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	<title>Textin &#187; Mittwochsperlen</title>
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	<description>Das Magazin der Schreibszene Schweiz</description>
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	<language>en</language>
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		<title>Ich recherchiere für mein Leben gern</title>
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		<pubDate>Wed, 18 Aug 2010 06:48:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ruth Loosli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Autor/innen Schweiz]]></category>
		<category><![CDATA[Mittwochsperlen]]></category>
		<category><![CDATA[Michele Minelli]]></category>
		<category><![CDATA[Recherchieren]]></category>
		<category><![CDATA[Ruth Loosli]]></category>
		<category><![CDATA[Schreibkurse]]></category>

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		<description><![CDATA[Mittwochsperle. Ruth Loosli im Gespräch mit der Autorin Michèle Minelli.  Ruth Loosli: Liebe Michèle, herzliche Gratulation zu deinem Stipendienpreis der Autorinnenvereinigung, dem Netzwerk für deutschsprachige Autorinnen! Es gab ja sehr viele Bewerberinnen, kannst du uns kurz erzählen, weshalb du dich beworben hast und was dir der Preis bedeutet? Und natürlich auch, welches Projekt du eingereicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mittwochsperle. Ruth Loosli im Gespräch mit der Autorin Michèle Minelli. <span id="more-440"></span></p>
<p><strong>Ruth Loosli:</strong> Liebe Michèle, herzliche Gratulation zu deinem Stipendienpreis der Autorinnenvereinigung, dem Netzwerk für deutschsprachige Autorinnen! Es gab ja sehr viele Bewerberinnen, kannst du uns kurz erzählen, weshalb du dich beworben hast und was dir der Preis bedeutet? Und natürlich auch, welches Projekt du eingereicht hast?</p>
<p><strong>Michèle Minelli: </strong>Als ich vom Projektstipendium der AV gelesen habe, dachte ich sogleich an meinen neuen Roman. Es gibt ja allerlei Ausschreibungen und Orte, bei denen man sich als Schriftstellerin bewerben kann, dabei sind mir diejenigen, die Projekte aktiv unterstützen, die liebsten, weil diese Literaturförderung im wahrsten Sinne des Wortes betreiben: sie wollen, dass gute Literatur entsteht und bieten dazu Hand. Sei es mit Aufenthaltsstipendien oder mit Geld, beides hilft einer Autorin dabei, sich für eine Weile ganz auf ihre Schreibarbeit konzentrieren zu können. In diesem Sinne bedeutet mir das gewonnene Projektstipendium auch wertvolles Vertrauen, das eine Organisation in mein Projekt legt, und Zutrauen in mein Können; ein wirklich kräftigendes Gefühl.</p>
<p><strong>Ruth Loosli: </strong>Du hast schon mehrere Bücher herausgegeben, die letzten beim Isele Verlag. Wie bist du zu diesem Verlag gekommen? Hast du Tipps für die Verlagssuche?</p>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-394" title="minelli_2_237" src="http://www.textin.ch/wp-content/uploads/2010/08/minelli_2_237.jpg" alt="" width="237" height="356" /><strong>Michèle Minelli:</strong> Nachdem ich die ersten beiden Sachbücher beim Paul Haupt Verlag publiziert hatte, verspürte ich den Drang, etwas ganz Eigenes zu machen, mein damaliges Traumbuch gewissermassen. Dafür wollte ich mich frei fühlen und schrieb &#8220;Unter Mongolen&#8221; ohne die Sicherheit eines Verlages im Rücken. Für das fertige Manuskript durchstöberte ich dann die Internetseite <a href="http://www.autorenboerse.net" target="_self">www.autorenboerse.net</a> nach Verlagen, die an den Themenbereichen Mongolei/sozialpolitische Umwälzung/Reisereportage Interesse haben könnten und schrieb diese gezielt an. Nicht lange darauf antwortete mir der Verlagsleiter der Edition Isele, und so kam dieser Kontakt zustande. Mein Tipp in Bezug auf die Verlagssuche ist also tatsächlich der allgemein übliche: sich einen soliden Überblick verschaffen und gezielt Verlage anschreiben. Das hat grössere Erfolgschancen als blindwütige Massenversände, die unpersönlich sind und dieses Unpersönliche auch ausstrahlen.</p>
<p><strong>Ruth Loosli: </strong>Du schreibst Sachbücher wie auch Romane. Gibt es Hinweise für die Recherche-Arbeit, die für alle Schreibenden nützlich sind und wir vielleicht noch nicht wissen? Wie gehst du vor, wenn du nicht mehr weiterkommst?</p>
<p><strong>Michèle Minelli:</strong> Zuallererst: ich recherchiere für mein Leben gern! Ich liebe es, mich schlau zu machen, einer Sache auf den Grund zu gehen, Fragen über Fragen zu stellen und mich immer wieder aufs Neue in mir gänzlich unbekannte Lebensbereiche vorzuwagen. Neuland zu entdecken, in Dschungel einzudringen und Spuren nachzugehen bereichert nicht nur mein Schreiben, es bereichert auch mein Leben. Hinweise für diese Recherche-Arbeit gäbe es en masse. Nicht zuletzt deshalb leite ich gerne Recherche-Seminare, da kann man so richtig aus dem Vollen schöpfen und Pläne &#8220;live&#8221; in die Tat umsetzen. Aber um hier in Kürze doch eine Antwort zu geben: das Wichtigste ist sicher die Verbindung zum eigenen, echten Interesse, die hergestellt werden muss – auch und gerade bei Themen, die einen vorher kaum berührten. Und wenn man nicht mehr weiterkommt, ist das der rechte Moment, sich zu fragen: wer sonst kann es noch wissen? Es gibt immer Menschen, die sich mit genau und gerade dieser Sache intensiv beschäftigen, in die man selber eintauchen sollte; diese Menschen gilt es dann zu finden.</p>
<p><strong>Ruth Loosli: </strong>Recherche-Seminare, das dürfte nicht nur mich interessieren &#8230; Kannst du uns etwas darüber sagen?</p>
<p><strong>Michèle Minelli: </strong>Im Auftrag verschiedener Bildungsinstitute gestalte ich Recherche-Seminare, die unterschiedlich lang oder umfangreich angelegt sind, bei denen es aber immer um &#8220;echte&#8221; Recherchen geht. Das heisst, wichtige Theorie wird mit dem aktiven Tun verbunden, um so einen möglichst grossen Effekt, ein echtes Resultat zu erzielen.</p>
<p><strong>Ruth Loosli:</strong> Kennst du das Wort &#8220;Schreibblockade&#8221;? Die Situation, vor der weissen Fläche des PC zu sitzen und nicht wirklich zu wissen, wie es weiter gehen soll – wie kann man damit umgehen?</p>
<p><strong>Michèle Minelli: </strong>Ja, ich kenne das Wort, aber ich kenne nicht den Zustand. Natürlich weiss ich, was damit gemeint ist, nur teile ich die Meinung nicht, dass es sich dabei um eine Blockade des gesamten Prozesses handelt. Denn das Einzige, was blockiert ist, ist das Tippen, resp. die schreibende Hand auf dem Papier. Ich selber erkenne bei meinem Schreibprozess vier Hauptzustände: das Schreiben, das Redigieren, das Eintippen der Korrekturen und das Forschen. Wenn das Schreiben nicht geht, dann heisst das, ein anderer Teil des Prozesses ist jetzt stimmiger. Vielleicht bin ich kritisch genug eingestellt, um meinen Text Korrektur zu lesen, oder vielleicht ist meine Stimmung eher lauwarm, dann wäre das Eintippen der Korrekturen angebracht. Oder aber, und das ist fast der interessanteste Zustand: Forschen ist angesagt. Forschen, das kann ebenso bedeuten, dass ich strukturiert Recherchen nachgehe als auch, dass ich mich in die Sonne lege, eine Runde schlafe, ein Buch lese, ins Kino gehe oder einfach nichts tue. All dies sind empfangende Momente, sie sind kontemplativ, und vieles, was noch ungeordnet in meinem Kopf ist, kann in diesen Entspannungsmomenten zu neuer Ordnung finden. Und Ordnung wiederum brauche ich für das physische Schreiben, das – was Wunder! – ohne jede Blockade, ohne Stau, ungehindert fliessen kann.</p>
<p><strong>Ruth Loosli:</strong> Wann schreibst du am liebsten? Hast du deine feste Schreibzeit? Hörst du auch mal Musik zum Schreiben?</p>
<p><strong>Michèle Minelli: </strong>Da ich freiberuflich tätig bin als Ausbilderin und Autorin, kenne ich keine durchstrukturierten Arbeitszeiten. Aber ich habe mir in den letzten Jahren angewöhnt, meine Tage in Seminartage und Schreibtage (gemeint ist der gesamte Schreibprozess) einzuteilen. Wenn ich morgens aufwache, und das meist sehr früh, im Sommer mit den zwitschernden Vögeln schon bald nach vier, liege ich im Bett und frage mich immer zuerst einmal: was für ein Tag ist heute? Ist es ein Schreibtag, dann folgt schon bald das nächste Horchen nach innen: auf welchen Teil des Schreibprozesses habe ich heute Lust? Was steht an? Wenn ich dann schreibe, dann hält mich nichts davon ab. Da klingelt das Telefon vergeblich und der Postbote nimmt seine Päckchen wieder mit. Dann lasse ich mich durch nichts und niemand ablenken. So ein Schreibtag kann durchaus von frühmorgens bis abends spät dauern. Und: ja, ich höre Musik beim Schreiben. Jedes meiner Bücher hat einen anderen musikalischen Hintergrund. Es kommt manchmal vor, dass ich vor dem Einstieg in eine neue Geschichte, in ein neues Buch, zuerst die passende Musik finden muss. Diese höre ich dann wieder und wieder, bis sie sich in meinem Unterbewussten festgesetzt hat und dort meinem Hirn bei jedem Abspielen signalisiert: Schreiben. Jetzt.</p>
<p><strong>Ruth Loosli: </strong>Oh, das finde ich eine ermutigende Antwort, vielen Dank! Darf ich dich noch fragen, wie du die Literaturszene in der Schweiz wahrnimmst? Findest du es nötig, dass es einen Verband für Autorinnen gibt? Werden Bücher von Männern immer noch anders/besser wahrgenommen als von Frauen?</p>
<p><strong>Michèle Minelli: </strong>Ziemlich viele wichtige Fragen in einer, die du da vereinst! In der Schweizer Literaturszene bewegt sich etwas, viele Junge, die neue Töne anschlagen, sich Neues getrauen, auch wieder zurück zu einer gewissen Art von Radikalität finden, in dem, was sie tun. Das finde ich wichtig und gut, denn leider gibt es auch sehr viel Mittelmass, das heute hier und morgen vergessen ist.</p>
<p>Die Frage nach dem Verband für Autorinnen möchte ich so beantworten, dass es eine Tatsache ist, dass vorwiegend männliche Gremien vorwiegend männliche Autoren berücksichtigen – sei es bei Einladungen, Preisvergaben oder auch Medienberichten, die Statistiken sprechen eine eindeutige Sprache. Autorinnen haben in der Schweiz fast nur eine Chance medial zu trumpfen, wenn sie jung und fotogen sind. Beides aber hat nichts mit ihrer Stimme und ihrer Qualität des Schreibens zu tun. Nun gibt es natürlich verschiedene Wege, dieser Ungleichheit zu begegnen, und einer, sicher kein falscher, ist der Beitritt in eine Vereinigung, die ihr Augenmerk ganz auf das Schaffen der Schriftstellerinnen legt. Die Vernetzungsmöglichkeiten sind immens; plötzlich wird Entwicklung möglich, einfach, weil da noch Andere sind, die unterstützen und Türen öffnen.</p>
<p><strong>Ruth Loosli:</strong> Liebe Michèle, ich danke dir herzlich für dieses Gespräch und freue mich auf deinen Roman, den wir an dieser Stelle gerne vorstellen werden!</p>
<p>. . .</p>
<p>Datum: 18. August 2010</p>
<p><strong>Michèle Minelli</strong>, Roman- und Sachbuchautorin, wohnt am Stadtrand von Zürich.  Gewinnerin des 1. Projektstipendiums der Autorinnenvereinigung 2010; diverse weitere Auszeichnungen. <a href="http://www.mminelli.ch" target="_blank">http://www.mminelli.ch</a></p>
<p><strong>Bibliographie: </strong> Adeline, grün und blau, Roman, Isele 2009 / Kompass für Kreative, Aphorismen, Isele 2008 / Unter Mongolen, Reisereportage, Isele 2005 / Endstation Schulausschluss?, Sachbuch, Haupt 2003 / Tabuthema Abtreibung, Sachbuch, Haupt 2000 / Diverse Kurzgeschichten und Gedichte in Anthologien und Literaturmagazinen</p>
<p><strong>Ruth Loosli</strong>, Jahrgang 1959, im Seeland aufgewachsen. Worte gewundert, seit sie sprechen, lesen und OWUNDER schreiben kann. Ausbildung zur Primarlehrerin. Immer geschrieben und nun am Ordnen und Öffnen. <a href="http://www.ruthloosli.ch" target="_blank">www.ruthloosli.ch</a></p>
<p>Bild, Copyright: Michèle Minelli,</p>
<p>Bitte Urheberrechte beachten: Verlinken erlaubt, kopieren verboten.</p>
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		<title>Interview mit der Schweizer Autorin Theres Roth-Hunkeler</title>
		<link>http://www.textin.ch/interview-mit-der-schweizer-autorin-theres-roth-hunkeler/</link>
		<comments>http://www.textin.ch/interview-mit-der-schweizer-autorin-theres-roth-hunkeler/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 03 Jun 2010 13:54:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Silvia Davi</dc:creator>
				<category><![CDATA[Autor/innen Schweiz]]></category>
		<category><![CDATA[Interviews & Porträts]]></category>
		<category><![CDATA[Mittwochsperlen]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturinstitut Biel]]></category>
		<category><![CDATA[Silvia Davi]]></category>
		<category><![CDATA[Theres Roth-Hunkeler]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Vielleicht formt mich die Sprache, fliesst durch mich, schleift an mir, versickert manchmal und strömt unterirdisch.&#8221; Silvia Davi: Liebe Theres, wie kam es zu deiner ersten literarischen Publikation und den weiteren? Theres Roth-Hunkeler: Ich schrieb lange Zeit still für mich. Mitte der 80er-Jahre begann ich, erste Texte in Literaturzeitschriften und Zeitungen zu publizieren. 1991 wurde [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>&#8220;</strong><strong>Vielleicht formt mich die Sprache, fliesst durch mich, schleift an mir, versickert manchmal und strömt unterirdisch.&#8221;</strong><span id="more-333"></span><strong></strong></p>
<p><strong>Silvia Davi: </strong>Liebe Theres, wie kam es zu deiner ersten literarischen Publikation und den weiteren?<strong></strong></p>
<p><strong>Theres Roth-Hunkeler:</strong> Ich schrieb lange Zeit still für mich. Mitte der 80er-Jahre begann ich, erste Texte in Literaturzeitschriften und Zeitungen zu publizieren. 1991 wurde ich zur Teilnahme am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb nach Klagenfurt eingeladen, wo ich das 3sat-Stipendium gewann. Das erleichterte mir, für mein fertiges Roman-Manuskript &#8220;Die Gehschule&#8221; einen Verlag zu finden. Seither schreibe ich weiter. Langsam. Ich unterrichte auch und arbeite journalistisch.</p>
<p><strong>Silvia Davi: </strong>Ist es ein Zufall, dass von deinen vier Romanen, dein erster &#8220;Die Gehschule&#8221; und dein bis jetzt jüngster &#8220;Was uns blüht&#8221; 2009 im Pro Libro Verlag erschienen sind? Ersterer als Nachdruck, 17 Jahre nach seinem Erscheinen im Lenos Verlag, letzterer als Neuerscheinung? Stehen die beiden Romane in einem Zusammenhang?</p>
<p><strong>Theres Roth-Hunkeler: </strong>Peter Schulz von Pro Libro hat mir vor längerer Zeit offeriert, den Roman &#8220;Die Gehschule&#8221; in die Reihe &#8220;Kultur in der Zentralschweiz – Literatur des 20. Jahrhunderts&#8221; aufzunehmen und wieder aufzulegen, was mich sehr gefreut hat.  Einige Zeit später suchte ich einen Verlag für &#8220;Was uns blüht&#8221; und fand bei Pro  Libro auch für diesen Roman offene Türen – in der Reihe &#8220;Literatur des 21. Jahrhunderts&#8221;. Die beiden Bücher stehen inhaltlich in keinem Zusammenhang,  meine ich, aber vielleicht finden Leserinnen und Leser etwas in diese Richtung heraus.</p>
<p><strong>Silvia Davi:</strong> In &#8220;Was uns blüht&#8221; spielen nicht nur engere Beziehungen zwischen Mensch und Tier eine grosse Rolle, sondern auch Island. Lesend lernt man das Land und seine Menschen kennen, was sehr reizvoll ist. Wie bist du zu Island gekommen? Hast du dort Freunde? Sprichst du Isländisch?</p>
<p><strong>Theres Roth-Hunkeler: </strong>Eines meiner drei Kinder hat über Jahre für Island geschwärmt und war mit 17 Jahren während des Gymnasiums für ein sogenanntes Austauschjahr dort – und kam ziemlich ernüchtert zurück! Seine Islandbegeisterung aber habe ich übernommen. Ich habe das Land bereist, abseits der Touristenpfade, habe sehr viel gelesen über die Insel, über Landschaft, Geologie und Tektonik, aber auch zahlreiche belletristische, zeitgenössische Werke, die ich nur empfehlen kann. Leider spreche ich kein Isländisch, die Sprache ist sperrig, ich habe ganz wenige Bekannte in Island, keine nahen Freunde, kenne aber mittlerweile viele Menschen, vor allem Künstlerinnen und Künstler, die mit Island verbunden sind. Und natürlich habe ich die wirtschaftspolitischen Ereignisse der letzten beiden Jahre verfolgt.</p>
<p><strong>Silvia Davi: </strong>Rauchende spielen schon in &#8220;Die Gehschule&#8221; eine gewisse Rolle, aber erst recht in &#8220;Was uns blüht&#8221;. Es ging uns ja mit den aktuellen Rauchverboten auch ein kleines zwischenmenschliches Stück Kultur verloren. Das Anbieten einer Zigarette, Feuergeben, Distanz gewinnen, im Rauch einer Zigarette sich wohlfühlen. Nichts gegen das Verbot, aber ein bisschen Nostalgie wird beim Lesen geweckt. Ist das beabsichtigt, bist du selbst Raucherin?</p>
<p><strong>Theres Roth-Hunkeler:</strong> Raucher führen oft interessante Gespräche in einem kleinen Zirkel auf dem Balkon oder draussen – das merke ich als Nichtraucherin, die während dessen das Geschirr abräumt usw.! Ich suche im Schreiben nach Verbindungen unter den Figuren, ich muss ja Verbindungen herstellen. Zusammen eine Zigarette rauchen kann so eine Verbindung oder eine erste Annäherung fördern. Rauchend erzählt man sich oft Dinge, die man sich sonst nicht sagt. Das erinnere ich aus jenen Phasen, in denen ich selbst, manchmal heftig, geraucht habe. Seit sieben Jahren ist Schluss damit – obwohl ich in meiner Familie von Rauchenden umgeben bin!</p>
<p><strong>Silvia Davi: </strong>Mir gefällt in beiden Romanen, nebst dem Inhalt, deine lebendige Sprache sehr, hie und da sprichst du durch die Protagonisten auch darüber. &#8220;Je älter man wird, desto verschrobener führt sich die Sprache auf. Macht plötzlich neue Vorschriften. Stellt präzisere Forderungen. Beuge mich.&#8221; – sagt dein Protagonist Dottore. Siehst du das auch so?</p>
<p><strong>Theres Roth-Hunkeler:</strong> Sprache entwickelt sich. Sprache gehört zu mir. Sie ist persönlich. Ich verändere mich. Ich werde älter. Und sie mit mir. Menschen, die mit Schreiben anfangen, glauben, sie hätten eine Sprache zur Verfügung, die sie beliebig formen, verbessern oder gar traktieren könnten. Vielleicht verhält es sich umgekehrt: Vielleicht formt mich die Sprache, fliesst durch mich, schleift an mir, versickert manchmal und strömt unterirdisch.</p>
<p><strong>Silvia Davi: </strong>Wie heissen deine ursprünglichen literarischen Vorbilder? Hast du heute andere, immer wieder neue?</p>
<p><strong>Theres Roth-Hunkeler:</strong> Ich habe früh Wilhelm Genazino gelesen und mit ihm intensiv korrespondiert,  als er noch fast nicht bekannt war. Die Heftigkeit von Helen Meier hat mir sehr gefallen. Die Texte von Anna Felder. Die Gedichte von Karl Krolow. Von Michael Krüger. Von Robin Fulton. Überhaupt Lyrik. Ich lese sehr viel Lyrik, auch in Übersetzungen. Eine Neuentdeckung: Dorothea Grünzweig. Denn Lesen  war mein Weg zum Schreiben. Ich lese immer, gerne auch Prosa von Autorinnen und Autoren, die eine Generation jünger sind als ich.</p>
<p><strong>Silvia Davi: </strong>Du unterrichtest an der HKB. Dein Herbst-Semesteratelier 2009/10 für literarisches Schreiben stand unter dem Titel &#8220;– Im Anfang war –&#8221;, kannst du uns darüber berichten, wie deine Studenten auf diesen interessanten Aspekt ihrer Ausbildung reagierten?</p>
<p><strong>Theres Roth-Hunkeler: </strong>Das Thema, glaube ich, hat sich bewährt. Fragen wie &#8220;Wann beginnt ein Text? Was ist vor dem Anfang? Was geschieht, bevor ein erster Satz, eine erste Zeile auf dem Bildschirm stehen?&#8221; eignen sich gut für Studierende, die sich entschlossen haben, eine Ausbildung in literarischem Schreiben zu machen. Und dann gibt es ja Tausende von Möglichkeiten, eine Erzählung, einen Roman zu beginnen. Am Anfang steht alles offen, aber schon nach den ersten Sätzen verengt sich die Anlage. Das zu verfolgen an eigenen und fremden literarischen Texten ist spannend – jedenfalls haben die Studierenden sehr viel zu diesen Themen gearbeitet.</p>
<p><strong>Silvia Davi: </strong>Nicht von ungefähr kommen in &#8220;Was uns blüht&#8221; nebst den beiden Hauptprotagonisten in mittleren Jahren auch junge Menschen zwischen 23 und 30 Jahren vor. Es wird gekocht, gewandert, gesimst, geemailt, eine Homepage gestaltet und vieles mehr. Dein ganzes Romanpersonal ist mir äusserst sympathisch, nie klischeehaft. Du lässt die drei Hauptprotagonisten in je verschiedenen Perspektiven sprechen, schreiben oder erzählen, schwenkst mitunter, für den Leser kaum bemerkbar, in die auktoriale Erzählweise über. Kam es beim Schreiben vor, dass sich deine Figuren gelegentlich verselbständigten oder hattest du immer die Kontrolle über sie?</p>
<p><strong>Theres Roth-Hunkeler: </strong>Ich bin eine assoziative Schreiberin. Ich hatte viel Material zu jeder einzelnen Figur gesammelt und jeder von ihr Handlungen und vor allem ganz bestimmte Sätze zugeordnet, z.B. Sätze für den jungen Fab oder für die mittelalte Alma. Daraus ergaben sich auch Dialoge. Das Wichtigste war mir, für jede Figur einen eigenständigen Ton zu finden. Natürlich bekamen die Figuren während des Schreibens ein Eigenleben. Literarische Figuren lassen sich so ungern kontrollieren wie reale Menschen! Im Ernst: Es gibt im Buch ja eine Frauenfigur, die Bibi heisst. Für sie hatte ich nur einen kleinen Auftritt &#8220;geplant&#8221;, aber Bibi nahm dann im wahrsten Sinne des Wortes plötzlich ziemlich viel Raum ein und bereitete mir grosses Kopfzerbrechen. Sie hat mir aber ermöglicht, die Figur des Fab vielschichtiger und schwankender zu zeigen.</p>
<p><strong>Silvia Davi: </strong>Dein Roman &#8220;Was uns blüht&#8221; hatte durchwegs gute Kritiken, deiner Lesung an den Solothurner Literaturtagen folgte ein grosses, begeistertes Publikum. An den Zentralschweizer Literaturtagen in Willisau wurde  &#8220;Was uns blüht&#8221; von der Literaturkritikerin Beatrice Eichmann-Leutenegger als &#8220;eines der vier beliebtesten Bücher der letzten Saison&#8221; vorgestellt, und es entstand mit den drei weiteren Literaturkritikern eine angeregte Diskussion. Einige hätten sich, wenn ich mich richtig erinnere, die Beziehung zwischen Alma und dem Dottore etwas intensiver gewünscht oder wären gespannt auf eine Fortsetzung des Romans. Könntest du dir das vorstellen? Oder arbeitest du bereits an einem völlig neuen Romanprojekt?</p>
<p><strong>Theres Roth-Hunkeler: </strong>Ich arbeite momentan in verschiedene Richtungen, probiere wieder Töne aus, ordne Notizen, schichte sie um, dünne sie aus – es ist fast wie Gartenarbeit! Ich weiss, etwas entsteht, kündet sich an, mehr kann ich noch gar nicht sagen dazu. Ich bin langsam und gründlich. Aber dass &#8220;Was uns blüht&#8221; weiter gehen könnte, daran habe ich noch nie gedacht. Wer weiss!</p>
<p><strong>Silvia Davi: </strong>Herzlichen Dank – Theres Roth-Hunkeler – für die Beantwortung meiner Fragen!</p>
<p>Theres Roth-Hunkeler: <a href="http://www.roth-hunkeler.ch" target="_blank">www.roth-hunkeler.ch</a></p>
<p>Copyright Bild: Theres Roth-Hunkeler<br />
Datum: 31. Mai 2010</p>
<p>Interview: Silvia Davi  <a href="http://www.silviadavi.ch" target="_blank">www.silviadavi.ch</a></p>
<p>Bitte Urheberrechte beachten: Verlinken erlaubt, kopieren verboten</p>
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		<title>Tania Kummer &#8211; Zuviel Fantasie</title>
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		<pubDate>Thu, 03 Jun 2010 13:32:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ruth Loosli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Autor/innen Schweiz]]></category>
		<category><![CDATA[Mittwochsperlen]]></category>
		<category><![CDATA[Autobiografisches Schreiben]]></category>
		<category><![CDATA[Ruth Loosli]]></category>
		<category><![CDATA[Schreibkurs]]></category>
		<category><![CDATA[Tania Kummer]]></category>

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		<description><![CDATA[( Interview: Oktober 2007) Ruth Loosli: Tania, die einleitende Standardfrage, die immer wieder interessiert: Wie bist du zum Schreiben gekommen? Tania Kummer: Mit zehn, zwölf Jahren hab ich mit Gedichten begonnen, das waren kleine Liebesgedichte, nichts Grandioses, aber das Schreiben war schon früh wichtig für mich. Ruth Loosli: Hatten deine Deutschlehrer Einfluss auf dein Schreiben? [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>( Interview: Oktober 2007) <strong>Ruth Loosli:</strong> Tania, die einleitende  Standardfrage, die immer wieder interessiert: Wie bist du zum Schreiben gekommen?<span id="more-331"></span><img title="Weiterlesen..." src="http://www.textin.ch/wp-includes/js/tinymce/plugins/wordpress/img/trans.gif" alt="" /></p>
<p><strong>Tania Kummer:</strong> Mit zehn, zwölf Jahren hab ich mit Gedichten  begonnen, das waren kleine Liebesgedichte, nichts Grandioses, aber das  Schreiben war schon früh wichtig für mich.</p>
<p><strong>Ruth Loosli: </strong>Hatten deine Deutschlehrer Einfluss auf dein  Schreiben?</p>
<p><strong>Tania Kummer: </strong>So genau weiss ich das nicht mehr. Aber ich kann  mich bestens erinnern, dass in der Oberstufe eine Lehrerin &#8220;zuviel  Fantasie&#8221; unter den Aufsatz hinschrieb und dies der Grund war für eine  schlechtere Note &#8230;</p>
<p><strong>Ruth Loosli:</strong> Wie organisierst du dein Schreiben heute?</p>
<p><strong>Tania Kummer:</strong> Ich muss zuerst alles erledigt haben, bevor ich  mir die Erlaubnis zum Schreiben gebe – verrückt, nicht? Die innere  strenge Stimme, die dauernd sagt, wo’s lang geht &#8230; Wäsche obtun,  einkaufen und solche Dinge eben. Am besten ist es wie zum Beispiel  gestern, als ich nach einem intensiven Abend mit einem guten Freund nach  Hause kam, total angeregt, voll mit Inspirationen und dann setze ich  mich an den PC und schreibe, schreibe, schreibe. Ich bin dann in einem  &#8220;andern&#8221; Zustand, das erlebe ich als &#8220;von der Muse geküsst&#8221; und ist  einfach beglückend. Wenn es so läuft, kommt mir immer die fantastische  Uta Köbernick in den Sinn, die in einem Lied singt: Es kommt einfach aus  mir raus. Der Kontext ist zwar ein anderer, aber das ist mein Gefühl.</p>
<p><strong>Ruth Loosli: </strong>Was inspiriert dich? Wovon lässt du dich  inspirieren?</p>
<p><strong>Tania Kummer: </strong>Ein Gespräch unter Freunden, die dir Paroli  bieten, die dir den &#8220;Kopf öffnen&#8221; mit allem Respekt, den man einander  entgegenbringt.</p>
<p><strong>Ruth Loosli: </strong>Und in kultureller Hinsicht?   Tania Kummer: Ich  bin viel zu Hause, lese Sachbücher, zurzeit Arno Grün. Die Frage nach  unserer vermeintlichen Normalität und Realität beschäftigt mich.</p>
<p><strong>Ruth Loosli:</strong> Hast du Vorbilder?</p>
<p><strong>Tania Kummer:</strong> Ich würde gern Ja sagen, verschiedene Namen  nennen, z. B. die Gruppe &#8220;Les Reines Prochaines&#8221;, aber es geht eher um  eine Haltung als um Personen. Es gibt eine Frau, die mir während meiner  Ausbildung zur Buchhändlerin begegnet ist, an die ich immer wieder  denke, da hat ein Optimismus mitgeschwungen, der nicht aufgesetzt war,  eine Gelassenheit, die sie ausgestrahlt hat, auch wenn sie mit  Schwierigkeiten konfrontiert war. Mir ist die Haltung der Menschen  wichtig und nicht ihr Bekanntheitsgrad.</p>
<p><strong>Ruth Loosli: </strong>Gibt es eine Landschaft, die du besonders liebst?</p>
<p><strong>Tania Kummer: </strong>Wald! Ich war gestern zwei Stunden im Wald und  habe den Herbst eingesogen. Im Wald erlebe ich einen optimalen  Zufriedenheitsgrad – ich bin Wald.   Ruth Loosli: Hast du immer  Schreibzeug dabei, wenn du unterwegs bist?  Tania Kummer: Wenn ich in  der Natur unterwegs bin, habe ich nichts dabei. Ganz im Gegensatz dazu,  wenn ich in der Stadt unterwegs bin – Handtaschen sind mir ein Gräuel,  ich habe immer grosse Taschen dabei – und darin dürfen natürlich Bücher,  Notizbücher und viele Stifte nicht fehlen.</p>
<p><strong>Ruth Loosli:</strong> Kannst du uns Bücher nennen, die uns beim  Schreiben helfen können?</p>
<p><strong>Tania Kummer: </strong>Es gibt eine Literaturliste, die ich an den  Kursen für autobiographisches Schreiben abgebe (lacht: das ist nun  Werbung &#8230;).</p>
<p><strong>Ruth Loosli:</strong> Wo finden wir Informationen zu dir und deinen  Kursen?</p>
<p><strong>Tania Kummer: </strong>Unter www.taniakummer.com</p>
<p><strong>Ruth Loosli:</strong> Gibst du uns trotzdem noch einen heissen Tipp?</p>
<p><strong>Tania Kummer: </strong>Schreiben, schreiben, schreiben! Dranbleiben.  Sucht euch Gleichgesinnte, mit denen ihr über eure Texte diskutieren  könnt, lest einander vor! Macht an Wettbewerben mit &#8230; Im Internet  findet man so viele nützliche Adressen! Z.B. www.schreibszene.ch (lacht:  Werbung ist bestimmt erlaubt &#8230;).</p>
<p><strong>Ruth Loosli:</strong> Noch eine letzte Frage, bevor ich dich an den  Schreibtisch entlasse: Bist du zurzeit an einem grösseren Projekt?</p>
<p><strong>Tania Kummer:</strong> Ja, ich überarbeite mein Manuskript. Es sind  Kurzgeschichten.</p>
<p><a href="http://www.taniakummer.com" target="_blank">www.taniakummer.com</a></p>
<p><a href="http://www.schreibszene.ch" target="_blank">www.schreibszene.ch</a></p>
<p><strong>Ruth Loosli</strong>, Jahrgang 1959, im Seeland aufgewachsen. Worte  gewundert, seit sie sprechen, lesen und OWUNDER schreiben kann.  Ausbildung zur Primarlehrerin. Immer geschrieben und nun am Ordnen und  Öffnen. <a href="http://www.ruthloosli.ch" target="_blank">www.ruthloosli.ch</a></p>
<p>Das Interview wurde im Oktober 2007 geführt und im Juni 2010 auf die    textin-Seite gezügelt.<br />
Interview: Ruth Loosli<br />
Bild: Tania Kummer / Stefan Kubli<br />
Bitte Urheberrechte beachten: Verlinken erlaubt, kopieren verboten.</p>
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		<title>Mittwochsperle: Güzin Kar</title>
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		<pubDate>Mon, 12 Apr 2010 11:03:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Fatima Vidal</dc:creator>
				<category><![CDATA[Autor/innen Schweiz]]></category>
		<category><![CDATA[Mittwochsperlen]]></category>
		<category><![CDATA[die wilden Hühner]]></category>
		<category><![CDATA[Güzin Kar]]></category>
		<category><![CDATA[Lieber Brad]]></category>

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		<description><![CDATA[Mittwochsperle Juni 2007. Güzin Kar schreibt Drehbücher, führt Regie und schreibt Kolumnen. Die Zürcherin mit türkischen Wurzeln lebt seit ihrem fünften Lebensjahr in der Schweiz und wird bald auch einen Koffer in Berlin haben. Fatima Vidal: Güzin Kar, erzählen Sie uns, wie Ihre Liebe zum Film entstanden ist? Güzin Kar: Als Kind sah ich mir [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mittwochsperle Juni 2007. <strong>Güzin Kar schreibt Drehbücher, führt Regie und schreibt Kolumnen. Die Zürcherin mit türkischen Wurzeln lebt seit ihrem fünften Lebensjahr in der Schweiz und <span id="more-278"></span>wird bald auch einen Koffer in Berlin haben. </strong></p>
<p><strong>Fatima Vidal:</strong> Güzin Kar, erzählen Sie uns, wie Ihre Liebe zum Film entstanden ist?</p>
<p><strong> Güzin Kar: </strong>Als Kind sah ich mir mit Begeisterung die Filme von Alfred Hitchcock an. Ich las auch alles über ihn und seine Filme, weil ich wissen wollte, wie er welchen Effekt in einer bestimmten Szene erzielt hatte.</p>
<p><strong>Fatima Vidal: </strong>Jetzt sind Sie plötzlich ein Star. Hat sich Ihr Leben verändert?</p>
<p><strong>Güzin Kar: </strong>Na, ein Star bin ich wahrlich nicht, nur etwas bekannter als früher. In meinem Leben hat sich nichts verändert, ausser dass ich einige Einladungen mehr für Galas und Premieren erhalte als noch vor einem Jahr, was mir aber egal ist, da ich nicht oft auf Galas gehe.</p>
<p><strong>Fatima Vidal: </strong>In welcher Sprache träumen Sie? Haben Sie auch schon daran gedacht, türkische Filme zu schreiben?</p>
<p><strong>Güzin Kar: </strong>Ich träume auf Hoch- oder Schweizerdeutsch. Wenn ich Filme auf Türkisch schreiben würde, wären dies unfreiwillige Komödien, denn meine Kenntnisse in dieser Sprache sind auf dem Stand einer Fünfjährigen. Damals kam ich mit meiner Familie in die Schweiz. Deutsch zu lernen hat mir grossen Spass gemacht. Gelernt habe es übrigens von gleichaltrigen, mehrheitlich ausländischen Kindern, die bei uns in der Siedlung lebten und schon länger hier waren als unsere Familie.</p>
<p><strong>Fatima Vidal:</strong> Sie hatten das grosse Glück für Ihr Erstlingsdrehbuch &#8220;Lieber Brad&#8221; sehr schnell einen Produzenten zu finden. Wie haben Sie das angestellt?</p>
<p><strong>Güzin Kar: </strong>Wir wurden einander über einen gemeinsamen Bekannten vorgestellt und ich präsentierte ihm meine Idee. Sie gefiel ihm sofort. Damals war ich im letzten Jahr an der Filmakademie in Ludwigsburg (Deutschland). Es war ein Glücksfall, dass mein erstes Drehbuch sofort verfilmt wurde.</p>
<p><strong>Fatima Vidal: </strong>Was ist Ihre Lieblingstätigkeit, Regie führen oder das Schreiben von Drehbüchern und Kolumnen?</p>
<p><strong>Güzin Kar: </strong>Meine Lieblingstätigkeit ist immer noch Essen! Drehbücher – oder Filme im Allgemeinen – sind eine langwierige Angelegenheit. Die Herausforderung sind hier nicht die guten Ideen, denn die hat man ständig, sondern das Dranbleiben, das ständige Verbessern, die Liebe zum Stoff nicht verlieren, auch nach der zehnten Überarbeitung, denn das gibt es manchmal. Im Gegensatz dazu sind Kolumnen viel kurzfristiger. Auch bin ich bei den Kolumnen viel autarker, habe keinen Dramaturgen als Ansprechpartner wie beim Film.</p>
<p><strong>Fatima Vidal: </strong>Und wie gehen Sie beim Schreiben vor?</p>
<p><strong>Güzin Kar: </strong>Ich bin keine Schnellschreiberin, weder bei den Drehbüchern noch bei den Kolumnen und überarbeite Texte immer und immer wieder, bis jedes Wort stimmt – und noch wichtiger: bis der Sprachrhythmus und die Melodie sitzen. Letzteres ist bei Komödien am wichtigsten.</p>
<p><strong>Fatima Vidal: </strong>Wie lange schreiben Sie an einem Drehbuch?</p>
<p><strong>Güzin Kar: </strong>An jeder Drehbuchfassung schreibe ich ca. drei Monate. Je nachdem wie viele Fassungen es gibt, vergehen Jahre bis das Buch &#8220;reif&#8221; ist. Um kreative Höchstleistungen zu erbringen, brauche ich aber den Zeitdruck. Also drängt sich bei mir meistens alles in die letzten drei Wochen, wo ich kaum mehr schlafe, nicht mehr ausgehe, nur noch schreibe bis ich umfalle.</p>
<p><strong>Fatima Vidal:</strong> Bei Ihren Filmen lacht man oft. Ihren Protagonisten ist jedoch oft zum Weinen zumute. Ist Humor, wenn man trotzdem lacht?</p>
<p><strong>Güzin Kar: </strong>Nein. Ich mag diesen Spruch nicht. Humor ist nicht etwas, das man einer an sich tristen Sache quasi therapeutisch entgegensetzt. Humor ist eine Betrachtungsweise, eine Lebenseinstellung, vielleicht sogar ein Temperament. Natürlich sind die besten Komödien die, die von Tragischem handeln. Aber humoristisches Schreiben oder Erzählen hat viel mehr mit Sprachgefühl, also für einen musikalischen Sinn für Sprache und Erzählrhythmus zu tun als mit sonst etwas.</p>
<p><strong> Fatima Vidal:</strong> Mich interessiert natürlich sehr, wer Fatma ist und woher das Personal aus Ihren Geschichten stammt.</p>
<p><strong>Güzin Kar: </strong>Ich erfinde alles, sowohl in den Filmen als auch in den Kolumnen. Ich glaube, dass es überhaupt nur erfundene Geschichten gibt. Sogar Reportagen sind erfunden in dem Sinne, dass man als Autor Entscheidungen trifft.</p>
<p><strong>Fatima Vidal: </strong>Wissen Sie am Anfang Ihrer Geschichten bereits wie der Schluss aussehen wird?</p>
<p><strong>Güzin Kar:</strong> In den Filmen weiss ich es immer. In den Kolumnen selten.</p>
<p><strong>Fatima Vidal:</strong> Leiden Sie gelegentlich unter Schreibblockaden und verraten Sie uns Ihr Geheimnis, um wieder in den Schreibfluss zu kommen?</p>
<p><strong>Güzin Kar: </strong>Ich leide permanent unter Blockaden aller Art. Und glauben Sie mir, wenn ich den Trick zur Selbstüberlistung herausgefunden habe, werde ich einen Ratgeber darüber schreiben und viel, sehr viel Geld damit verdienen. Es kriegt dann einen dieser peinlichen Titel wie &#8220;Blockadenfrei in nur 15 Tagen&#8221; oder &#8220;Neat für die Sinne. Nie wieder Schreibstau&#8221;. Ausserdem werde ich Seminare anbieten, die ein Heidengeld kosten.</p>
<p><strong>Fatima Vidal: </strong>Was empfehlen Sie Schreibbegeisterten, die von einer Karriere als DrehbuchautorIn träumen?</p>
<p><strong>Güzin Kar:</strong> Sie sollen es unbedingt versuchen! Man kann auch mit einem Kurzfilm beginnen, wenn man sich keinen abendfüllenden zutraut. Und sie sollen daneben möglichst keine oder sehr wenige sogenannte Brotjobs annehmen. Man muss als erstes die Sicherheiten kappen.</p>
<p><strong>Fatima Vidal: </strong>Wir von Schreibszene Schweiz bedanken uns herzlich für das Interview.</p>
<p><a href="http://www.guezinkar.ch" target="_blank">www.guezinkar.ch</a></p>
<p>Datum: 12. April 2010<br />
Das Interview wurde im Juni 2007 geführt und im April 2010 auf die  textin-Seite gezügelt.<br />
Interview: Fatima Vidal<br />
Bild: Güzin Kar<br />
Bitte Urheberrechte beachten: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.</p>
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		<title>Mittwochsperle: Lea Gottheil</title>
		<link>http://www.textin.ch/mittwochsperle-lea-gottheil/</link>
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		<pubDate>Mon, 12 Apr 2010 10:39:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Fatima Vidal</dc:creator>
				<category><![CDATA[Autor/innen Schweiz]]></category>
		<category><![CDATA[Mittwochsperlen]]></category>
		<category><![CDATA[Basler Buchmesse]]></category>
		<category><![CDATA[Lea Gottheil]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Roman]]></category>
		<category><![CDATA[Solothurner Literaturtagen]]></category>

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		<description><![CDATA[Mittwochsperle 2007. Lea Gottheil (1975) lebt und arbeitet in Zürich. Sie schreibt Lyrik und Erzählungen. Gegenwärtig überarbeitet sie ihren ersten Roman. Die Autorin hat ein Drehbuch für einen kurzen Spielfilm geschrieben. Ihre erste Publikation war zur Kantonsschulzeit. Damals publizierte der Rektor der Schule eines ihrer Gedichte im Jahresbericht. Mit 28 erfolgte dann ihre erste &#8220;richtige&#8221; [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mittwochsperle 2007. <strong>Lea Gottheil (1975) lebt und arbeitet in Zürich. Sie schreibt Lyrik und Erzählungen. Gegenwärtig überarbeitet sie ihren ersten Roman. Die Autorin <span id="more-277"></span>hat ein Drehbuch für einen kurzen Spielfilm geschrieben. Ihre erste Publikation war zur Kantonsschulzeit. Damals publizierte der Rektor der Schule eines ihrer Gedichte im Jahresbericht. Mit 28 erfolgte dann ihre erste &#8220;richtige&#8221; Publikation in einer Anthologie. Mit 29 Jahren war sie Gast an der Basler Buchmesse und den Solothurner Literaturtagen. Lea Gottheils Texte haben mich stets verzaubert und ich bin davon überzeugt, dass wir noch viel von ihr hören und lesen werden.</strong></p>
<p><strong>Fatima Vidal:</strong> Lea Gottheil, schön, dass du uns hier als Mittwochsperle Rede und Antwort stehst. Du kennst Schreibszene Schweiz (Fatima Vidal) seit einigen Jahren: Als Jurorin und Moderatorin des Postkarten-Wettbewerbs und als Kursteilnehmerin. Nach der Sommerpause steht das Novemberschreiben 2007 vor der Tür. Deshalb zuerst die Frage an dich als Lyrikerin und Befürworterin der Langsamkeit: Was hältst du von der Idee des Novemberschreibens – in 30 Tage einen Roman zu schreiben?</p>
<p><strong>Lea Gottheil: </strong>Es ist mir eine Freude, als Mittwochsperle Antworten geben zu dürfen!</p>
<p>Ich kann mir vorstellen, dass sich in 30 Tagen viel Material anhäuft, welches man aussortieren, behauen, schleifen, in eine Form bringen kann. Die Staumauer entfernen, fliessen lassen, was drin ist und raus will. Ein reizvolles Projekt! Grad im November tut es doch gut, die Seele schreibend nach aussen zu stülpen, wo viele nach innen gucken, wenn der Nebel alles einhüllt.</p>
<p><strong>Fatima Vidal:</strong> In welchem Alter hast mit dem Schreiben begonnen?</p>
<p><strong>Lea Gottheil: </strong>Erstmal habe ich brav Aufsätze geschrieben. Leider kann ich hier nichts Romantischeres antworten als: Die Schule hat mich darauf gebracht, dass ich sehr wahrscheinlich das Schreiben irgendwann zum Beruf machen würde. Da war dieses Feuer, dieses Vergnügen, Sätze und Gedanken einmal ganz eigen zu formulieren. Dieses Gefühl hatte ich höchstens noch, wenn ich mich ans Klavier setzte oder Theater spielte. Als ich dabei war erwachsen zu werden, füllte ich Hefte und Bücher mit Gedanken, Wutausbrüchen, Liebesgedichten. Ich achtete immer darauf, dass ich so etwas wie eine eigene Stimme hatte. Weil man doch auch etwas Eigenes braucht, wenn sich die Welt rundherum irgendwie anders dreht.</p>
<p><strong>Fatima Vidal:</strong> Und wann hast du erstmals ein eigenes Werk publiziert?</p>
<p><strong>Lea Gottheil: </strong>Wenn man es genau nimmt, hat der Rektor der Kantonsschule Küsnacht damals ein Gedicht von mir in den Jahresbericht aufgenommen. Da war ich ganz schön stolz. Aber so richtig in einem Buch drin, das man in den Buchhandlungen kaufen konnte, war meine Geschichte &#8220;Kein Pferd&#8221; in der Anthologie &#8220;Palaver&#8221; vom Nodari &amp; Christen Verlag, 2003.</p>
<p><strong>Fatima Vidal:</strong> Eine Anthologie mit Texten von jungen Schweizer Autorinnen und Autoren.</p>
<p><strong>Lea Gottheil: </strong>Ja, in dem Buch stehen Geschichten und Gedichte von 32 jungen Schweizer Autorinnen und Autoren. Dieser Publikation habe ich sehr viel zu verdanken. Durch sie habe ich viele feine Menschen kennen gelernt, die einen schriftstellerischen Weg gehen. Den künstlerischen Austausch finde ich enorm wichtig. Man muss nicht eine derart einsame Seele sein, wenn man schreibt …</p>
<p><strong>Fatima Vidal: </strong>Viele Autorinnen und Autoren haben Lampenfieber, wenn sie vor Publikum lesen sollen. Ich habe dich diesbezüglich als sehr gelassen erlebt. War das schon immer so?</p>
<p><strong>Lea Gottheil: </strong>Im Jahr 2003 habe ich den &#8220;Lehrgang Literarisches Schreiben&#8221; an der EB Zürich abgeschlossen. An der Finissage durften wir die Texte vortragen. Ich war erstaunt, wie viel Mut es braucht, seine eigenen Texte einem Publikum darzubieten. Heute trete ich sehr gern lesend vor, empfinde es jedoch noch immer als einen intimen Akt, der mich nervös, aber auch glücklich macht.</p>
<p><strong>Fatima Vidal: </strong>Wer hat dich als junger Mensch ermutigt zu schreiben?</p>
<p><strong>Lea Gottheil: </strong>Eine enge Freundin, mit der ich die Sekundarschule besucht habe, hat immer gesagt: Lea, aus dir wird eine Schriftstellerin. Das hat mir Mut gemacht, ich spürte, dass sie es ernst meinte. Vater meinte selten, aber bestimmt: &#8220;Schreib&#8221;. Mein baldiger Ehemann ermunterte mich immer und immer wieder, Texte zu verfassen.</p>
<p><strong>Fatima Vidal:</strong> Du schreibst Lyrik, Drehbücher, Songs und jetzt gerade liegt ein Romanmanuskript auf deinem Schreibtisch. Im welchem Genre bist du vorwiegend zu Hause?</p>
<p><strong>Lea Gottheil: </strong>Die Prosa liegt mir am nächsten. Momentan überarbeite ich meinen Roman. Die Hauptfigur ist so etwas wie meine beste Freundin. Die Figuren fangen plötzlich an, mir etwas zu erzählen. Ja, meine liebsten Ausflüge unternehme ich im Prosaboot. Die Lyrik besuche ich auch gern immer wieder. Sie ist die Königin. Ich habe Ehrfurcht vor ihr und hoffe, sie empfängt mich öfters.</p>
<p><strong>Fatima Vidal: </strong>Was meinst du, warum sich die Königin Lyrik weniger gut verkauft als zum Beispiel Thriller?</p>
<p><strong>Lea Gottheil: </strong>In meinem Buchhändlerinnenalltag darf ich die Lyrikbände unter meine Flügel nehmen. Ich bin erstaunt, wie viele Leute eben doch Gedichte kaufen! Hocherfreut sogar! Zugegeben: Modernere Lyrik hat es neben den Klassikern schwer. Ich denke, die Gedichte fallen einer sehr verbreiteten Zivilisationskrankheit zum Opfer: Zeitmangel. Lyrik braucht Menschen die bereit sind, Zeit zu verzaubern. Die sich in eine Stimmung lesen können. Lyrik setzt Langsamkeit und einen unbelasteten Geist voraus.</p>
<p><strong>Fatima Vidal:</strong> Du arbeitest als Buchhändlerin. Wann findest du Zeit zum Schreiben?</p>
<p><strong>Lea Gottheil: </strong>Zu meinem grossen Glück arbeite ich fünfzig Stellenprozent in der Buchhandlung. Da bleiben mir einige Schreibtage. Dies ist allerdings erst seit dem Februar 2007 so.</p>
<p><strong>Fatima Vidal:</strong> Und schreibst du besser nachts oder frühmorgens – im Zug, im Café, in einer Schreibgruppe?</p>
<p><strong>Lea Gottheil:</strong> Ich schreibe tagsüber besser als in der Nacht, was ich sehr bedaure und nicht ändern kann. Bin ich unterwegs, begleitet mich immer mein Notizbuch. Ich notiere Dialoge, Ideen, manchmal Bilder, die sich im besten Fall in Lyrik kehren. Zuhause kann ich mir Tee kochen und in meinen Büchern blättern. Ich bin keine Kaffeehausschreiberin, bin gern mit mir alleine.</p>
<p><strong>Fatima Vidal: </strong>Wie hast du für den Kurzfilm recherchiert?</p>
<p><strong>Lea Gottheil:</strong> Das Drehbuch zum Film &#8220;TraumHaft&#8221; von Stefan Muggli hat viel Recherche vorausgesetzt. Das Thema &#8220;Schizophrenie&#8221; wollten wir glaubwürdig inszenieren. Wir haben mit Psychologen und Betroffenen gesprochen. Ich habe Literatur zusammengekratzt und Dokumentarfilme geschaut. Das Drehbuch haben wir einer Psychologin zur Überprüfung gegeben.</p>
<p><strong>Fatima Vidal: </strong>Was hat dich dazu bewogen, ein Buch über Frauenleben nach dem Zweiten Weltkrieg zu schreiben?</p>
<p><strong>Lea Gottheil: </strong>Das Literaturhaus Zürich hat sieben jungen Schriftstellerinnen und Schriftstellern einen Auftrag gegeben: Wir durften im Altersheim Bürgerasyl/Pfrundhaus eine Person besuchen, die uns dann aus ihrem Leben erzählt hat. Ich fand den Stoff derart inspirierend, dass ich ihn in einem Roman untergebracht habe.</p>
<p><strong>Fatima Vidal:</strong> Biografisches Erzählen erfordert viel Recherchearbeit. Wie hast du dich über die Besonderheiten dieser Zeit schlau gemacht?</p>
<p><strong>Lea Gottheil: </strong>Bevor ich meinen Roman geschrieben habe, konnte ich mit Familienmitgliedern sprechen. Vor und auch während des Schreibens informiere ich mich über Bücher, Filme und das Internet über das damalige Zeitgeschehen. Ich versuche, meine Sprache der Zeit anzupassen. Einige politische Ereignisse finden auch ihren Platz.</p>
<p><strong>Fatima Vidal:</strong> Und das Zwischenmenschliche?</p>
<p><strong>Lea Gottheil: </strong>Ich merke immer wieder, wie mich das, was zwischen den Menschen passiert, sehr beschäftigt. Die Figuren entwickeln sich gleichzeitig zum Handlungsstrang. Die Ereignisse formen sie.</p>
<p><strong>Fatima Vidal: </strong>Das Buch ist geschrieben und nun geht es an die Überarbeitung.</p>
<p><strong>Lea Gottheil:</strong> Zur Überarbeitung des Manuskripts nehme ich gern Hilfe von Fachbüchern zum Kreativen Schreiben an. Bevor ich den Roman dem Literaturbetrieb übergebe, lasse ich ihn von Freunden lesen. Ich möchte wissen, ob der Stoff interessiert, ob sie sich gelangweilt, amüsiert, unterhalten haben …</p>
<p><strong>Fatima Vidal: </strong>Lea, wo ist die Quelle deiner Inspiration: in Büchern, im eigenen Erleben oder auf der Strasse?</p>
<p><strong>Lea Gottheil: </strong>Mich inspirieren Geschichten, die mir andere Menschen erzählen. Sobald ich auf die Strasse trete, interessiert mich, wie die Menschen da draussen gekleidet sind, wie sie miteinander sprechen, was sie sprechen, woher sie kommen mögen, wohin sie gehen werden. Nicht zuletzt inspiriert mich die Literatur. Oft zündet eine Geschichte eine weitere Geschichte in mir. Die Figuren in meinen Geschichten stammen häufig auch aus meiner Kindheit oder Jugend. Die Erinnerung ist eine Goldgrube.</p>
<p>Die Arbeit an meinem Roman über das Frauenleben in der Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg hat mir neue Horizonte geöffnet. Wie interessant und bereichernd das ist, über andere Leben zu schreiben! Ich finde es sehr reizvoll, eine Biografie fiktiv und doch mit Tatsachen gespickt zu erzählen und kann mir gut vorstellen, in dieser Weise weiterzuarbeiten.</p>
<p><strong>Fatima Vidal:</strong> Viele SchriftstellerInnen lesen während ihren Schreibphasen kein Wort. Du jedoch brauchst das Lesen, um in Schreibstimmung zu kommen.</p>
<p><strong>Lea Gottheil:</strong> Ja, ohne mindestens zwei Seiten gelesen zu haben, setze ich mich nicht an den Schreibtisch. Was für die Sängerin das Einsingen ist, ist für mich sozusagen das &#8220;Einlesen&#8221;. Es bringt mich in den Schreibfluss, öffnet die Türe zu meinem Wortschatz.</p>
<p>Als Buchhändlerin gehört das Lesen zu meinem Beruf. Ich geniesse es, dreimal die Woche von all den Büchern umgeben zu sein, die man noch lesen könnte. Manchmal gerate ich deswegen allerdings auch unter Druck.</p>
<p>Ich Küken möchte von den &#8220;Grossen&#8221; lernen: In welche Form kann eine Geschichte gepackt werden, welche Perspektiven kann ich gebrauchen, was für Wörter werden benutzt, die ich noch nie gehört habe?</p>
<p>Ohne Lesen kein Schreiben.</p>
<p><strong>Fatima Vidal: </strong>Liebe Lea, herzlichen Dank für das Interview!</p>
<p><a href="http://www.leagottheil.ch" target="_blank">www.leagottheil.ch</a></p>
<p>Datum: 12. April 2010<br />
Das Interview wurde im Jahr 2007 geführt und im April 2010 auf die textin-Seite gezügelt.<br />
Interview: Fatima Vidal<br />
Bild: Lea Gottheil<br />
Bitte Urheberrechte beachten: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.</p>
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		<title>Das Schreiben ist eine grosse Freude</title>
		<link>http://www.textin.ch/das-schreiben-ist-eine-grosse-freude/</link>
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		<pubDate>Tue, 06 Apr 2010 06:52:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>textin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Autor/innen Schweiz]]></category>
		<category><![CDATA[Mittwochsperlen]]></category>
		<category><![CDATA[Das Jahr ohne Pit]]></category>
		<category><![CDATA[Der Zaubervogel]]></category>
		<category><![CDATA[HIV-positiv]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderbücher schreiben]]></category>
		<category><![CDATA[Maja Gerber-Hess]]></category>
		<category><![CDATA[Reto]]></category>

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		<description><![CDATA[Mittwochsperle April 2007. Maja Gerber-Hess arbeitete als Kindergärtnerin und Bibliothekarin und begann schon früh zu schreiben, zuerst für ihre eigenen Kinder, später auch für Jugendliche und Erwachsene. Ihr erster grosser Erfolg waren die tagebuchartigen Aufzeichnungen &#8220;Das Jahr ohne Pit&#8221;, in denen sie den Selbstmord eines Jugendlichen verarbeitet. Mit ihrem zweiten Jugendroman &#8220;Reto, HIV-positiv&#8221; erregte sie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mittwochsperle April 2007. <strong>Maja Gerber-Hess</strong> arbeitete als Kindergärtnerin und Bibliothekarin und begann schon früh zu schreiben, zuerst für ihre eigenen Kinder, <span id="more-268"></span>später auch für Jugendliche und Erwachsene. Ihr erster grosser Erfolg waren die tagebuchartigen Aufzeichnungen &#8220;Das Jahr ohne Pit&#8221;, in denen sie den Selbstmord eines Jugendlichen verarbeitet. Mit ihrem zweiten Jugendroman &#8220;Reto, HIV-positiv&#8221; erregte sie Aufsehen im ganzen deutschen Sprachgebiet.</p>
<p><strong>textín: </strong>Guten Tag Frau Gerber-Hess. Vielen herzlichen Dank für Ihre Bereitschaft einige Fragen rund ums Schreiben zu beantworten.</p>
<p>Sie schreiben vorwiegend für Jugendliche, was jedoch nicht bedeutet, dass nicht auch Erwachsene gerne Ihre Bücher lesen. Wie kamen Sie zum Schreiben und warum entschieden Sie sich für die junge Leserschaft?</p>
<p><strong>Maja Gerber-Hess: </strong>Ich hatte bereits als Kind gerne geschrieben! Das Schreiben war, ist und bleibt für mich ein Hobby. Als meine Kinder geboren wurden, begann ich für sie Erzählungen zu erfinden und aufzuschreiben, Bilderbücher anzufertigen. Ein Gast unseres Hauses hatte dann ein solches Büchlein entdeckt, und weil es ihm sehr gefiel, hat er mich ermutigt, den Text an einen Verlag zu senden. Das wagte ich – und so entstand 1979 mein allererstes Kinderbuch!</p>
<p>Je älter meine eigenen Kinder wurden, umso mehr veränderten sich natürlich auch ihre Interessen – und aus Kinderbüchern wurden Jugendbücher. Eine Mutter lebt ja sehr intensiv mit ihren Kindern mit.</p>
<p>Da mich die Zeit des Heranwachsens interessiert, schreibe ich auch sehr gerne für Jugendliche. In einer relativ kurzen Zeitspanne passiert in ihrem Leben sehr viel: Die Jugendlichen lösen sich vom Elternhaus, müssen sich mit der beruflichen Zukunft auseinander setzen, machen ihre ersten Liebeserfahrungen.</p>
<p><strong>textín: </strong>Wie ist der Markt für Jugendbücher? Lesen die jungen Leute überhaupt noch und müssen Sie, um interessant für die Jugendlichen zu sein, sich in deren Jargon ausdrücken?</p>
<p><strong>Maja Gerber-Hess: </strong>Ich denke, pro Schulklasse ist der Prozentsatz an Lesern gleich gross – oder klein! – geblieben. Es sind vorwiegend Mädchen, die Romane lesen. Der Geschmack wandelt sich natürlich, seit einigen Jahren sind Bücher à la Harry Potter gefragt. Manche Autoren passen sich diesen Bedürfnissen und dem Jargon der Jugendlichen an. Ich persönlich tu das so wenig wie möglich.</p>
<p><strong>textín: </strong>Wie finden Sie zu Ihren sehr mutigen, zum Teil tabubrechenden und herausfordernden Themen? Haben Sie Kontakt zu jungen Menschen, die so etwas selber erlebt haben?</p>
<p><strong>Maja Gerber-Hess: </strong>Die Themen &#8220;kommen zu mir&#8221; – ich habe sie nie gesucht! Anstoss zum ersten Jugendbuch – Suizid eines Schülers – gab der Selbstmord eines mir sehr nahe stehenden Jugendlichen. Sein Freitod hatte mich so aufgewühlt, dass ich via Schreiben versuchte, der Ursache auf den Grund zu gehen, eine Diskussion zu eröffnen, das dunkle Thema ans Licht zu ziehen und Hilfsmöglichkeiten in einen Text einzuflechten.<br />
Bald nach Erscheinen dieses Buches &#8220;Das Jahr ohne Pit&#8221; schlug die Aidshilfe vor, ein Buch über Aids zu schreiben. Ich werde oft von Fachstellen angefragt, ob ich zu einem bestimmten Thema einen Roman schreiben würde. In die entsprechenden Themen vertiefe ich mich gewissenhaft und gründlich, lerne immer auch persönlich Betroffene kennen, lese darüber und spreche mit Fachleuten.</p>
<p><strong>textín: </strong>Bemerken Sie den Unterschied zwischen den Jugendlichen Ihrer Generation und der Jugend von heute? Wie äussert sich dieser Unterschied und worin liegt für Sie die grösste Herausforderung, für die heutige Jugend interessant zu schreiben?</p>
<p><strong>Maja Gerber-Hess:</strong> Die heutigen Jugendlichen sind direkter, offener, unkonzentrierter. Wir waren damals schüchterner, gehemmter und &#8220;dressierter&#8221;. Das hat Vor- und Nachteile &#8230;<br />
Die Hoffnungen und Träume – das überrascht mich immer wieder neu – sind jedoch gleich geblieben. Man träumt von einem spannenden Beruf, von der grossen Liebe, von Erfolg und davon, genug Geld zu verdienen, um sich die materiellen Wünsche erfüllen zu können. Da ich Kinder und Jugendliche nach wie vor liebe und ihre Entwicklung neugierig verfolge, bedeutet das Schreiben für mich keine Herausforderung, sondern vor allem Freude – es zwingt mich auch, in dieser Zeit zu leben, sie wach wahrzunehmen.</p>
<p><strong>textín: </strong>Welche typischen Fehler kann man als Jugendbuchautor/in machen? Was kommt bei den Jungen gar nicht an und was dagegen ist besonders wichtig und beliebt?</p>
<p><strong>Maja Gerber-Hess:</strong> Das &#8220;Anbiedern&#8221; kommt bei Jugendlichen meistens nicht an. Sie akzeptieren, dass man ihre Sprache nicht nahtlos übernimmt, finden es lächerlich, wenn sich Alternde wie Teenager kleiden, bewegen, ausdrücken. Wenn ich schreibe, dann denke ich aber ohnehin nicht bereits daran, was ankommen wird oder was allenfalls nicht &#8230; Ich schreibe so, wie ich empfinde – den einen gefällt es, den andern eben nicht.<br />
<strong>textín: </strong>Wie lange schreiben Sie an einem Buch und wie lange überarbeiten Sie es dann?</p>
<p><strong>Maja Gerber-Hess:</strong> Ich schreibe – nach langem innern &#8220;Umherwälzen&#8221; und Recherchieren! – sehr rasch. Innerhalb weniger Wochen ist ein Buch in Rohfassung geschrieben. Danach lege ich den Text beiseite. Nach vielleicht einem Monat lese ich das Geschriebene und entscheide, ob sich eine Überarbeitung lohnt. Oft lösche ich ein ganzes Manuskript, weil ich es qualitativ schlecht finde. Wenn nicht, beginnt das sorgfältige Überarbeiten, das mehrere Monate dauern kann – ich feile, lösche, schreibe neu, formuliere besser &#8230; Das mache ich nicht so gerne, es ist eine Fleissarbeit, nicht mehr sehr kreativ. Erst dann achte ich auch darauf, ob das Zielpublikum, Kinder oder Jugendliche, den Text verstehen können.<br />
<strong>textín: </strong>Haben Sie vorwiegend jugendliche Erstleser? Und wann bekommen diese das Manuskript? Noch bevor es zum Lektor geht oder erst danach?</p>
<p><strong>Maja Gerber-Hess: </strong>Ja, es sind schon vorwiegend Jugendliche Erstleser. Sehr oft erlebe ich aber, dass sich dann auch Mütter für ein Buch interessieren – oder Väter. Früher haben meine Söhne ein Manuskript gelesen, bevor ich es an den Verlag geschickt habe. Jetzt sind es zwei, drei junge Mädchen oder eine meiner Freundinnen, die ein Manuskript lesen und ihr Urteil abgeben.</p>
<p><strong>textín: </strong>Was raten Sie uns Erstautoren, die ein Jugendbuch geschrieben und überarbeitet haben? Wie sollen wir weiterfahren? Verlage anschreiben, einen Agenten suchen oder das Buch im Selbstverlag herausgeben?</p>
<p><strong>Maja Gerber-Hess:</strong> Um zu raten, fehlt mir das Wissen! Ich persönlich hatte sehr viel Glück mit meinen Texten, weil ich keine Mühe hatte, einen Verlag zu finden. Heute aber werden Verlage überschwemmt mit unzähligen Texten, viele Manuskripte werden kaum noch angelesen. Ich kenne etliche Autoren, die ihr erstes Buch schliesslich im Selbstverlag veröffentlichten.</p>
<p><strong>textín: </strong>Was haben Sie selber mit ihrem ersten Manuskript gemacht?</p>
<p><strong>Maja Gerber-Hess: </strong>Mein allererstes Manuskript &#8220;Der Zaubervogel&#8221; hatte ich, da wir damals in Bern wohnten, mutig an den Blaukreuz-Verlag geschickt. Als ich dann erfuhr, dass es angenommen wird, konnte ich es fast nicht glauben. Ich frage mich heute, ob ich den Text auch nach einer Absage noch an weitere Verlage geschickt hätte!</p>
<p><strong>textín: </strong>Nach welchen Kriterien wählen Sie heute Ihren Verlag aus?</p>
<p><strong>Maja Gerber-Hess:</strong> Ich bin eine eher bequeme Frau – wenn ich einen Verlag habe, der mich gut vertritt, bleibe ich auch mit dem nächsten Buch bei ihm &#8230; Aber: Eine gute Zusammenarbeit mit der Lektorin, dem Lektoren ist mir wichtig! Dass ich Antwort auf Fragen erhalte, E-Mails beantwortet werden, ich informiert werde, was geht &#8230; Das alles ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit!</p>
<p><strong>textín: </strong>Ihre Bücher verkaufen sich im ganzen deutschsprachigen Raum. Wie viele Exemplare verkaufen Sie durchschnittlich von einem Titel? Und welches war Ihr bisher erfolgreichstes Buch?</p>
<p><strong>Maja Gerber-Hess:</strong> Mein erfolgreichstes Buch war &#8220;Reto, HIV-positiv&#8221;, davon sind sicher mehr als zehn Auflagen erschienen. Wie viele Bücher ich total verkaufen konnte, weiss ich nicht. Die Rechte für Taschenbücher wurden vom Ursprungsverlag verkauft, dafür bekam ich pro Buch eine Pauschalsumme, aber keine Prozente mehr am Verkauf. Ich wurde deshalb danach auch nicht mehr orientiert, wie viele Bücher &#8220;über den Ladentisch&#8221; gingen, weil ich meinen Verdienst ja bereits erhalten hatte. Meine Erstauflagen umfassen um die 4000 Bücher, fast alle meine Bücher sind in mehreren Auflagen und später noch als Taschenbücher erschienen.</p>
<p><strong>textín: </strong>Können Sie vom Schreiben und den Lesungen leben oder was tun Sie allenfalls noch, um Geld zu verdienen?</p>
<p><strong>Maja Gerber-Hess:</strong> Nein, ich könnte nicht vom Schreiben und den Lesungen leben, obwohl meine Bücher wohl überdurchschnittlich gut &#8220;verkauft&#8221; werden und ich sehr oft auf Lesereisen im In- und Ausland bin. Ich habe aber das Glück, nicht vom Schreiben leben zu müssen – im Gegensatz zu manchen Kollegen und Kolleginnen. Während Jahren arbeitete ich noch in der Gemeindebibliothek mit, heute noch immer fürs Jugendfilmwesen des Kantons Zürich.</p>
<p><strong>textín: </strong>Arbeiten Sie im Moment an einem neuen Buch?</p>
<p><strong>Maja Gerber-Hess:</strong> Ja, ich habe soeben ein Kinderbuch abgeschlossen, es wird im nächsten Frühjahr im Verlag Sauerländer erscheinen.</p>
<p><strong>textín: </strong>Im Namen der Schreibszene Schweiz sowie den Nutzern und Nutzerinnen des Schreibforums bedanke ich mich ganz herzlich für Ihre interessanten und anregenden Antworten und für die Zeit, die Sie sich für uns genommen haben.</p>
<p><strong>Maja Gerber-Hess: </strong>Ich möchte zum Schluss noch anfügen: Das Schreiben ist eine grosse Freude! Niemand sollte sich entmutigen lassen, wenn es mit der Veröffentlichung eines Textes nicht auf Anhieb klappt!</p>
<p><strong>textín: </strong>Vielen Dank, Frau Gerber-Hess für Ihre ermutigenden Worte und auch Ihnen viel Glück mit Ihrem neuen Kinderbuch!</p>
<p><strong>Interview:</strong> Karin Jörger-Egger, Autorin und Novemberschreibende.<br />
Datum: 6. April 2010<br />
Das Interview wurde im April 2007 geführt und im April 2010 auf die textin-<strong></strong>Seite gezügelt.)</p>
<p>Text: Karin Jörger-Egger<br />
Bild: Maja Gerber-Hess<br />
Bitte Urheberrechte beachten: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.</p>
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		<title>Hallo aus Freakland</title>
		<link>http://www.textin.ch/hallo-aus-freakland/</link>
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		<pubDate>Tue, 06 Apr 2010 06:23:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Denise Maurer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Autor/innen Schweiz]]></category>
		<category><![CDATA[Mittwochsperlen]]></category>

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		<description><![CDATA[Mittwochsperle Ursula Eggli (1944–2008 ) Datum: 6. April 2010 Das Interview wurde im April/Mai 2007 geführt und im April 2010 auf die textin-Seite gezügelt. Ursula Eggli ist am 2. Mai 2008 verstorben. Hallo aus Freakland Bekannt wurde Ursula Eggli vor dreissig Jahren mit ihrem Erstlingswerk &#8220;Herz im Korsett&#8221;, dem Tagebuch einer Behinderten, einem tabufreien und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mittwochsperle Ursula Eggli (1944–2008 )<br />
Datum: 6. April 2010<span id="more-263"></span><br />
Das Interview wurde im April/Mai 2007 geführt und im April 2010 auf die textin-Seite gezügelt.<br />
Ursula Eggli ist am 2. Mai 2008 verstorben.</p>
<p><strong>Hallo aus Freakland</strong></p>
<p>Bekannt wurde Ursula Eggli vor dreissig Jahren mit ihrem Erstlingswerk &#8220;Herz im Korsett&#8221;, dem Tagebuch einer Behinderten, einem tabufreien und schonungslosen Bericht über das alltägliche Leben mit den sogenannt Normalen. Aufmüpfig war Ursula Eggli schon immer. Doch in den letzten Jahren ist es stiller um die Berner Schriftstellerin geworden, denn der fortschreitende Muskelschwund hat sich im Laufe der Zeit auch auf ihre Hände ausgebreitet. Seit nun bald zehn Jahren kann sie nur noch mit grösster Anstrengung und auf einer speziellen Tastatur selber schreiben. Literarisches Schreiben ist ihr fast unmöglich geworden. Mit Rundmails und einer Website hält sie den Kontakt zu einer grösseren Gruppe von Freunden, Freundinnen, Bekannten und Interessierten aufrecht.</p>
<p><strong>Interview:</strong> Denise Maurer (DM)</p>
<p><a rel="attachment wp-att-267" href="http://www.textin.ch/hallo-aus-freakland/ursula_eggli_237/"><img class="alignleft size-full wp-image-267" title="Ursula_Eggli_237" src="http://www.textin.ch/wp-content/uploads/2010/04/Ursula_Eggli_237.jpg" alt="" width="237" height="209" /></a>Das schon ältere Holzhaus, das Ursula mit wechselnden MitbewohnerInnen seit bereits sechsundzwanzig Jahren bewohnt, steht in einem Aussenquartier von Bümpliz und ist von einem liebevoll gehegten Blumen- und Gemüsegarten umgeben. Ein Hexenhaus inmitten moderner Ein- und Mehrfamilienhäuser, das fast so exotisch wie seine BewohnerInnen anmutet. Aber auch hier hat die moderne Technik Einzug gehalten, denn Ursulas Türe öffnet sich per Knopfdruck, nachdem ich mich an den zwei Hausglocken angemeldet habe.</p>
<p>Ursula rollt mir auf ihrem elektronisch gesteuerten Rollstuhl entgegen und begrüsst mich herzlich, jedoch mit kleiner Stimme. Auch vor dieser macht der Muskelschwund nicht Halt. Ursula führt mich durch ihre gemütliche Parterrewohnung, die sie mit zwei jungen Frauen teilt. Janine und Manuela, sowie die beiden Familien, welche die oberen Stockwerke bewohnen, helfen in der Betreuung von Ursula mit. So steht es im Mietvertrag dieses Hauses. Ein einmaliges Projekt der Stadt Bern. Ergänzend ist es der Spitex und einem grossen Freundeskreis zu verdanken, dass die schwerbehinderte Frau relativ selbstbestimmt leben kann.</p>
<p><strong>DM:</strong> Herzlichen Dank, Ursula, dass du mir einige Fragen beantworten magst. Vor mehr als zwanzig Jahren habe ich &#8220;Herz im Korsett&#8221; gelesen. Aus meiner Sicht stellte dieses Buch, das heuer seinen dreissigsten Geburtstag feiert, eine Art Meilenstein in der Geschichte behinderter Menschen dar. Mit diesem Buch hast du ein Tabu gebrochen, denn bis dahin wurden Behinderte als Opfer ihres Schicksals, das sie still zu erdulden hatten, betrachtet. Diese Sichtweise machte es der Gesellschaft einfach, sie zu bemitleiden oder aber sie auf einen Sockel zu stellen. Dank deinem Buch wurde sichtbar, dass ihr ganz normal denkende und fühlende Menschen mit ganz normalen Bedürfnissen seid. Hat sich seit dem Erscheinen deines ersten Buches das Klima im Umgang mit Behinderten verändert?</p>
<p><strong>Ursula Eggli:</strong> Ich denke schon, dass heute die Menschen natürlicher mit behinderten Menschen und mit Behinderungen umgehen. Aber es ist wie mit allen Aufbrüchen: Unsere Gesellschaft benötigt viel Zeit, bis sich etwas dauerhaft und nachhaltig verändert. So habe ich meine Bücher wohl geschrieben, weil ich eine Mission verfolge. Meine Aufgabe sehe ich darin, meine Mitmenschen zu sensibilisieren. Behinderte und Nichtbehinderte. Ihnen die Berührungsängste voreinander zu nehmen. Ich glaube, dass &#8220;Herz im Korsett&#8221; da vieles bewirkt und bewegt hat, denn ich bekam nach dessen Erscheinen viele Dankesbriefe. Echos von Menschen, die mir zu meinem Mut gratulierten und mir ihre Betroffenheit und ihr Berührtsein mitteilten. 1981 hatte ich beschlossen, das Knäuel der verschiedenen Behindertenbewegungen, die ich mitgegründet hatte, zu verlassen, um das von mir erträumte Normalitätsprinzip endlich zu leben. Und um nicht immer nur die Stimme der Behinderten zu sein. Ich wollte das um mich herum gebaute Klischee verlassen. Ich stürzte mich in alle möglichen feministischen Bewegungen, doch ich spürte bald, dass mir etwas Wesentliches fehlte. Ich vermisste die Beziehungen zu meinen behinderten Freunden und Freundinnen, denn noch immer war ich die, die ich war und bin. Mit meiner Behinderung. Es war und ist ein schwieriges Unterfangen, in beiden Welten zu leben. Ich stelle mir vor, dass ich schreibend den Graben am ehesten überwinde.</p>
<p><strong>DM:</strong> Ist es das, was dich zum Schreiben motiviert: zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen Brücken zu bauen?</p>
<p><strong>Ursula Eggli:</strong> Vermutlich schon. Aber ich habe schon immer geschrieben. Einfach aus dem Bedürfnis heraus, zu schreiben. Als Selbstzweck. Das Tagebuchschreiben führte zu meiner ersten Publikation, &#8220;Herz im Korsett&#8221;. Ich habe geschrieben, um zu verarbeiten. Um schreibend über meine Behinderung, mein Leben, meine Probleme nachzudenken. Früher habe ich von Hand und mit der Schreibmaschine geschrieben, danach mit dem Computer. Aber seit etwa zehn Jahren ist meine literarische Stimme mit zunehmendem Muskelschwund mehr und mehr verstummt, da das Schreiben an meinem Spezialcomputer sehr zeit- und arbeitsaufwändig ist. Meiner Behinderung und der damit verbundenen Rationalisierung und Vereinfachung von Arbeitsabläufen ist übrigens auch meine fast konsequente Kleinschreibung zu verdanken. Das Bedienen der Hochstelltaste war mir einfach zu mühsam.</p>
<p>Du fragst mich nach meiner Motivation. Hm. Neben Spass am Schreiben und dem psychohygienischen Effekt ist da eben auch die Lust am Fabulieren. Ich verfolge grob gesagt drei Schreibstile. Der erste, bereits erwähnte, ist das persönliche Schreiben, das Verarbeiten. Den zweiten Stil könnten wir Fabulieren nennen. Es ist ein eigendynamisches und sprudelndes Schreiben. Ich lasse es schreiben. So entstanden einige meiner Märchen. Dann ist da meine dritte Schreibmethode: Es ist eine Art intellektuell motiviertes Geschichtenweben, dass ich anwende, wenn ich bestehende Geschichten umbaue, verfremde, allgemein bekannte Figuren wie Otfrieds Preusslers &#8220;Kleine Hexe&#8221; neu interpretiere oder meine Freakgeschichten spinne. Die Erschaffung von &#8220;Freakland&#8221; gehört in diese Stilform. Freakland ist der Ort, wo behinderte Menschen die Normalos sind und eben sogenannt normale Sachen erleben. Eine bunte Sammlung von in sich abgeschlossenen Kurzgeschichten oder Parabeln, die dennoch miteinander zusammenhängen.</p>
<p><strong>DM:</strong> Irgendwann hast du angefangen, deine Bücher selber zu verlegen. Was hat es damit auf sich?</p>
<p><strong>Ursula Eggli:</strong> Zuerst arbeitete ich mit dem Zytglogge-Verlag zusammen, der dann aber das Manuskript von &#8220;Jörg von Spreitenbach&#8221; (eine Parabel über Jesus in den frühen Neunzigern), dass er zu verlegen versprochen hatte, kurzfristig wegen einer Kleinigkeit ablehnte. Schliesslich konnte ich es bei Hans Erpf verlegen. Aber mir war danach die Verlagssuche zu mühsam. So gründete ich mit einer Freundin RIURS, unseren eigenen Verlag, in welchem ich dann die meisten nachfolgenden Bücher veröffentlichte. So hatte ich zwar den ganzen finanziellen Aufwand und dazu keine Werbung. Doch die Herstellung eines Buches ist ein sehr spannender Prozess.</p>
<p><strong>DM: </strong>Wie kann ich mir deine Schreib- und Überarbeitungsprozesse vorstellen und wieso hast du keine neuen Bücher mehr geschrieben? Ursula Eggli: Neue Bücher kann ich nicht mehr schreiben, weil ich mit dem Spezialcomputer nur schon für ein Rundmail mehrere Stunden brauche. Da sich mein Schreibhirn aber nur über die Hand und die Tastatur aktiviert, gelingt es mir nicht, mittels Diktat zu schreiben. Ich muss sehen und spüren, was ich schreibe. Ganz unmittelbar. Direkt. Da ich schlecht mit dem Cursor ganze Texte durchkämmen kann, sind halt meine hohen oder perfektionistischen Ansprüche, die ich an einen von mir geschriebenen Text haben könnte und haben müsste, einer Gelassenheit dem Unperfekten gegenüber gewichen.</p>
<p>Neue Texte zu schreiben, ist nicht mehr möglich. Ich habe aber im letzten Jahr alte Geschichten mit neuen Illustrationen neu verlegt und in kleiner Auflage im Sortiment. Für den Freundeskreis und für weitere Interessierte. Im Gegensatz zu vielen anderen Autoren sind für mich die früheren Bücher noch immer sehr wichtig. Wie Kinder. Ich freue mich über jedes Einzelne von ihnen.</p>
<p><strong>DM: </strong>Du schreibst zwar keine neuen Bücher mehr, aber du bist noch immer aktiv. Du gibst Kurse, Weiterbildungen und Seminare. Worum geht es dir dabei?</p>
<p><strong>Ursula Eggli: </strong>Die Grundmotivation für diese Öffentlichkeitsarbeit ist die gleiche wie für das Schreiben. Auch will ich meine Autonomie, so lange es geht, leben, erhalten, vorleben und andere dazu anstiften, sich nicht behindern zu lassen. Meine Website ist mir dabei ohne mein Dazutun behilflich. Du darfst sie gerne weiterempfehlen!</p>
<p>Im Herbst werde ich übrigens an einem Seminar mitarbeiten, das sich an Eltern richtet, die ihre sterbenden Kinder begleiten. In der Vorbereitungsphase komme ich nicht daran vorbei, mich mit meiner eigenen Vergänglichkeit auseinander zu setzen. Ich habe viele Talente mitbekommen und muss sie je länger, je mehr loslassen. Das löst Verlustängste aus. Ich bin quasi immer am Loslassen. Seit ich lebe. Von daher kann ich Eltern, deren Kinder todkrank sind, verstehen. Und unterstützen.</p>
<p>Manchmal wird mir alles auch ein bisschen viel. Ich werde mir mehr und mehr bewusst, dass es um immer existentiellere Verluste geht. Meine Verbindungen zur Aussenwelt, Schreiben und Reden, werden vom Muskelschwund mehr und mehr reduziert. Es ist nicht der Tod selber, der Angst in mir auslöst, mehr so der Gedanke, wie es weitergeht und ob ich mit diesen Verlusten gut umgehen kann. Diese Ängste haben mir in der letzten Zeit ziemlich zugesetzt und ich war häufig niedergeschlagen. Irgendwann kam ich an einen Punkt, wo ich mir innerlich auf die Schulter klopfte und mich zum Aussteigen aus dieser Abwärtsspirale motivieren konnte. Denn mein Lebensgefühl ist grundsätzlich ein positives. Ich bin recht willensstark. Und ich weiss, dass es ein Geschenk und eine Gnade ist, dass es mir trotz allem so gut geht. Ich spüre die Verbindung zu meinen Engeln seit jeher. Auch meine Hexennatur kommt mir zu Hilfe. Diese beiden archetypischen Figuren sind sehr wesentliche Teile meines Lebens.</p>
<p>Neulich war ich an einem Seminar in Basel. Anschliessend diskutierten wir über den Film &#8220;Seiltänzer&#8221;, der Porträts behinderter Menschen zeigt und in dem ich mitgewirkt habe. In unserer Runde war ein Pfarrer dabei, der sich dem Lachen verschrieben hat. Das war so wohltuend. Ja, ich glaube, dass wir viele Probleme mit Lachen auflösen könnten. Mit mehr Leichtigkeit.</p>
<p><strong>DM: </strong>Herzlichen Dank, Ursula, für deine Anregungen und für die Zeit, die du dir zum Beantworten meiner Fragen genommen hast! Gerne mache ich die Leserinnen und Leser dieses Interviews auf deinen Rundbrief und deine Website aufmerksam! Ich wünsche dir gutes Weiterwirken in allen Lebensbereichen!</p>
<p>Hier die versprochenen Informationen: Ursula Egglis allmonatlich erscheinendes Rundmailchen kann über ihre Website www.ursulaeggli.ch abonniert werden. Einmal im Monat lässt Ursula ihre Bekannten an ihrem Alltag teilhaben. Hin und wieder informiert sie auch über politische und kulturelle Aktionen, so ist im Rundmail vom 15. Mai zu lesen: &#8220;Am 17. Juni ist eine für uns wichtige Abstimmung, für die auf riesigen Plakatwänden schon wieder sehr einseitig Stimmung gemacht wird. Es geht eben nicht, wie uns weisgemacht wird, um ein starke IV und gegen Missbrauch, sondern um eine rigorose Verschlechterung des Invalidengesetzes. Darum animiert bitte alle Bekannten und Verwandten, NEIN zu stimmen, NEIN, NEIN, NEIN &#8230; Wer mehr wissen möchte, kann nachsehen unter: www.iv-referendum.ch&#8221;.</p>
<p>Nein, Ursula Eggli ist nicht still geworden! Sie setzt sich noch immer für eine menschlichere Welt und mehr Akzeptanz, Toleranz und Lebensqualität für Randgruppen ein.</p>
<p><strong>Denise Maurer</strong> ist Autorin und Novemberschreibende.<br />
Datum: 6. April 2010<br />
Das Interview wurde im April/Mai 2007 geführt und im April 2010 auf die textin-Seite gezügelt.<br />
Ursula Eggli ist am 2. Mai 2008 verstorben.</p>
<p>Text: Denise Maurer<br />
Bild: Ursula Eggli</p>
<p><a href="http://www.ursulaeggli.ch" target="_blank">http://www.ursulaeggli.ch</a></p>
<p>Bitte Urheberrechte beachten: Verlinken erlaubt, kopieren verboten.</p>
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		<title>Alex Capus: In meiner Freizeit sammle ich lebende Elefanten</title>
		<link>http://www.textin.ch/251/</link>
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		<pubDate>Wed, 24 Mar 2010 09:23:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Denise Maurer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Autor/innen Schweiz]]></category>
		<category><![CDATA[Mittwochsperlen]]></category>
		<category><![CDATA[Alex Capus]]></category>
		<category><![CDATA[Der König von Olten]]></category>
		<category><![CDATA[Fast ein bisschen Frühling]]></category>
		<category><![CDATA[Munziger Pascha]]></category>

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		<description><![CDATA[Mittwochsperle 2007. Schreibbewegte fragen sich, wie ein Profi arbeitet, seine Texte webt und seine Brötchen verdient. Der Schweizer Autor Alex Capus, bekannt geworden durch historische Romane und Kolumnen, hat sich bereit erklärt, Schreibszene Schweiz Rede und Antwort zu stehen. Besonders spannend an Capus&#8217; Entwicklung zum freiberuflichen Schriftsteller ist, dass er – wie er offen zugibt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mittwochsperle 2007. Schreibbewegte fragen sich, wie ein Profi arbeitet, seine Texte webt und seine Brötchen verdient. Der Schweizer Autor <span id="more-251"></span>Alex Capus, bekannt geworden durch historische Romane und Kolumnen, hat sich bereit erklärt, Schreibszene Schweiz Rede und Antwort zu stehen.</p>
<p><a rel="attachment wp-att-261" href="http://www.textin.ch/251/ac/"><img class="alignleft size-full wp-image-261" title="ac" src="http://www.textin.ch/wp-content/uploads/2010/03/ac.jpg" alt="" width="236" height="354" /></a>Besonders spannend an Capus&#8217; Entwicklung zum freiberuflichen Schriftsteller ist, dass er – wie er offen zugibt – fast zufällig in diese Profession geschlittert ist. Ursprünglich als Journalist tätig, betrat er 1994 mit seinem handgestrickten Büchlein &#8220;Diese verfluchte Schwerkraft&#8221; die Autorenbühne. Drei Jahre später erschien &#8220;Munzinger Pascha&#8221;, eine &#8220;klassische&#8221; Erzählung, die bereits typische Elemente des heutigen Capus-Stils aufweist. Er beschrieb seine Figuren damals wie heute ehrlich und schonungslos und er entzieht sich niemals dem Verständnis für die Leiden und Freuden seiner Protagonisten. Es gelingt ihm unaufdringlich, seine Leser mit Doppeldeutigkeit auf die Tücken von Gewinn und Niederlage hinzuweisen. Es sind wohldosierte Selbstironie und die einfache, schnörkellose Form, welche Capus&#8217; Geschichten liebenswert machen.</p>
<p><strong>Denise Maurer: </strong>Guten Tag, Herr Capus. Herzlichen Dank, dass Sie sich bereit erklärt haben, uns einige Fragen zu beantworten. Ich habe Ihnen zuvor einen kleinen Einblick in die Philosophie der Bewegung Schreibszene Schweiz (nachfolgend kurz Denise Maurer) gegeben. Was halten Sie von der Idee des Novemberschreibens – in 30 Tage ohne inneren Kritiker fünfzigtausend Wörter zu schreiben – alle Menschen zum Schreiben zu ermutigen?</p>
<p><strong>Alex Capus: </strong>Na, ich würde sagen, mit dem Schreiben ist es wie mit Sex, Karaoke-Singen oder Fussball spielen: Jeder darf und soll, wenn er will, aber keiner muss. Beim Fussball kommt halt hinzu, dass nicht jeder bei Real Madrid spielen kann, und beim Schreiben kann nicht jeder den Knobelpreis und Platz 1 auf der Bestsellerliste erwarten. Im Ernst: Jeder soll sich im Schreiben versuchen, aber jeder hat auch die Pflicht, die eigene Begabung richtig einzuschätzen und sich im Bedarfsfall das Handwerkszeug mit viel Übung anzueignen. Dafür brauchts dann schon den inneren Kritiker, meine ich. Und fünfzigtausend Wörter in 30 Tagen – das wird mit grosser Wahrscheinlichkeit Gequassel. Bei mir zumindest würde es das garantiert.</p>
<p><strong>Denise Maurer: </strong>Was hat Sie, als Journalisten, zum Romane-Schreiben motiviert?</p>
<p><strong>Alex Capus:</strong> Eine Wahnsinnsgeschichte, die ich einfach erzählen MUSSTE.</p>
<p>(Anmerkung: <strong><a rel="attachment wp-att-257" href="http://www.textin.ch/251/fruehling/"><img class="alignleft  size-full wp-image-257" title="fruehling" src="http://www.textin.ch/wp-content/uploads/2010/03/fruehling.jpg" alt="" width="86" height="137" /></a></strong>Dabei handelte es sich um die Geschichte &#8220;Fast ein bisschen Frühling&#8221;, mit der Capus die wahre Geschichte der Ba<img src="file:///Users/fatimavidal/Desktop/Capus_fruehling.jpg" alt="" />sler Bankräuber Velte und Sandweg erzählt. Von der ersten Idee bis zur definitiven Fassung schrieb Alex Capus die Geschichte zweiundzwanzig Mal neu.)</p>
<p><strong>Denise Maurer:</strong> Wie viel Eigendynamik, wie viel Abstand zum ursprünglichen Plot erlauben Sie sich beim Schreiben der Rohfassung?</p>
<p><strong>Alex Capus: </strong>Der Plot steht von Anfang an fest. Ich weiss, wie&#8217;s anfängt, weitergeht und aufhört, des is ka Kunscht. Die Kunscht liegt in der Gestaltung.</p>
<p><strong>Denise Maurer: </strong>Ihr erstes Buch haben Sie im Selbstverlag herausgebracht. Warum?</p>
<p><strong>Alex Capus: </strong>Weil ich gar nicht Schriftsteller werden wollte, weil das ja eine unrealistische Berufsoption ist, besonders wenn man in Olten zu Hause ist und keinen kennt, der im Verlagswesen einen kennt, der einen kennt, der bei Hanser arbeitet. So habe ich einfach aus Spass das Büchlein, ein Erzählbändchen mit dem Titel &#8220;Diese verfluchte Schwerkraft&#8221; gemacht (alle Geschichten sind heute übrigens im Band &#8220;Eigermönchundjungfrau&#8221; enthalten). Dieses habe ich dann für 15 Stutz in der Beiz verkauft. Und dann nahmen die Dinge trotzdem ihren Lauf. Kann ich nur empfehlen. Aber achtet auf einen günstigen Kaufpreis, und überschätzt die möglichen Verkaufszahlen nicht. Nur schon Freunde und Verwandte sind längst nicht so zahlreich, wie man gemeinhin glaubt.</p>
<p><strong>Denise Maurer: </strong>Wie selbstkritisch betrachten Sie Ihre Werke Jahre später? Wie gehen Sie mit Ihren inneren Zensoren um? Was halten Sie von Stil-Trends?</p>
<p><strong>Alex Capus: </strong>Na, man errötet zuweilen schon zart, wenn man eines seiner früheren Machwerke zu lesen genötigt wird; freiwillig tut das ein anständiger Mensch ja nicht. Mein innerer Zensor ist mein Freund, mit dem ich beim Schreiben immer und immer wieder über den Text gehe, bis mir der Verlag alles wegnimmt, weil er&#8217;s jetzt endlich drucken und verkaufen will. Ich meine, man soll von seiner Begabung überzeugt sein, aber sich nie zufrieden geben mit dem, was man gemacht hat. Besteht ja auch keinerlei Anlass dazu.</p>
<p><strong><a rel="attachment wp-att-258" href="http://www.textin.ch/251/pascha/"><img class="alignleft size-full wp-image-258" title="Pascha" src="http://www.textin.ch/wp-content/uploads/2010/03/Pascha.jpg" alt="" width="115" height="115" /></a>Denise Maurer: </strong>Aber es besteht auch kein Anlass zu falscher Bescheidenheit, nicht wahr? Ich bitte Sie, uns mehr über Ihre Überarbeitungsphasen zu erzählen. Vielleicht konkret am Beispiel Ihres ersten Romans &#8220;Munzinger Pascha&#8221;? Wie gehen Sie jetzt, zehn Jahre später, vor?</p>
<p><strong>Alex Capus:</strong> Beim ersten Roman war ich natürlich allein schon froh, die Geschichte z&#8217;bode erzählt zu haben und in einem einigermassen vernünftigen dramaturgischen Bogen vom Anfang ans Ende gelangt zu sein. Heute habe ich mehr Vertrauen in meine Fähigkeiten und weiss wohl auch handwerklich besser Bescheid. Eine Gefahr lauert in der Routine: dass man seine Frische, seine Unbekümmertheit, vielleicht sogar seine Unverwechselbarkeit verliert. Was das Überarbeiten betrifft, so hat sich da nichts geändert: Ich redigiere leidenschaftlich gern immer und immer wieder, am liebsten ad infinitum.</p>
<p><strong>Denise Maurer: </strong>Wie exakt definieren Sie die Charaktere Ihrer Figuren und die Handlung im Voraus? Ist für Sie Überarbeiten vor allem Feinschliff? Wissen Sie am Anfang schon, wer wo im Buch vorkommt, wann eine Rückblende eingeflochten wird etc.? Werden Sie, wie das eine Forumsteilnehmerin beim Überarbeiten erlebt, auch ständig von immer wieder neuen Ideen überrollt, die alles zwar besser, jedoch komplizierter machen? Wenn ja, wie gehen Sie damit um?</p>
<p><strong>Alex Capus: </strong>Ich trage eine Geschichte erst monatelang schwanger, bevor ich mit Schreiben anfange. Brüte und lese, recherchiere, reise an die Orte der Handlung und leide dabei stets unter der Gewissheit, dass ich den Stoff nie zu fassen kriege und niemals in eine gescheite Form bringen werde. Und plötzlich – zack! – weiss ich genau, wo&#8217;s lang geht, fange auf Seite 1 an und schreibe eine erste Fassung bis zum Ende hin. Die ist noch ziemlich roh und holzschnittartig, und dann gehts an die Feinzeichnung. Charaktere, Kulisse, Aufbau des Dramas, Geschichten in der Geschichte, Vor- und Rückblenden etc.</p>
<p><strong>Denise Maurer:</strong> Welches ist das früheste Stadium, wo Sie einen Rohtext jemandem zu lesen geben? Wie arbeiten Ihre Erstleser, will heissen: Gibt es da eine Aufgabenteilung? Ab wann schaltet sich Ihr Lektor/Ihre Lektorin ein?</p>
<p><strong>Alex Capus:</strong> Das ist der grösste Scheiss am Schreiben: Das man da alleine durch muss. Es hilft nichts, Freunde und Verwandte zu Rate zu ziehen, denn die werden immer alles gut finden, was man so macht, weil sie einen selbst ja hopefully auch gut finden. Und die Lektoren – ja mei. Wenn man Glück hat, ist es gut, aber meistens ist es ein Elend. Mehr möchte ich aus Gründen der Diplomatie jetzt hier nicht sagen.</p>
<p><strong>Denise Maurer: </strong>In der darstellenden Kunst ist nach der Überarbeitung der Rohling verschwunden. Beim Schreiben am Computer nicht und damit ist kein Ende der Überarbeitung in Sicht. Wann setzen Sie den Schlussstrich unter ein Werk? Wie spüren Sie, wann genug ist und wann weniger mehr?</p>
<p><strong>Alex Capus:</strong> Schwierige Frage. Es ist genug, wenn es genug ist. Manchmal meint man, es sei genug, dabei ist es noch nicht genug. Aber handkehrum ist es dann auch schon wieder zuviel. Wer kann das wissen, verflucht nochmal.</p>
<p><strong><a rel="attachment wp-att-259" href="http://www.textin.ch/251/himmelsstuermer/"><img class="alignleft size-full wp-image-259" title="Himmelsstuermer" src="http://www.textin.ch/wp-content/uploads/2010/03/Himmelsstuermer.jpg" alt="" width="115" height="115" /></a>Denise Maurer: </strong>Wie schaffen Sie es, weiterzugehen, wenn Sie blockiert sind? Haben Sie jeden Tag Lust zu schreiben? Haben Sie es schon einmal erlebt, dass Sie vom überarbeiteten Text überhaupt nicht mehr überzeugt waren, sich Zweifel oder Entmutigung eingestellt haben? Könnte in solchen Fällen das Überarbeiten mit einer/m Lektor/in die Lage retten?</p>
<p><strong>Alex Capus: </strong>Jetzt hören Sie gut zu: WRITER’S BLOCK GIBT ES NICHT! Es gibt nur Faulheit und gedankliche Trägheit. Wenn&#8217;s nicht weitergeht, wird man im Nachhinein immer feststellen, dass man an der Stelle, wo es stockte, irgendwas mogeln wollte, sei es aus Faulheit, sei es aus Unaufrichtigkeit, oder weil man seelisch mit ganz was anderem beschäftigt ist. Dann sollte man vielleicht über dieses ganz Andere schreiben. Ja, das ist auch sehr wichtig: dass man einen Stoff hat, der zu einem passt und dass man sich den zu Eigen macht.</p>
<p><strong>Denise Maurer: </strong>Können Sie vom Schreiben leben oder was tun Sie allenfalls noch, um Geld zu verdienen? Wenn man vom Schreiben lebt, entsteht bestimmt ein Druck &#8220;produzieren zu müssen&#8221;, was sich in möglichen folgenden Werken negativ auswirken könnte. Wie gehen Sie mit diesem Druck um?</p>
<p><strong>Alex Capus: </strong>Ich lebe gut vom Schreiben. Natürlich muss ich produzieren, damit es so bleibt, aber Druck würde ich das nicht nennen; schliesslich mache ich das freiwillig, weil es mir die liebste Beschäftigung ist auf der Welt. Roger Federer muss auch dauernd Tennis spielen, nicht wahr, kein Grund zu jammern.</p>
<p><strong>Denise Maurer: </strong>Können Sie uns ein kleines Beispiel für &#8220;Kitsch&#8221; geben? Ein Anti-Beispiel davon, wie Sie sicher nicht zu schreiben vorhaben (Autoren, Zitate &#8230;)?</p>
<p><strong>Alex Capus: </strong>Ein sehr beliebter Kitsch unter Schweizer Literaten ist beispielsweise salbungsvoll vorgetragene Verehrung für Robert Walser und das Weltliteratur-Geraune. Womit ich kein Wort gegen Robert Walser gesagt haben will.</p>
<p><strong>Denise Maurer: </strong>Auch ein Autor ist nur ein Mensch. Image, Bekanntheit und Publicity gehen sicher auch nicht spurlos an Ihnen vorbei. Darf ich fragen, wieso Sie sich die Haare geschnitten haben?</p>
<p><strong>Alex Capus: </strong>Die Haare schneide ich doch nicht ab, ich lasse sie altershalber (45) ausfallen. Man macht das heute so in der Partyszene von Berlin/New York. Und in meiner Freizeit sammle ich lebende Elefanten. Im Ernst: Es ist doof, als sein eigenes Markenzeichen durch die Welt zu laufen. Haare weg, und keiner erkennt mich mehr im Pendolino. Und wenn man mich kurzhaarig wiedererkennt, lasse ich sie wieder wachsen. Und keinesfalls möchte ich in die Notlage geraten, aus Imagegründen nonstop meine Glatze mittels Kopftuch bedecken zu müssen. Womit ich wiederum kein Wort gegen Robert Walser gesagt haben möchte.</p>
<p><strong>Denise Maurer:</strong> Im Namen der Schreibszene Schweiz sowie den Nutzern und Nutzerinnen des Schreibforums bedanke ich mich herzlich für Ihre anregenden Antworten.</p>
<p><strong>Alex Capus: </strong><a href="http://www.alexcapus.de" target="_blank">http://www.alexcapus.de</a></p>
<p><strong>Denise Maurer</strong> ist Autorin und Novemberschreibende<br />
Datum: 24. März 2010 (Das Interview wurde im März 2007 geführt und im März 2010 auf die textin-Seite gezügelt.)<br />
Text: Denise Maurer<br />
Bild: André Albrecht</p>
<p>Bitte Urheberrechte beachten: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.</p>
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		<title>Mittwochsperle: Ruth Loosli</title>
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		<pubDate>Tue, 09 Mar 2010 09:54:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lea Gottheil</dc:creator>
				<category><![CDATA[Autor/innen Schweiz]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Mittwochsperlen]]></category>
		<category><![CDATA[Aber die Häuser stehen noch]]></category>
		<category><![CDATA[Lea Gottheil]]></category>
		<category><![CDATA[Ruth Loosli]]></category>
		<category><![CDATA[Sommervogel]]></category>

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		<description><![CDATA[LEA GOTTHEIL: Ruth, dein erster Gedichtband ist soeben erschienen. Ich gratuliere dir sehr herzlich zu diesem Werk! Der Titel „Aber die Häuser stehen noch“ klingt wie ein erleichterter Seufzer. Aus welchen Gründen trägt dein Band diesen Namen? RUTH LOOSLI: Vielen Dank! Ja, es war an der Zeit, dass dieser blaue Gedichtband erscheinen konnte! Es war [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>LEA GOTTHEIL: Ruth, dein erster Gedichtband ist soeben erschienen. Ich gratuliere dir sehr herzlich zu diesem Werk! Der Titel „Aber die Häuser stehen noch“ klingt <span id="more-195"></span>wie ein erleichterter Seufzer. Aus welchen Gründen trägt dein Band diesen Namen?</p>
<p>RUTH LOOSLI: Vielen Dank! Ja, es war an der Zeit, dass dieser blaue Gedichtband erscheinen konnte! Es war mir wichtig, einen treffenden Titel zu haben. Nach hitzigen Diskussionen mit Bekannten und Freunden entschied ich mich für diesen Titel, den auch ein Gedicht im Band trägt. Es ist allerdings ein politisches Gedicht, es geht um Mädchen, die immer noch beschnitten werden – der Seufzer, dass die Häuser noch stehen, ist in diesem Gedicht schwer. Im Allgemeinen aber setzt die Aussage &#8220;Aber die Häuser stehen noch&#8221; tatsächlich einen eher optimistischen Kontrapunkt zum menschlichen Drama, das sich auf unserem Planeten abspielt und sich in einigen meiner Gedichte spiegelt.</p>
<p>LEA GOTTHEIL: Prägend empfinde ich auch deine vermeintlich alltäglichen Bilder, die gleichzeitig einen Seelenzustand spiegeln:<br />
„Im Bus/Das laute Gelächter/der Mädchen mit greller/Schminke im Gesicht<br />
Erinnert an erfrorene/Obstbaumzweige“.<br />
Ein kluger Dichter hat mir einmal geraten, sich bei der Dichtkunst von der Aussenwelt leiten zu lassen und nicht erst in sich selbst zu suchen. Teilst du diese Idee?</p>
<p>RUTH LOOSLI: Oh, da muss ich wohl vorsichtig sein, wenn es ein kluger Dichter war &#8230; Aber im Ernst, ich teile seine Meinung nur bedingt. In diesen von dir zitierten Zeilen ist das sehr schön zu sehen: Ich nehme die grelle Schminke der Mädchen wahr und in diesem Fall ihr böses Gelächter und ZUGLEICH, was es in mir an Empfindung und Bild auslöst. Beides bedingt einander, in Gedichten besonders. In der Prosa mag das Gewicht etwas anders sein. Aber es braucht bei mir immer den &#8220;Seelenanteil&#8221;, damit mich ein Geschehen packt und ich in einen absolut aufmerksamen Zustand komme – im Innen wie im Aussen. Man könnte es Präsenz nennen, die für das Ganzheitliche steht. Dies gilt für mich auch, wenn ich an einer Hörspielfolge arbeite: Hineintauchen in einen gut balancierten Zustand, der Genauigkeit im Wort und &#8220;Fluss&#8221; der Ideen zugleich generiert.</p>
<p>LEA GOTTHEIL: Präsenz, Hineintauchen, Genauigkeit. Ich nehme an, dass diese Bedingungen für das Schreiben nicht einfach im Alltag zu finden sind. Wie erreichst du den Zustand, um an Deinem Werk zu arbeiten? Kann man sagen, dass Schreiben einer Lebensphilosophie gleichkommt?</p>
<p>RUTH LOOSLI: Es gibt Schriftsteller, die sehen sich quasi &#8220;nur&#8221; als Handwerker und es gelingt ihnen bestes Werk.<br />
Aber bei mir funktioniert es nur, wenn ich Handwerk mit Intuition verbinde, wie ich es schon zu beschreiben versucht habe.<br />
Allerdings ist Disziplin ein ebenso wichtiges Thema, wie kann ich der formulierenden und fabulierenden Intuition Raum geben, wenn ich mich nicht dazu entschliesse, dran zu bleiben, täglich! Mir kommt das Kochen in den Sinn, ich muss mir den Befehl geben zu kochen und wenn ich begonnen habe, beginnt die Alchemie der Dämpfe, des sich Vermischens zu spielen. Kartoffeln im Rohzustand sind ungeniessbar!<br />
Ich muss mein Handwerk täglich üben und gleichzeitig bereit sein, mich in einen konzentrierten &#8220;Rausch&#8221; zu begeben. In einen absoluten Zustand der Ruhe und Aufgeregtheit, also wiederum paradox.</p>
<p>LEA GOTTHEIL: Du schreibst für ein Hörspiel, tauchst in Prosa, arbeitest an Lyrik. Welche Form hast du für deine ersten Schreibversuche gewählt? Beschäftigten dich damals andere Themen als heute?</p>
<p>RUTH LOOSLI: Ja, das ist interessant, darüber nachzudenken.<br />
Ich merke, dass mich dieselben Themen beschäftigt haben wie heute! Das erstaunt mich geradezu!<br />
Das grosse Thema, das ich ab zwölf Jahren vorwiegend mit Lyrik zu verstehen versuchte, ist &#8220;Was ist der Sinn des Lebens&#8221; – und das tönt ganz nach Pubertät! Und heute denke ich einfach viel differenzierter darüber nach oder wenigstens mit der Lebenserfahrung, die ich in das Nachdenken einbringe. Aber ich war so hungrig nach Verstehen wollen, was das alles soll. Ob wir von irgendwoher kommen und irgendwohin gehen und weshalb der Mensch ein Bewusstsein hat, ich also über mich selber nachdenken kann.<br />
Natürlich weiss ich es heute ebenso wenig wie damals, d.h. ich habe keine Wahrheit per se gefunden, aber mögliche &#8220;Fährten&#8221;, ganz persönliche, habe ich natürlich schon. Trotzdem ist es nach wie vor die grosse Herausforderung, sie in Geschichten, in Gedichte, in Sprache zu fassen, ohne dass es abgegriffen wirkt. Obwohl darüber schon viel gesagt und geschrieben wurde, erlaube ich mir, meinen eigenen Ton zu suchen, sozusagen.</p>
<p>LEA GOTTHEIL: So viele verschiedene Menschen es gibt, so viele verschiedene Stimmen hört, liest man. Ohne sie gingen Welten unter … welche Stimmen begleiten dich noch immer?</p>
<p>RUTH LOOSLI: Immer und immer wieder: Gerhard Meier. In seiner Prosa, wie auch in seinen frühen Gedichten kann ich mich inspirieren lassen, gleichsam erholen. Seine literarische Sprache ist mir Vorbild und Wegweiser zugleich. Ein Vorbild zu haben, ist ja nicht gerade modern, aber von Gerhard Meier weiss man, dass er immer, bevor er sich an seine Schreibarbeit machte, eine oder zwei Seiten Proust las.<br />
Die zweite Stimme, die sich mir eingeprägt hat, ist eine, die du mir vorgestellt hast: Jon Kalman Stefansson. Seine Art, Menschen in ihren Zweifeln, in ihrer Verzweiflung, aber auch Hoffnung zu beschreiben, ist unnachahmlich. Wie er innere Prozesse mit äusseren Handlungen verstrickt (und umgekehrt), ist pures Lesevergnügen. Hohes Handwerk, dem ich im eigenen Schreiben auf die Spur zu kommen versuche, soweit dies meinen Begabungen und Fähigkeiten entsprechen kann. Die Begabung ist ja wohl nicht verhandelbar, aber die Fähigkeiten können geschliffen und ausgeweitet werden.<br />
Gern möchte ich auch eine verstorbene Kollegin nennen, die mich mit ihrer Lyrik beeindruckt hat: Brigitte Meng. Und auch Mariella Mehr, eine kompromisslose Dichterin und Denkerin. Und manchmal muss man sich die Ohren zuhalten, damit nur die eigenste Stimme zum Vorschein kommt und man sich dem aussetzt und nur dem. Mit dem Wissen um alle Stimmen im Hintergrund, die sich aber in diesem Moment still zu halten haben.</p>
<p>LEA GOTTHEIL: Gibt es neben dem Schreiben andere Kunstformen, in denen du deine Stimme probierst?</p>
<p>RUTH LOOSLI:  Vorerst: Auf jeden Fall sind andere Kunstformen äusserst wichtig, damit ich meine Stimme mit anderen vermengen und auf neue Weise wahrnehmen kann. Da gibt es ja gottlob eine äusserst vielseitige Kunstszene bei uns, der man gar nicht &#8220;nachmag&#8221;, sich aber doch immer wieder entschliessen kann, der einen oder anderen Stimme Gehör zu schenken, ja, sich von ihr bezaubern zu lassen oder zumindest mitnehmen in andere Tonarten, um beim Bild zu bleiben. Und wenn ich mich irgendwo hinführen lassen will, dann kann ich ein Museum besuchen – das Fotomuseum in Winterthur zum Beispiel finde ich sehr inspirierend – da gibt es auch eine kleine Bibliothek, in die man sich zurückziehen kann.<br />
Für mich persönlich habe ich auch den Pinsel entdeckt, die Leinwand. Ich vermied dies bis anhin tunlichst, weil ich als alleinerziehende Mutter weder die Zeit noch das Geld dafür hatte. Nun aber sind sie am Ausfliegen, die Täubchen, und dies bedeutet für mich neuen Raum – aufatmen! Es war sozusagen eine Trotzhandlung, dass ich mir Farben, Pinsel und eine Leinwand kaufte. Ich war an einem blinden Punkt in meiner Schreibe und hatte privat eine Entscheidung zu verdauen, der ich nichts entgegen setzen konnte. Da war für mich der Pinselstrich eine Möglichkeit, den Raum zu erweitern, meine Stimme in neuer Form aufzuspüren. Dies aber keinesfalls in professioneller Absicht, es kann eine Vorübung sein, um zum Schreiben zu kommen, in diesen Zustand der Gewährtigkeit zu gelangen, von der wir schon sprachen.<br />
Dann gibt es die Stimme im physischen Sinn, das Instrument, das ich immer bei mir trage. Und es gibt die Bewegung!<br />
Ja, die verschiedenen Kunstformen beflügeln mich und lassen mich mehrsprachig werden – zurück komme ich aber immer in die Literatur – sie ist meine Stärke, meine weiträumige Heimat, wenn ich dies so pathetisch sagen darf.</p>
<p>LEA GOTTHEIL: Verrätst du uns, was wir von dir lesen werden, wenn wir dich wieder in deiner Heimat besuchen?</p>
<p>RUTH LOOSLI:<br />
Ich verrate nichts! Gut, soviel – es ist eine Prosaarbeit.<br />
Und ich danke ganz herzlich für dieses schöne Gespräch!</p>
<p>LEA GOTTHEIL:<br />
Auch ich danke dir herzlich für die Offenheit deiner blumigen Antworten!</p>
<p><strong>Ruth Loosli</strong><br />
Aber die Häuser stehen noch<br />
Lyrik<br />
Littera Autoren Verlag<br />
<a href="http://ruthloosli.ch" target="_blank">www.ruthloosli.ch</a></p>
<p><strong>Lea Gottheil</strong><br />
Der Roman „Sommervogel“ von Lea Gottheil ist im März 2009 im Arche Verlag erschienen.<br />
<a href="http://www.leagottheil.ch" target="_blank">www.leagottheil.ch﻿</a></p>
<p></p>
<p></p>
<p>Datum: 9. März 2010<br />
Text: Lea Gottheil<br />
Bild: Ruth Loosli<br />
Bitte Urheberrechte beachten: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.</p>
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		<title>Mittwochsperle: Simon Froehling</title>
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		<pubDate>Mon, 01 Mar 2010 19:19:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>textin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Autor/innen Schweiz]]></category>
		<category><![CDATA[Mittwochsperlen]]></category>
		<category><![CDATA[Simon Froehling]]></category>

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		<description><![CDATA[Simon Froehling wurde 1978 geboren. Er ist schweizerisch-australischer Doppelbürger und lebt als freier Autor und Übersetzer in Zürich. Er schreibt hauptsächlich Theatertexte, jedoch auch Prosa und Lyrik. Für seine Stücke wurde er, unter anderem, mit dem Hauptpreis der „Appellation contrôlée“ des Verbands Autorinnen und Autoren der Schweiz (AdS), dem Publikumspreis der 2. St. Galler Autorentage [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Simon Froehling wurde 1978 geboren. Er ist schweizerisch-australischer Doppelbürger und lebt als freier Autor und Übersetzer in Zürich.<span id="more-111"></span> Er schreibt hauptsächlich Theatertexte, jedoch auch Prosa und Lyrik. Für seine Stücke wurde er, unter anderem, mit dem Hauptpreis der „Appellation contrôlée“ des Verbands Autorinnen und Autoren der Schweiz (AdS), dem Publikumspreis der 2. St. Galler Autorentage und dem Dramatikerpreis der Schweizerischen Autorengesellschaft (SSA) ausgezeichnet. </strong></p>
<p><strong>textín:</strong> Ich freue mich, dass du bereit bist, mir einige Fragen zu beantworten.<br />
Die immer gleiche, aber immer wieder interessante Frage: Wie bist du zum Schreiben gekommen?</p>
<p><strong>Simon Froehling: </strong>Meine erste Schreiberinnerung spielt sich auf einem grossen alten Kleiderschrank ab. Dort hatte ich mich mit einer Nachbarin versteckt, um einen Zirkusroman zu schreiben – denn wir wollten beide Zirkusartisten werden, aber weil das Wetter schlecht war, konnten wir nicht draussen spielen. Wer vor dem Abendessen die längere Geschichte schreiben konnte, sollte gewinnen. Ich weiss nicht mehr, wie alt ich war und auch nicht, wer gewann.</p>
<p><strong>textín:</strong> Deine Mutter ist Australierin, du bist zweisprachig aufgewachsen und hast auch einige Jahre in Australien gelebt. Inwiefern hat dich die Zweisprachigkeit geprägt?</p>
<p><strong>Simon Froehling: </strong>Ich weiss meine Zweisprachigkeit sehr zu schätzen – auch, weil sie mir ermöglicht, als Übersetzer zu arbeiten und so ein Zusatzeinkommen zu generieren. Und auch, weil ich denke, dass Sprachen Horizonte erweitern können. Beim Schreiben passiert es mir manchmal, dass mir ein Wort nur in der anderen Sprache in den Sinn kommt, dann muss ich jeweils ein Wörterbuch zur Hand nehmen. Überhaupt faszinieren mich Wörterbücher. Neulich habe ich den „Dornseiff&#8221; entdeckt, dessen Untertitel lautet „Der deutsche Wortschatz nach Sachgruppen&#8221;. Darin kann ich mich richtiggehend verlieren &#8230;</p>
<p><strong>textín: </strong>Solche Hinweise sind immer wertvoll, danke! Werde mir das Buch auch anschauen. Du hast soeben deine Ausbildung am <a href="http://www.hkb.bfh.ch/literaturinstitut.html">Schweizerischen Literaturinstitut in Biel</a> beendet. Erzählst du uns, was dir diese Ausbildung gebracht hat und eventuell etwas über deine Abschlussarbeit?</p>
<p><strong>Simon Froehling:</strong> Ich bin einerseits ein sehr ehrgeiziger, andererseits ein eher fauler Mensch. Deshalb mag ich Deadlines und Strukturen. Das Literaturinstitut hat mir während dreier Jahre Struktur gegeben. Ausserdem ist der Austausch mit anderen Autorinnen und Autoren für alle Schreibenden ungemein wertvoll, denke ich. Zudem konnte ich am Institut viele interessante Kontakte knüpfen. Ich würde sagen, die Ausbildung in Biel ist ein Beschleuniger von Prozessen, die auf autodidaktischem Weg viel länger dauern. Auch bildet das Institut den Literaturbetrieb im Kleinen ab – mit all seinen positiven und negativen Seiten. Für meine Abschlussarbeit habe ich mich an einen längeren Prosatext gewagt, nachdem ich bis anhin ja hauptsächlich als Dramatiker tätig war. Mehr möchte ich darüber noch nicht sagen.</p>
<p><strong>textín: </strong>Wo holst du dir deine Inspiration? In der Stadt, in der Natur oder beim Lesen?</p>
<p><strong>Simon Froehling:</strong> Ich bin definitiv ein Stadtmensch und pendle zwischen Zürich und Berlin. In der sehr lebendigen deutschen Metropole finde ich paradoxerweise mehr Ruhe zum Schreiben als in Zürich &#8230; Ich schotte mich morgens gerne komplett ab, um mich nachmittags nach getaner Arbeit ins Stadtleben zu stürzen.</p>
<p><strong>textín: </strong>Hörst du Musik beim Schreiben? Oder liest du vor dem Schreiben, um dich in einen bestimmten Rhythmus, einen Sound zu bringen?</p>
<p><strong>Simon Froehling: </strong>Ich schreibe immer morgens – gleich nach dem Aufstehen. Lesen tue ich zuvor also nicht; das gehört zu meinen Nachmittagstätigkeiten. Ob ich Musik höre, kommt immer darauf an, was ich gerade schreibe. Bei Theaterstücken überlege ich mir manchmal, welche Szene welchen Klang haben soll, suche mir das passende Lied heraus und lasse es im Wiederholmodus laufen bis die Szene geschrieben ist. Während der Arbeit an meinem Abschlusstext fürs Institut hörte ich von November 2008 bis im Juni dieses Jahres jeden Morgen nur Bach: meist die Cello-Sonaten, manchmal die Cello-Suiten und zwischendurch die Goldberg-Variationen. Immer dieselbe Musik zu hören hilft mir, mich abzukapseln und ins Schreiben einzutauchen.</p>
<p><strong>textín:</strong> Wir freuen uns auf deinen Prosatext! Weisst du schon, wie es für dich weitergehen wird, nachdem du jetzt dein Studium abgeschlossen hast?</p>
<p><strong>Simon Froehling: </strong>Du erwischt mich gerade vor meinem Abflug nach Australien, wo ich als Tutor am World Interplay Festival für junge Theaterautorinnen und -autoren teilnehmen werde. Ich gehe zum ersten Mal nach zwölf Jahren nach Australien zurück, wo ich auch ein paar Wochen Ferien anhängen werde, um Freunde zu besuchen. Danach geht es weiter wie gehabt: mit Theaterprojekten und wohl vermehrt auch mit Prosa. Im September kommt eine Bühnenadaption, die ich erstellt habe und der sowohl der Roman „Wild at Heart&#8221; von Barry Gifford als auch der gleichnamige Film von David Lynch zugrunde liegt, am Treibstoff-Festival in Basel auf die Bühne. Regie führt Michael Koch.</p>
<p><strong>textín: </strong>Welchen Rat gibst du Schreibszene-Leuten, die noch am Anfang ihrer Schreiblaufbahn stehen?</p>
<p><strong>Simon Froehling: </strong>Weiterschreiben, weiterschreiben, weiterschreiben – und umschreiben, umschreiben, umschreiben. Ganz zu Beginn meiner Karriere sagte ein befreundeter Autor zu mir, dass junge Schreibende oft zu sehr den Dingen vertrauten, die sie bereits zu Papier gebracht haben, und viel zu wenig ihrer Fähigkeit, das Geschriebene noch besser schreiben zu können. Rückblickend finde ich diesen Rat sehr passend.</p>
<p><strong>textín: </strong>Eine letzte Frage: Magst du uns ein Lieblingsbuch verraten? Eventuell eines, auf unser Fach bezogen und eines, das in deiner Reisetasche liegt?</p>
<p><strong>Simon Froehling: </strong>„Story – die Prinzipien des Drehbuchschreibens&#8221; von Robert McKee, auf Deutsch erschienen im Alexander Verlag, ist ein langjähriger Begleiter von mir. Man kann für alle Textsorten viel lernen, was Dramaturgie oder auch Figurenentwicklung angeht. Nach Australien nehme ich keine Bücher mit, sondern nur den Vorsatz, mich dort mit zeitgenössischer australischer Literatur einzudecken.</p>
<p><strong>textín: </strong>Herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute!</p>
<p>Das Interview wurde von <a href="http://www.ruthloosli.ch/">Ruth Loosli</a> geführt. Sie schreibt Gedichte, Kurzprosa, Theaterstücke und Hörspiele.<br />
Bitte Urheberrechte beachten: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.</p>
<p></p>
<p></p>
<p>Datum: 1. März 2010 (textin Oktober 2009)<br />
Text: Ruth Loosli<br />
Bild: Simon Froehling<br />
Bitte Urheberrechte beachten: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.</p>
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