine so dumme Behauptung aufstellen kann. Wahrscheinlich finden sich in ihrem Werk Sätze, die dem widersprechen. Wer die Filmgeschichte nur einigermassen kennt oder einen Harry Potter gelesen hat, findet genügend Gegenbeispiele. Helden erkennt man nicht an ihrem Aussehen, sondern an ihren Handlungen. Zudem ist die Trennung von Phantasie und Wirklichkeit ohnehin ein Konstrukt des Bewusstseins. Und das hat bekanntlich nur beschränktes Mitspracherecht, wenn es um den real existierenden Menschen geht.

Zur Ehrenrettung der Autorin muss man vielleicht anfügen, dass sie diese Gedanken einer Schriftstellerfigur zuschreibt, die keineswegs nur sympathische Züge trägt. Das führt uns zur Frage nach Antihelden. Gibt es die überhaupt?

Diese Frage reisst eine alte Wunde auf. Denn einen meiner besten Aufsätze schickte mein Deutschlehrer in den Notenkeller, weil ich in Georg Büchners Werk keine Antihelden finden wollte. Ob Held oder Antiheld ist eine moralische Frage. Aber die Regeln, nach denen unser Gehirn aus unzähligen Informationen erkennbare Muster bildet, werden nicht von unserem Bewusstsein aufgestellt.

Wie sieht es zum Beispiel mit Forrest Gump aus?

Selbstverständlich ist Forrest Gump ein Held. Nur sprechen ihm dies viele ab, weil sich dieser Held mit einem IQ von 75 gar zur Behauptung hinreissen lässt, er sei nicht der Schmied seines Glücks. Forrest Gump ist der Held aller Liebenden, sagt er doch: «Ich bin zwar nicht klug, aber ich weiss, was Liebe ist.» Auch Forrest Gump wird in seine Heldenrolle gedrängt, auch er ist einfach, klar und direkt. Und auch er sucht sich unbewusst die richtigen Helfer aus, steckt Rückschläge weg, macht sich auf den Weg, ist treu und belohnt Treue, bleibt bei seinem Stil und wird wider Willen zum Vorbild.

«Helden sind besondere Vorbilder», überschreiben Sie ein Kapitel. Sollen wir durch Nachahmung von ihnen lernen, oder müssten Helden gleichzeitig gute Lehrmeister/innen sein?

Helden sind deshalb besondere Vorbilder, weil sie sich herzlich wenig darum kümmern, was ein Vorbild ist. Sie regen zur Nachahmung ihres Handelns und nicht ihrer äusserlichen Zeichen an. Helden sind auch immer Lehrmeister, aber in einem Sinn, der sich den heutigen Anforderungsprofilen an Ausbildner, Vorgesetze und Führungskräfte entzieht. Helden glauben nicht daran, dass Mehrheiten immer Recht haben, und dass jeder alles verstehen und können muss. Helden wissen, dass sie in existentiellen Situationen immer allein sind und akzeptieren dies. Und steht das grosse Ganze, für das sie kämpfen, auf dem Spiel, riskieren sie sogar ihre Leben, sollten alle anderen Möglichkeiten verbaut sein. Das ist letztlich auch Symbol dafür, dass ein Held Verantwortung übernimmt. Zudem akzeptieren es Helden nicht, wenn sich ein Schüler zum Meister aufschwingt, bevor er die dazu notwendigen Prüfungen abgelegt hat. Wem das zu pathetisch klingt, wird Vorbilder und Helden weiterhin gleichsetzen.

Wie lautet Ihre zentrale Botschaft an die Adresse von Machtträgern und Spitzenverdienern in Zeiten globaler Finanzkrise und Klimaerwärmung? Was dürfen wir an Heldentaten erwarten?

Management by Heroes enthält keine Botschaften, die sich an eine spezifische Menschengruppe richten. Das wäre absurd und würde genau dem widersprechen, was mich das Leben und die zwanzigjährige Auseinandersetzung mit den Erkenntnissen der Neurowissenschaft lehrten. Zu diesen gehört, dass Sprache nicht primär zur Vermittlung von Einsichten dient, sondern zur Rechtfertigung des eigenen Verhaltens vor sich und den anderen. Übersetzt würde die Botschaft dann lauten: Weniger Botschaften verbreiten und mehr handeln.
Von so genannten Vorbildern, die keine Helden sind, dürfen wir wohl nichts erwarten. Oder nur dann, wenn der Leidensdruck so zunimmt, dass Heldentaten unausweichlich werden. Wir tun uns mit den Erkenntnissen der Neurologie auch deshalb so schwer, weil sie nicht zu unserem idealistischen Menschenbild passen. Persönlichkeitseigenschaften, die unser Verhalten steuern, sind zum grössten Teil das Resultat unserer Gene und unserer Erfahrungen während der frühen Kindheit und der Pubertät. Nur starke emotionale Erschütterungen können im Erwachsenenalter noch zu Veränderungen führen. Daher finde ich es lachhaft und symptomatisch, wenn sich kluge Köpfe in den Medien darüber aufregen, wenn gefallene Engel noch immer nicht umgedacht haben.

Lassen sich Helden durch ein spitzfindiges Auswahlverfahren ermitteln? Und wen würden Sie in einer Casting-Show mit dem Titel «Heroes for tomorrow» gerne in der Jury sehen?

Casting Shows in der Art, wie wir sie kennen, eignen sich schlecht zur Ermittlung künftiger Helden. Aber es wäre reizvoll, ein entsprechendes Konzept zu entwickeln. Es müsste Antworten auf die Fragen geben, welche Erlebnisse die Kandidaten prägen, wie sie sich in Krisensituationen verhalten, welche Helfer sie unterstützen, und wie sie sich von ihren eigenen Heldenfiguren trennten. Und in der Jury müssten Menschen sitzen, die ihrer eigenen Beobachtungsgabe mehr vertrauen als ausgeklügelten Testverfahren. Also eher keine Personalverantwortlichen mit mehreren Studienabschlüssen, sondern Feuerwehrkommandanten, kriegserprobte Offiziere, Gefängniswärter, Psychiatriepfleger, Bandenchefs, Grosseltern, Regisseure, Lehrlingsausbildner, Behindertenbetreuer, Animierdamen, Callgirls, Kneipenwirte und Reiseführer. Menschen wie Sergio Zyman, langjähriger Marketingchef von Coca-Cola, der zuerst Helden aussuchte und dann das Feld aussteckte, auf dem sie sich bewähren müssen. Helden werden entdeckt, nicht gemacht.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Fuchs, Werner T.,
Management by Heroes:
Warum wir Vorbilder brauchen und ihnen folgen.
Berlin: Cornelsen Scriptor, 2009.

Interview: Daniel Ammann
Daniel Ammann ist Dozent für Medienbildung und Mitarbeiter des Schreibzentrums an der Pädagogischen Hochschule Zürich.

textin März 2009
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