Der andere Blick auf Kindertexte

Von textin

Von der Notwendigkeit ausserschulischer Schreibförderung. So wie das Krachen eines umstürzenden Baumes ungehört verhallt, wenn niemand da ist, um es zu hören, so gehen auch kreative Ideen unbemerkt unter, wenn sie nicht von einem empfänglichen Publikum wahrgenommen und umgesetzt werden. (Mihaly Csikszentmihalyi)

Von Svenja Herrmann

Als erwachsene Leserinnen und Leser tendieren wir dazu, Kindertexte als nicht-literarisch einzustufen oder sie nur ungenügend wahrzunehmen. Für das junge literarische Schreiben hat dieser Umstand erhebliche Konsequenzen: Literarisches Schreiben wird nicht nur nicht ernst genommen, sondern findet weitgehend keinen “Raum”, wo es betrieben werden könnte.

Somit bleiben Kindern im Primarschulalter Erfahrungen im literarischen Schreiben allzu oft verwehrt. Ganz im Gegensatz zu Musik und Sport. Hier wird schon früh gefördert, was später gedeihen soll – nicht zuletzt wird an eine alte Tradition angeknüpft, die Diskussionen über die Notwendigkeit oder die Legitimation überflüssig macht.

Ein Anbieter für das Schreiben für Kinder im Raum Zürich ist schreibstrom.ch. Das von der Schriftstellerin und Schreibberaterin Svenja Herrmann und der Literaturwissenschafterin und -vermittlerin Simona Fischer ins Leben gerufene Unternehmen “schreibstrom” bietet neben Schreib- und Buchclub auch Mentorate für hochbegabte Kinder und Jugendliche im Raum Zürich an. Diese umfassen Elternberatung, Schulbesuche und Beratung für Lehrpersonen. Zudem ist “schreibstrom” eine Plattform für begabungsfördernde Literaturvermittlung in Schulen und für Geschichten von Kindern und Jugendlichen.

Die Institutionalisierung ausserschulischer literarischer Schreibförderung ermöglicht Kindern – ohne schulischen und zeitlichen Druck – ein eigenes Schreibprojekt zu verfolgen, Spielräume in der Imagination und in der Sprache auszuloten, der eigenen Stimme Gehör zu verschaffen und Schreiben als Prozess zu erfahren.

Wichtig ist, dass wir einen anderen Blick auf Kindertexte entwickeln, indem wir das Augenmerk auch auf die ästhetische Gestaltung legen, die Brille des erwachsenen Lesers ablegen und dem Text unvoreingenommen begegnen. Es ist interessant, wie dann die Schönheit vieler Kindertexte ans Licht tritt, wie sich Aussagen über den Grad der Literarizität machen lassen und wie man schliesslich zu einem Instrumentarium gelangt, das Kindertexte sogar nach literaturkritischen Kategorien beurteilen hilft.

Das Bedürfnis vieler Kinder über den Deutschunterricht und die Aufsatzstunde hinauszugehen, Geschichten zu schreiben, imaginative Welten zu entwerfen, die eigene Stimme zu finden, Zeit mit Nachdenken und Schreibprojekten zu verbringen, gab es schon immer. Aber wenn diesem Bedürfnis wirklich Rechnung getragen werden soll, muss die Literarizität von Kindertexten erkannt werden. Dann werden sie sich auch der notwendigen Wertschätzung erfreuen können.

Svenja Herrmann, www.schreibstrom.ch

Datum: 1. März 2010 (textín Oktober 2009)
Text und Bild: Svenja Herrmann
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