Die Katastrophen-Königin

Von Franziska Hidber

Sie hat ein Faible für tragische Helden und begeistert nicht nur Paarungsgestörte: Güzin Kar, Kult-Kolumnistin, preisgekrönte Drehbuchautorin und Regisseurin. Wer ist die Frau, die über Hormone und fehlende Hoden schreibt, aber nie über Privates?

„Güzin Kar?“ –  Max Küng legt hilflos die Stirn in Falten. Röbi Koller kramt eine Weile in seinem Gedächtnis, dann: „Güzin Kar ist eine Frau mit einer struppigen Frisur.“ Philipp Tingler hat die Antwort schneller: „Ein notorisches, übles Flittchen.“
„Sie hat ein Buch geschrieben?“ Max Küng zieht die Augenbrauen hoch. „Da möchte ich Capote zitieren“, spricht Tingler eilfertig in die Kamera: „Das ist kein Schreiben, das ist Tippen.“ Und Viktor Giacobbo attestiert Güzin Kar grosszügig „eine gewisse Bedeutung in der Stadtzürcher Kebab-Belletristik“.

Vorspann, Teil 1: Deppen und ein Verdauungsproblem
Spätestens jetzt wurde meine Nachbarin Selma böse. „Deppen, doofe, allesamt!“, rief sie empört in ihr Notebook hinein und überlegte, an wen sie ihren Beschwerdebrief richten könnte. Sie beruhigte sich erst wieder, als sie nach den Statements der Promis das Cover „Leben in Hormonie“ erblickte, im Abspann „Idee und Konzept: Güzin Kar“ las und begriff: Der vermeintliche Verriss auf Youtube dient der Promotion für Güzin Kars neustes Buch. Dass ausgerechnet sie, ein Fan der ersten Kolumne, auf den Scherz hereingefallen war, hat sie bis heute nicht verdaut.

Vorspann, Teil 2: Hexenhaus und eine Rolltreppe
Abgesehen davon bestätigte das Video, was Selma schon ahnte: Güzin Kars unverwüstlicher Humor versiegt nicht bei der eigenen Person. Dieser Eindruck wird durch die „intime Homestory“ mit Patricia Boser verstärkt: Da gibt es eine Rolltreppe in Kars „Hexenhaus“, einen Haushälter, der mit Champagner bereitsteht plus einen persönlichen Assistenten; da kommt ihr Zahnarzt mal eben vorbei und reisst sie zwecks „Mundkontrolle“ in seine Arme, und aus dem Badezimmer schlendert der Steuerberater („er hat einen Waschzwang und Putzfimmel“). Der Film endet etwas abrupt, als sich die Männerschar an den beiden Damen zu schaffen macht.
Selma aber schmollte. Zwar wurde sie diesmal nicht mehr Opfer von Güzins Witz, der gern als grotesk bezeichnet wird. Allein, sie hätte es geschätzt, einen Blick in die „echte Wohnung“ der Autorin zu werfen; nur schnell, nur „um zu sehen, wie sie so ist und lebt.“
Ach, Selma. Dein Wunsch wird wohl unerfüllt bleiben.

Klappe, die erste: Gartentor und eine Klischee-Spielwiese
Denn Kars Biographie ist kurz und präsentiert sich quer durch den Blätterwald einheitlich. Der erste Satz geht so: „Güzin Kar wurde in Iskenderun in der Türkei geboren und lebt seit ihrem fünften Lebensjahr in der Schweiz.“ Mir persönlich hat die ursprüngliche Version besser gefallen: „Güzin Kar ist in der Türkei geboren, und als wäre das nicht schon schlimm genug, wuchs sie nach ihrem fünften Lebensjahr in der Schweiz auf.“ Dieser Einstieg war das Gartentor zur Klischee-Spielwiese, auf der sich die Autorin leichtfüssig bewegt. Als geborene Türkin darf sie das.
Stellen Sie sich ihre Kolumnen vor ohne Onkel Zülfü, der gekämmt und gestriegelt vor dem Fernsehen sitzt, um die von ihm verehrte und begehrte Nachrichtensprecherin zu begrüssen; oder ohne Tante Hülya, die ihren Gatten selbst bis in den Tod mit Vorwürfen verfolgt, oder ohne Fatma, die aufgeht wie ein Ofenküchlein und gleichzeitig vertrocknet, sich in höchster Not am grantigen Hauswart-Zwerg vergeht und Burt Reynolds beim Akt zuschauen lässt.
Wer Kars Film „Alles bleibt anders“ gesehen hat, wird sich ewig mit einem Grinsen an das türkische Ehepaar erinnern; ebenso an die Erkenntnis, dass besorgte Eltern verblüffend ähnlich reagieren – ob sie nun Schweizer Bünzli oder Einwanderer sind.
Übrigens: Für „Alles bleibt anders“ erhielt Güzin Kar den Drehbuchpreis der Schweizerischen Autorengesellschaft SSA, sowie den Preis „un certain regard“ am Festival Cinéma Tout Ecran Genf 2006. Sonja Wenger von cinemabuch.ch kommentierte träf: „Wer vom Charme dieses Filmes nicht berührt ist, sollte sich ein neues Herz suchen.“

Klappe, die zweite: Brad Pitt und ein Produzent
Zurück zur Biographie, zurück zu den Klischees. Von diesen sind in ihrem Lebenslauf, anders als in den Kolumnen, keine zu finden: Aufgewachsen in Laufenburg im Fricktal, hat Güzin mit grossem Spass Deutsch gelernt – vorab von ausländischen Nachbarkindern in der Siedlung. Als Mädchen schaute sie am liebsten die Filme von Alfred Hitchcock: „Ich las auch alles über ihn und seine Filme, weil ich wissen wollte, wie er bestimmte Effekte erzielt hatte.“ Nach dem Gymnasium in Basel studierte sie Germanistik und Filmwissenschaft, sowie das Dasein in Zürich, inklusive Jobs als Deutschlehrerin und Frisurenmodell und der Erfahrung als Hausbesetzerin. Bis sie „die beste Entscheidung meines Lebens“ traf und an die Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg bei Stuttgart ging, die sie 1999 abschloss. In ihrem letzten Jahr an der Akademie war Mister Zufall zur Stelle: Über einen gemeinsamen Bekannten fand sie einen Produzenten für ihr Erstlingsdrehbuch „Lieber Brad“, eine Beziehungskomödie. Die Verfilmung im Jahr 2001 durch das Schweizer Fernsehen stiess bei Publikum und Kritikern auf euphorisches Echo – es war ihr Durchbruch als Drehbuchautorin in der Schweiz.

Klappe, die dritte: Wilde Hühner und ein Schlafmanko

In Deutschland kann sie sich spätestens seit dem Drehbuch für den Kinoerfolg „Die wilden Hühner“ im Jahr 2006 die Angebote aussuchen. Apropos „Drehbuchschreiben“: Für Laien mag das aufregend und vor allem kreativ klingen, laut Güzin Kar steckt ein langwieriger, anstrengender Prozess dahinter: „Ich schreibe an jeder Drehbuchfassung etwa drei Monate. Je nachdem, wie viele Fassungen es gibt, vergehen Jahre, bis das Buch ‚reif’ ist. Um kreative Höchstleistungen zu erbringen, brauche ich jedoch den Zeitdruck. Also drängt sich bei mir meistens alles in die letzten drei Wochen, wo ich kaum mehr schlafe, nicht mehr ausgehe, nur noch schreibe, bis ich umfalle.“
Die Kreativität sei dabei das kleinste Problem: „Die Herausforderung sind nicht die guten Ideen, denn die hat man ständig, sondern das Dranbleiben, das Verbessern und vor allem, die Liebe zum Stoff auch nach der zehnten Überarbeitung nicht zu verlieren.“ Im Unterschied dazu seien Kolumnen kurzfristiger und erlaubten ein autarkes Agieren, zumal es keinen Dramaturgen gebe.

Klappe, die vierte: Schneewittchen und ein Mauerblümchen
Ob Kolumnen, ob Drehbuch: Ihre Figuren seien allesamt erfunden, sagt die Verfasserin. Selma glaubt das nur bedingt: „Auf den Fernseh-Rentner Riccardo mag es zutreffen, aber die ‚Ich-Figur’ ist autobiografisch“, behauptet sie störrisch. Klar, es gibt Parallelen: Beide sind Hypochonderinnen, beide schreiben Drehbücher, beiden drohen Abgabetermine. Aber sonst? Die Erzählerin nennt sich kokett „Mauerblümchen“, und selbst Selma muss zugeben, dass ein Mauerblümchen anders aussieht als Güzin Kar. „Alabasterhaut“, schrieb der Tages-Anzeiger und konnte sich das „Schneewittchen“ knapp verkneifen. Gerda-Marie Schönfeld von stern.de addierte „klein, zierlich, hübsch“.
So viel zum Äusseren der Erfinderin, die sich ihre Inspiration ja irgendwo holen muss. Bloss: wo? „Häufig von einem Ausdruck oder einer skurrilen Wendung“, verriet sie dem Schneewittchen-Blatt. Und nie, nie würde sie im Café sitzen und Leute beobachten, das sei “pseudo-intellektuelle“ Arroganz. Wo wir gerade beim Kaffee (und Kuchen?) sind: Gefragt, ob sie lieber Kolumnen verfasse, Drehbücher schreibe oder Regie führe, antwortete das Mulitalent: „Meine Lieblingsbeschäftigung ist immer noch Essen.“

Klappe, die fünfte: Grössenwahnsinn und ein Redaktor
Ausserdem liebt Güzin Kar die Vielfalt. Sie schätzt den Wechsel von der einsamen Schreibkammer ans lebhafte Filmset. Allerdings: Sich auf dem roten Teppich zu präsentieren, ist ihre Sache nicht. Sie sei wahrlich kein Star, betonte sie gegenüber Schreibszene Schweiz: „Ich erhalte heute mehr Einladungen für Galas und Premieren, was mir aber egal ist, da ich nicht oft auf Galas gehe.“
Sie erinnert sich, wie sie sich nach dem Erscheinen ihrer ersten Kolumnen in der Weltwoche kaum mehr aus dem Haus traute – vor Angst, alle würden mit dem Finger auf sie zeigen. Eine Angst, die sie im Rückblick als „grössenwahnsinnig“ einstuft.  Dass es überhaupt zur Weltwoche-Kolumne „Moderne Liebe“ (früher: „Gender Studies“) kam, ist der Hartnäckigkeit eines Redaktors zu verdanken: Er bedrängte Kar so lange, bis sie ihm „zur Abschreckung“ einen Probetext schickte.

Klappe, die sechste: Langweilige Tröte und ein Bestseller
Aus dem Probetext wurden viereinhalb Kolumnenjahre, aus den Kolumnen zwei Bücher. Ihre erste Sammlung, der 2006 erschienene Episodenroman „Ich dich auch“, kletterte rasant an die Spitze der Bestsellerliste, um lange dort zu verharren; es war das erfolgreichste Schweizer Debüt der letzten Jahre. Inzwischen beglückt er unsere deutschen Nachbarn: „Eine seltene Promenadenmischung aus Witz, Vulgarität und Frechheit“, jubelte der Stern, derweil die Frankfurter Neue Presse Güzin Kar als „Harry und Sally in verschärfter Gangart“ feierte.
Bereits wird ihr Zweitling „Leben in Hormonie“ gierig gekauft  – entgegen Güzin Kars Eigenprognose. Sie rechnete mit einem „Ladenhüter“ und erwartete so schmeichelhafte Kommentare wie „langweilige Tröte“. Nix da. Die Leute wollen wissen, wie das geht, ein Leben in Hormonie. „Falsch“, sagt Selma. „Wir wollen lachen.“
Ende Februar polierte die Kolumnistin ihren letzten Text für die Weltwoche, ihre Fangemeinde drohte geschlossen mit der Kündigung des Abos. Selma jedenfalls hat zu TELE gewechselt, um an „Güzins Welt“ teilzuhaben.

Klappe, die siebte: Fleissarbeit und eine Melodie
Güzins Welt, das sind die täglichen Katastrophen, die den Nährboden für ihre Komödien bilden. Dabei ist die Frau Melancholikerin. Wie definiert sie Humor? „Humor ist eine Betrachtungsweise, eine Lebenseinstellung, vielleicht sogar ein Temperament.“ Und: „Die besten Komödien handeln von Tragischem. Aber humoristisches Schreiben oder Erzählen hat viel mehr mit Sprachgefühl (dem musikalischen Sinn für Sprache und Erzählrhythmus) zu tun als mit sonst etwas.“
Gerade bei Komödien müsse jedes Wort, müsse die Melodie sitzen. Das sei entscheidend. Und das ist der Grund, weshalb Güzin Kar über Güzin Kar sagt: „Ich bin die langsamste Kolumnenschreiberin der Welt.“ Sie wendet und streicht, feilt und poliert und ändert und verwirft und ändert wieder, bis der Text so melodiös ist, wie er zu sein hat. Was den Kritikern durchaus auffällt: „Sprachgewandt“ ist in den Rezensionen häufig zu lesen, es ist von „Erzählgabe“ und „sorgfältig geschliffen“ die Rede, von „schwungvoll und leicht“, und alles zu Recht.

Abspann: Zukunft und ein Trostpflaster
Als bisher einzige Autorin hat Güzin Kar zweimal den Drehbuchpreis der Schweizerischen Autorengesellschaft gewonnen, für „Alles wird anders“ und „Fliegende Fische“ (Drehbeginn im Frühling 2009). Leuten, die ihr nacheifern wollen, rät sie: „Ausprobieren! Man kann auch mit einem Kurzfilm beginnen.“ Zweiter Tipp: „Daneben möglichst keine oder nur wenige so genannte Brotjobs annehmen. Man muss zuerst die Sicherheit kappen.“
Darum braucht sie sich nicht mehr zu kümmern. In ihrer Pipeline steht nebst andern Projekten die Verfilmung ihres Beststellers „Ich dich auch“. Noch ein, zwei Jahre, dann werden Riccardo, Annerösli, Möckli und die ganze tragisch-liebenswerte Truppe über die Leinwand flimmern. Ein echter Trost für Selma, die Woche für Woche vergeblich an den Kiosk rennt und die Schweizer Illustrierte kauft; getrieben von der  Hoffnung, endlich, endlich einen Blick auf Güzin Kars Bettdecke zu erhaschen.

P.S: An diesem Text ist nichts erfunden.
P.P.S: Fast nichts.

Zur Autorin: Franziska Hidber hätte zwar ein paar Ideen, aber niemals die Ausdauer für ein Drehbuch. Ausserdem wünscht sie sich eine Alabasterhaut. www.silberfeder.ch

Making of
Originalton Güzin Kar: „Es waren in den vergangenen viereinhalb Jahren Kolumne eigentlich immer dieselben Fragen, die mir gestellt wurden, vor allem die nach dem Adjektiv für meinen Schreibstil und dem Adjektiv für mich selber, was man einen männlichen Autor so nie fragen würde. Die Worte ‚keck’ und ‚frech’, die mir auffallend häufig angehängt wurden, werden nur in Bezug auf Frauen und ihre Texte verwendet.“

www.guzinkar.ch

textin März 2009
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