Buch oder Film? Die Meinungen über die Verfilmung von literarischen Stoffen gehen in meinem Freundeskreis weit auseinander. Da ist beispielsweise Claire, die sich standhaft weigert, die Neuverfilmung von Thomas Manns Klassiker „Die Buddenbrocks“ im Kino zu sehen, weil sie fürchtet, dass ihre inneren Bilder ein für allemal zerstört würden. Manuel hingegen, ein Hardcore-Fantasy-Fan, schwört auf „Herr der Ringe“ im Supermega-DVD-Schuber mit hundert Stunden Extras. Den Roman zur Verfilmung würde er nie anfassen. Der ist ihm „zu oversized“. Ich bin da etwas ambivalent, da ich mich nicht entscheiden kann, was ich wirklich bevorzuge: das Buch oder den Film. Ich erinnere ich mich an die Fortsetzung von Helen Fieldings „Bridget Jones“ Roman, den ich unheimlich gerne gelesen habe und der mich auch sehr amüsierte. Die Verfilmung war allerdings eine Enttäuschung und, wie ich es sehe, eine Tiefstapelei. Erinnern Sie sich noch an „Das Schweigen der Lämmer“, jenen wunderbaren Horrorroman und die oscarpreisgekrönte Verfilmung, die Anthony Hopkins und Jodie Foster weltberühmt machte? Diese zwei Werke sind meiner Meinung nach vorbildhaft für die Eigenständigkeit von Roman und Film. Der talentierte Regisseur Jonathan Demme setzt den genialen Roman in seiner eigenen Bildsprache um und verleiht seinen beiden Protagonisten eine eigene Tiefe, genau wie Thomas Harris es in der Romanvorlage getan hat. Besonders gefallen hat mir, dass der Film meine eigenen Bilder nicht zerstört, sondern im Gegenteil ergänzt hat. Der Film labt sich nicht am Grauen und liefert blutige Szenen. Viel mehr löst er Ängste aus, ohne sie zu bebildern. Die Fantasie des Zuschauers wird angeregt durch die schwarze Leinwand. Ich erinnere mich an diese „erotische“ Szene im Film: Clarice und Hannibal sprechen miteinander, während er in jenem grotesken Käfig sitzt. Eigentlich dürfte sie gar nicht hier sein. Schliesslich kommen ein paar Beamte und ziehen Clarice fort. Hannibal berührt für einen Moment mit einem Finger ihre Hand. Im Buch kommt diese Szene nicht vor. Die Magie jenes Augenblicks wäre auch schwer in Worte zu fassen gewesen. Dieses Beispiel ist selten genug, denken wir dabei an den unsäglichen Nachfolgeroman „Hannibal“. Der Autor versucht auf seltsame Weise zu erklären, weshalb Hannibal Lecter zum Kannibalen wurde. Harris nimmt hier den simpelsten Weg. Er gibt den Nazis die Schuld und liefert dem Leser Informationen, die er gar nicht wissen will. Ich rate Ihnen, wenn Sie diesen Roman noch irgendwo ungelesen in einem Regal stehen haben, schmeissen Sie ihn weg und kaufen sich stattdessen die gleichnamige DVD. Da haben Sie mehr davon und ärgern sich weniger.
Zora Debrunner, Autorin zweier Blogs, schreibt Kriminalromane und nimmt seit 2006 am Novemberschreiben teil.
textin März 2009

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