Seinem Leben mit Respekt begegnen

Von Fatima Vidal

Text:  Tania Kummer
Autobiografisch schreiben heisst, sich Zeit für sich selber zu nehmen und seiner Lebensgeschichte mit Respekt zu begegnen. Die Gründe, warum jemand autobiografisch schreibt, sind mannigfaltig und individuell. Aus dem Leben zu erzählen lohnt sich auf jeden Fall. Die LeserInnen finden in den Autobiografien ein Stück Zeitgeschichte.

Möchte man aus dem Leben erzählen, gilt es, zuerst die Erinnerung zu wecken. Dies fällt uns leichter, wenn wir wissen, wie unser Hirn Erinnerung bildet.

Das Orchester in unserem  Kopf

In unserem Gehirn sind Informationen an verschiedenen Orten gespeichert. Das Gedächtnis funktioniert wie ein Orchester. Die Frage ist, woher das Gehirn weiss, dass die verschiedenen Informationen zu ein und demselben Objekt gehören, denn einen Dirigenten, der mit dem Taktstock die Erinnerung leitet, gibt es nicht. Dieser komplexe Vorgang wird hier rudimentär beschrieben: Je mehr Sinnesorgane (sehen, riechen, fühlen, hören, schmecken) man gleichzeitig stimuliert, umso mehr Nervenzellen werden aktiv. Gedächtnis wird auch durch komplizierte Vorgänge im Gehirn konstruiert und so können zwei Schwestern das gleiche Ereignis grundverschieden wiedergeben. Jede ist davon überzeugt, dass ihre Version stimmt, da sie „gestochen scharfe Erinnerungen daran haben“. Diese Tatsache ist für das autobiografische Schreiben von zentraler Bedeutung.

Aus der (Schreib)praxis

Wurde die Erinnerung angeregt, kann der Schreibprozess beginnen. In den Schreibszene-Kursen beschäftigen wir uns meist mit allgemeinen Themen, wie Nachnamen, Geburtsort, etc. Es bleibt den TeilnehmerInnen immer überlassen, ob sie sehr oder weniger persönlich erzählen.

Wir zeigen auf, wie Ideen umgesetzt werden können. Zum Beispiel: welche Textsorten stehen zur Verfügung, welche Erzählperspektive und Zeitform eignen sich für das, was man beschrieben will? Die handwerklichen Erläuterungen machen einen grossen Teil der Autobiografischen Schreibkurse der Schreibszene aus.
In den Kursen kommen auch mögliche Sammelarten von Lebensgeschichten zur Sprache, Schreibspiele und ein Exkurs in die Welt von Rechten und Pflichten, denn wer aus seinem Leben erzählt, erzählt auch immer von anderen Menschen und wird ein solcher Text öffentlich, kann man jemanden verletzten.
Auch wenn die Teilnehmer der Schreibkurse oft von Verwandten oder Bekannten dazu ermutigt wurden, ihre Erinnerungen niederzuschreiben, stellt sich in den Kursen immer die Frage: «Warum soll ich meine Erinnerungen aufschreiben, wer interessiert sich dafür?».
Zum einen hat die Dokumentation des eigenen Lebens grossen Wert für die eigene Befindlichkeit. Weiter dokumentieren Lebensgeschichten auch immer Zeitgeschichte. Ohne die anschaulichen Schilderungen dieser ginge Wissen verloren, das nachfolgenden Generationen zum Verständnis der Welt und ihrer eigenen Geschichte fehlen würde.

Zum Ausklang ein Beispiel – ein Textauszug aus dem Manuskript «Rückblende» von Marion Eve Stöckli, Thalwil, Jahrgang 1937, an dem im Rahmen des Kurses «Autobiografisches Schreibenª der Schreibszene gearbeitet wurde (mit Erlaubnis der Autorin):

Behutsamkeit fehlte in dieser Kriegs- und ersten Nachkriegszeit in meiner Jugend. Das Wort fehlte wohl im damaligen Alltagsvokabular. Man feierte den Frieden; man wandte sich den neuen Aufgaben sofort zu: Hilfe allen vom Krieg Geschädigten ohne Frage nach Siegern und Besiegten. In unserer Primarklasse gab es nun alle drei Monate neue Gesichter: Kinder aus den Kriegsgebieten, die für drei Monate zum Aufpäppeln in Schweizer Gastfamilien Aufnahme fanden. Ich erinnere mich, dass es für mich schwierig war zu verstehen, dass auch die ‘Feindeskinder’ aus Deutschland und Österreich das Recht hatten hier zu sein. Zu lange hatte ich von den Schrecken des Krieges und der Angst vor „Hitler“ und „den Deutschen“ gehört. Meine Grossmutter erklärte mir, diese Kinder seien ‘unschuldig’.  Sie gingen für drei Monate mit uns zur Schule. Bei ihren Gastfamilien erhielten sie sowohl die notwendige Verpflegung, um ihre körperlichen Mängel zu beheben, als auch den nüchternen Alltag einer Schweizer Familie  für ihre geschädigten Seelen.
Und für meinen Vater galt es nun, die neue Zeit in seinem Betrieb, den er unter Opfern und Anstrengungen durch den Krieg gebracht hatte, zu nutzen. Die Angestellten und Arbeiterinnen mussten viel arbeiten, eine Arbeitswoche hatte 48 Stunden. Die damalige Zeit war anders, die AHV trat erst nach 1948 in Kraft, aber schon mein Grossvater Leo hatte eine Stiftung für bedürftige Mitarbeiter eingerichtet, sodass niemand, der unsere Firma im Alter verliess (das war natürlich nicht mit 65, sondern erst dann, wenn der Gesundheitszustand  das Arbeiten verunmöglichte, also kurz vor dem Sterben) Hunger leiden musste. Es gab viel Armut in jener Zeit, auch bei uns in der Schweiz. Wohlstand wurde eher versteckt; man schämte sich fast, wenn Materielles im Überfluss vorhanden war. Hilfsbereit war man also den Kriegsgeschädigten gegenüber, achtsam, den scheu erwachenden Wohlstand wachsen und gedeihen zu lassen, dagegen fast rücksichtslos und grob, wenn es darum ging, eigene Interessen voran zu treiben.

Kursausschreibung: «Autobiografisches Schreiben» in Zürich

Leitung: Tania Kummer

Wenn Sie aus Ihrem Leben erzählen, hören Sie stets: Du hast so viel erlebt, das musst du unbedingt aufschreiben! Sie können sich auch gut vorstellen, Ihre Lebensgeschichten zu Papier zu bringen – nur wissen Sie nicht, wie und wo Sie anfangen sollen. Im Kurs Autobiografisches Schreiben arbeiten wir in Theorie und Praxis am Gerüst Ihrer Autobiografie und daran, mögliche Inhalte zu finden und zu verbinden.

Kursbeschreibung:

Sie lernen eine Methode kennen, mit der Sie das Gerüst Ihrer Autobiografie erstellen können. Darüber hinaus wecken wir mit Schreibspielen Erinnerungen und probieren Textformen aus. Sie erhalten das Rüstzeug, um nach dem Kurs an Ihrer Autobiografie zu arbeiten und praktische Tipps, wie Sie das Schreiben in Ihren Alltag integrieren können.

Daten:     Frühjahr 2011
Zeit:         09.00 – 12.00 und 13.30 – 17.00
Dauer:     3 Tage
Preis:        Fr. 750.-
Kursort:    Zürich, Nähe Hauptbahnhof

Voraussetzungen: Bereitschaft, in der Gruppe aus dem eigenen Leben zu erzählen und Lust aufs Schreiben. Besondere Schreibkenntnisse sind nicht nötig.

Quellen:
-    Tatjana Keiner, Muriel Macé und Erika Theobald:
Wir sind, woran wir uns erinnern.  Artikel aus Psychologie heute  März 2000
-    Harald Welzer:
Das kommunikative Gedächtnis. Beck Verlag München, 2002.
-    Werner Stangls Arbeitsblätter:
Funktion des Gehirns aus dem Internet
-    Osborn / Schweitzer / Trilling:
Erinnern. Eine Anleitung zur Biografiearbeit mit alten Menschen
Lambertus Verlag, Freiburg im Breisgau, 1997

Autorin:
Tania Kummer, *1976, Schriftstellerin, Zürich. Zuletzt ist 2009 ihr Erzählband «Wäre doch gelacht» im Zytglogge-Verlag erschienen. www.taniakummer.com

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2 Kommentare

  • Gabriele Billi's Gravatar Gabriele Billi 28. September 2010

    Ist das Datum im Frühjahr schon fixier?
    Wie bekommt das Datum?

    Danke für die Infos, mit freundlichen Grüssen

    Gabriele Billi

  • Fatima Vidal's Gravatar Fatima Vidal 28. September 2010

    Das Datum für diesen Kurs werden wir spätestens Ende Jahr aufschalten.

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