Die Aasgeier der Eitelkeit

Von Sascha Erni

(Eine Glosse zum Thema Zuschussverlage.) „Ein grosser Stand an der Buchmesse, Hochglanzprospekte, ein würdevoller Name … Der Verlag kann ja nur toll sein! Und er ist an meinem Manuskript interessiert! Endlich! Jetzt muss ich nur noch das Geld fürs Lektorat zusammenkratzen und den Wisch für die Druckkostenbeteiligung unterschreiben, dann bin ich veröffentlicht! Hurra!“

Ähnliches hört und liest man seit Jahrzehnten von hoffnungsvollen Jungautoren. Manche zahlen enthusiastisch. Sie freuen sich darauf, im Online-Shop aufgeführt zu werden und wundern sich später, dass nirgends Rezensionen erscheinen und man eine Absage vom Autorenverband bekommen hat.

Willkommen in der klammen Umarmung der Zuschussverlage! Oder Dienstleisterverlage, wie man sie auch gerne nennt. Klingt politisch korrekter als der Begriff Aasgeier.

Solche „Verlage“ sind immer wieder im Gespräch. Sei es am Autoren-Stammtisch oder beim www.aktionsbuendnis-faire-verlage.com, in den Feuilletons oder vor Gericht. Letzteres vorwiegend deshalb, weil gewisse Dienstleister negative Publicity nicht gerade schätzen und dann wegen „Verleumdung“ klagen. Sie haben zwar bisher alle Verfahren verloren, aber lustig ist der Rechtsstreit trotzdem nicht. Daher werde ich mir die Nennung konkreter Unternehmen verkneifen.

Aasgeier ist aber nicht sehr nett. Weswegen so grob?

Im Literaturbetrieb werden diese Dienstleister in der Regel als unseriös betrachtet. Die meisten Zeitungen, Zeitschriften, Radiosendungen, Nachschlagewerke, Buchhandlungen und Bibliotheken, Autorenverbände, Gewerkschaften, Literaturwettbewerbe, Stipendienträger und so weiter halten sehr wenig bis rein gar nichts von den Veröffentlichungen solcher Pseudo-Verlage. Aber weshalb ist das so?

Die Antwort ist so einfach wie einleuchtend. Seriöse Verlage bezahlen ihre Autoren. Die Schriftsteller liefern Material, mit dem der Verlag hofft, Kohle zu machen. Das Wort „Verlag“ kommt von „vorlegen“; Auslagen machen, um dann später zu profitieren. Der Geldfluss ist also eindeutig – der Verlag bezahlt die Autoren mehr oder weniger gut, aber die Schreiberlinge werden nicht zur Kasse gebeten.

Zuschussverlage jedoch drehen den Spiess um: Die Schriftsteller sollen für die Veröffentlichung bezahlen. Argumentiert wird oft mit Goethe, der tatsächlich Sachen auf eigene Kosten veröffentlichte. Oder es wird die schwierige Marktsituation insbesondere für Frischlinge erwähnt. Und dass andere Verlage den Roman nicht publizieren könnten, weil er zu „radikal“ oder zu „avant-garde“ für den Markt sei. Die nehmen ja nicht einmal mehr Heine an, wenn man sie auf die Probe stellt! Aber das Manuskript ist so gut, dass man dem Autor eine Chance geben will. Das Buch könnte das wichtigste Werk einer ganzen Generation werden!

„Aber Geschäftsrisiko, Sie verstehen, wir müssen das gemeinsam stemmen; wenn die ersten 20’000 Exemplare verkauft sind, haben Sie Ihre Investition wieder drin. Unterschreiben Sie hier.“

Nun ja. Ich verkneife mir einen zynischen Kommentar. Nur so viel: Nicht ohne Grund werden solche Dienstleister im angelsächsischen Raum als „Vanity Press“ bezeichnet. Eitelkeits-Druckereien. Wer auf diesem Wege veröffentlichen möchte, darf das gerne tun. So lange man im Kopf behält, dass man zwar gedruckt, aber nicht verlegt wird.

Seien wir doch mal ehrlich: Selbst kleine, international kaum bekannte Verlage bekommen im Jahr problemlos ein paar hundert bis ein paar tausend Manuskripte unaufgefordert zugeschickt. Grössere Verlage schaffen das in einem Monat. Weshalb also sollte ein seriöser Verleger aktiv, mit Werbung im Netz und in Tageszeitungen, nach neuen Autoren suchen? Er bekommt sowieso genug Material, aus dem er gemäss Verlagsprogramm, Textqualität und Markttauglichkeit auswählen kann.

Das Argument „Wir haben Publikumsverlage geprüft; sie wollten nicht einmal Jane Austen annehmen und das ist Weltliteratur!“ greift nicht. Es sollte jedem einleuchten, dass die Grossen  auch deshalb erfolgreich waren, weil sie nun mal den Nerv der Zeit getroffen hatten. Genau so gut könnte man sagen, dass die gegenwärtigen Wissenschaftsverlage nur Idioten beheimaten. Weil sie Ptolemäus nicht akzeptieren würden, obwohl er die Grundlage für 1000 Jahre Astronomie gelegt hatte. Historisch-inhaltlicher Kontext ist eben auch wichtig.

Egal. Kurz gesagt: Steht auf einer Verlags-Website unübersehbar etwas in Richtung „Wir suchen junge Autoren“ oder „Wir wollen Ihr Manuskript“ – Finger weg. Ein seriöser Verlag hat das nicht nötig. Da reicht unter „Kontakt“ ein kleingedruckter Paragraf mit Hinweisen zum Einschicken unverlangter Manuskripte. Oder zwischendurch ein grossangelegter Schreibwettbewerb.

So weit klar? Nun ja, es kommt leider noch „besser“.

Oh Gott.

Genau. Denn: Zuschuss-Geschäftsmodelle schaden nicht nur den zahlenden Autoren, sondern dem Literaturbetrieb allgemein. Durch die oft aggressive Werbung für den „Verlag“ (und der auffällig fehlenden Werbung für den Kunden, ich meine, Schriftsteller) zeigen sich immer mehr Menschen überrascht, dass Autoren heutzutage vom Verlag bezahlt werden. Und nicht anders rum. Das macht es für Schriftsteller immer schwieriger, in der Öffentlichkeit ernst genommen zu werden. Frei nach dem Motto:

„Ah, Du hast ein Buch veröffentlicht? Mein Schwager hat auch schon drei draussen, aber das ging ihm dann doch zu sehr ins Geld.“

Je mehr Leser und Jungautoren davon überzeugt sind, dass Schriftsteller selbstverständlich für Lektorat, Druck und Vertrieb zahlen müssen, desto schwächer wird die generelle Verhandlungsposition aller Autoren. Seriöse Verlage halten sich (noch) an die Empfehlungen der Gewerkschaften und Verbände, aber es ist klar – wenn man weiss, dass nicht gerade wenige Leute ohne sich zu wundern 3000 Euro allein fürs Lektorat in die Hand nehmen würden … Da fragt man sich früher oder später, weshalb man denn für einen Roman ein paar tausend Euro Honorar plus eine Beteiligung am Verkaufserlös bezahlen soll.

Mag paranoid klingen, ja. Aber schon jetzt haben einige echte Verlage den Vorschuss für Erstlingswerke aus dem Verlagsvertrag gestrichen; es werden manchmal nur noch Tantiemen gezahlt. Andere Verlage, insbesondere Zeitschriftenverlage, bestehen auf Total-Buy-Out, womit der Autor einmalig ein Honorar bekommt – aber keine zusätzliche Vergütung für die Weiterverwertung in Form von Übersetzungen, Podcasts, Hörbuch oder gar einer Verfilmung. Verschiedene deutsche Gerichte stellen sich seit einiger Zeit gegen solche Verträge, aber man kämpft ein bisserl gegen Windmühlen. Der Markt hat halt das Zepter in der Hand, und der freie Journalist ist schon froh, wenn er mal 500 Euro in die Hand gedrückt bekommt.

Ja. Aber ich finde nun mal keinen Verlag. Was kann ich tun?

Vernünftig wäre es sich zu fragen, weshalb 89 Absagen den Schreibtisch zumüllen. Stimmt die Textqualität? Ist das Buch verlagsreif, also wirklich gut geschrieben, oder sollte ich nochmals mit Schere und Logik drüber? Bespreche ich vielleicht ein Nischenthema, das sich für einen Verleger finanziell nicht lohnt, weil sich weltweit 262 Leute überhaupt dafür interessieren? Passt es nicht zu den aktuellen und potentiellen Trends der nächsten drei, vier Jahre? Sollte ich das Manuskript vielleicht eine Weile in der Schublade lassen? In der Hoffnung, dass sich der Zeitgeist ändert?

Wenn man dennoch sein Buch jetzt veröffentlichen möchte, kann man es im Selbstverlag versuchen. Genau das hat ja auch der viel erwähnte Goethe gemacht: Druckerei gesucht, dann einen Vertrieb. Insbesondere bei Randthemen geht es oft nicht anders. Oder man wartet darauf, dass die Nische zum neuen Kulturphänomen wird. Eine 16-Jährige kann sich das Warten leisten, ein 73-Jähriger wohl eher nicht.

Ergo: Print-on-demand-Dienst suchen, ISBN-Nummer bestellen, vielleicht einen freischaffenden Lektor engagieren, einfachste Website ins Netz hängen und selbst Werbung machen. Wenn man nett fragt, legt die lokale Buchhandlung auch gerne ein paar Exemplare auf. Viel mehr passiert bei den meisten Zuschussverlagen auch nicht. Okay, man landet bei den Dienstleistern auch in einem schönen Hochglanzprospekt, der an „Alle Buchhändler im deutschsprachigen Raum“ (und natürlich an alle Autoren) verschickt wird. Und beim Händler prompt im Papierkorb endet.

Privat aufgezogen kann so ein Projekt deutlich preiswerter werden als mit einem Dienstleisterverlag, wo man gerne mal einen vier- bis fünfstelligen Betrag als „Investment“ hinterlegen soll. Macht man alles selbst, kostet es den Schriftsteller unter 50 Euro, plus vielleicht noch 60 Euro im Jahr für die Website. Und man hat den Vorteil, dass das Buch zwar noch immer von den meisten Medien ignoriert wird, aber wenigstens hat man etwas Eigenes geschaffen. Ohne den Aasgeier zu füttern.

Sascha Erni wurde 1975 im Aargau geboren. Mittlerweile lebt er allerdings als freischaffender Texter und Autor in Niedersachsen. www.nggalai.com

Datum: 1. März 2010 (textin Oktober 2009)
Text: Sascha Erni
Bild: Manuel Castellote, www.manuele.ch
Bitte Urheberrechte beachten: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.

Kommentar schreiben