Beim Schreiben einer Geschichte entsteht ein seltsames Ziehen und Stossen. Auf der einen Seite erfinden wir, setzen Figuren und Schauplätze in die Welt. Auf der anderen Seite wissen wir nicht, was wir da eigentlich treiben. Schreiben ist ein Balanceakt zwischen Kontrolle und Hingabe.
Schriftstellerinnen und Schriftsteller haben dieses Gefühl oft genug beschrieben: Figuren proben den Aufstand; plötzlich entwickeln sie ein Eigenleben, lehnen sich gegen ihre Macher auf und lenken die Geschichte in unvorhergesehene Bahnen. Sollen wir bloss tatenlos zusehen und alles brav protokollieren?
Wer seine Figuren zurückpfeift, läuft allerdings Gefahr, dass die Geschichte an Schwung verliert oder ganz zum Erliegen kommt. Dann sitzen wir fest. Das kann sich zu einer ausgewachsenen Schreibblockade zuspitzen, Lebenskrise inklusive.
Klar, die Figuren fordern nur ihr Recht. Aber hat man das Zepter erst aus der Hand gegeben, spielen sie leicht verrückt und reissen einen mit sich in den Abgrund.
Sollen wir ihnen leise folgen und sie dann eigenhändig von der Klippe stossen?
Daniel Ammann lebt in St. Gallen und arbeitet als Autor, Redaktor und Schreibberater. Er ist Dozent für Medienbildung und Mitarbeiter des Schreibzentrums an der Pädagogischen Hochschule Zürich.
textín Juni 2009

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