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	<title>Textin &#187; Martina Kammermann</title>
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	<description>Das Magazin der Schreibszene Schweiz</description>
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		<title>Trudy Müller-Bosshard, Kreuzworträtsel-Autorin</title>
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		<pubDate>Sat, 13 Mar 2010 15:47:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martina Kammermann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Autor/innen Schweiz]]></category>
		<category><![CDATA[Interviews & Porträts]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Kreuzworträtsel-Autorin]]></category>
		<category><![CDATA[Trudy Müller-Bosshard]]></category>

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		<description><![CDATA[Interview. &#8220;Wie macht sie das bloss?&#8221;, fragen sich die Leser – oder müsste man sagen Löser? – von Trudy Müller-Bosshards Kreuzworträtseln jeweils, wenn sie nach stundenlangem Brüten endlich das Lösungswort gefunden haben. Ihre Rätsel, die seit 1993 im Magazin des Tages-Anzeigers erscheinen, sind nämlich keineswegs konventionell. Was ist etwa &#8220;Bei unsereins begehrt – was der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><em>Interview. </em>&#8220;Wie macht sie das bloss?&#8221;, fragen sich die Leser – oder müsste man sagen Löser? <span id="more-213"></span>– von Trudy Müller-Bosshards Kreuzworträtseln jeweils, wenn sie nach stundenlangem Brüten endlich das Lösungswort gefunden haben. Ihre Rätsel, die seit 1993 im Magazin des Tages-Anzeigers erscheinen, sind nämlich keineswegs konventionell. Was ist etwa &#8220;Bei unsereins begehrt – was der Brite nicht versteht&#8221;*? Trudy Müllers Fingerzeige hinterfragen den gewohnten Sprachgebrauch und lassen sich nur mit querem Denken durchschauen. Ein klassischer Tipp wie &#8220;engl. Ratte&#8221; wirkt neben ihrer Wortakrobatik gar fad und es überrascht nicht, dass diese ihre Anhänger gefunden hat. Im Gespräch mit textín beschreibt die bekannteste Rätselschreiberin der Schweiz zur Abwechslung ihre eigene Arbeit. </strong></p>
<p><strong>textín: </strong>Frau Müller, trotz Ihrer grossen Fangemeinde sind Sie in den Medien kaum anzutreffen. Ziehen Sie sich bewusst zurück?</p>
<p><strong>Trudy Müller-Bosshard: </strong>Es stimmt schon, dass Interviews nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung sind. Ich bin überhaupt keine Rampensau, und wenn ich mal ins Fernsehen muss, leide ich davor tausend Tode.</p>
<p><strong>textín: </strong>Ihre Rätsel bringen die Gehirne Ihrer Leser jeweils auf Hochtouren. Da muss hinter der Verfasserin ein wahres Bollwerk an Wissen stecken?</p>
<p><strong>Trudy Müller-Bosshard: </strong>Ich verstehe manchmal nicht, dass die Leute meinen, ich hätte dreifach doktoriert. Besonders gut kenne ich mich zum Beispiel in der Rockmusik aus, doch ansonsten habe ich einen ganz normalen Bildungsrucksack. Es gibt schlicht keinen Grund, in Ehrfurcht zu erstarren. Ich habe ja nicht einmal studiert, und ich glaube, dass genau das mein Vorteil ist. Wenn ich in jedem Gebiet ein Crack wäre, würde ich die Leser überfordern und könnte keine Rätsel mehr schreiben.</p>
<p><strong>textín: </strong>Ein umfassendes Allgemeinwissen ist für Ihren Beruf doch aber Voraussetzung.</p>
<p><strong>Trudy Müller-Bosshard: </strong>Natürlich muss ich mich immer wieder in Gebiete einarbeiten, selbst wenn sie mich nicht brennend interessieren. Ein Rätsel entwickelt immer eine gewisse Eigendynamik, und oft stosse ich auf mir ganz fremde Themen. Ins aktuelle Rätsel ist beispielsweise der Begriff &#8220;Triade&#8221; eingegangen, eine Bezeichnung für die chinesische Mafia. Da kannte ich mich im Detail nicht aus, aber jetzt interessiert es mich und ich lese viel darüber. Das muss ich auch, weil am Schluss alles stimmen muss. Erst wenn ich das Ganze verstehe, kann ich es mit einem einfachen Lösungswort verknüpfen, das auch der Leser herausfinden kann. Denn der hat ja nichts darüber gelesen.</p>
<p><strong>textín: </strong>Wie reagieren Ihre Löser denn auf Ihre Rätsel? Bekommen Sie viele Rückmeldungen?</p>
<p><strong>Trudy Müller-Bosshard: </strong>Ich erhalte häufig Mails. Manchmal stört es mich aber, dass ich nur auf die Rätsel reduziert werde. Ich hasse es zum Beispiel, wenn ich irgendwo eingeladen bin und die Leute dann meinen, sie müssten mit mir über Rätsel reden. Am schlimmsten finde ich diejenigen, die sagen: &#8220;Ja ich hab&#8217;s versucht zu lösen, war aber zu dumm dafür.&#8221; Das ist meine Arbeit, und am liebsten hätte ich, wenn mich überhaupt niemand darauf ansprechen würde. Wenn Leute das dann trotzdem tun und eine gewisse Grenze überschreiten, kann ich sehr rüde werden. Ich bin schliesslich auch noch eine andere Person und möchte mich nicht als jemandes &#8220;Trudy&#8221; vereinnahmen lassen.</p>
<p><strong>textín: </strong>Von Ihren treusten Fans werden Ihre Rätsel seit 2006 jeden Samstag auf einem Blog diskutiert.</p>
<p><strong>Trudy Müller-Bosshard: </strong>Ich kenne den Blog, aber ich würde mich da niemals einloggen und mir ansehen, was die Leute für ein Problem mit mir haben.</p>
<p><strong>textín: </strong>Warum nicht?</p>
<p><strong>Trudy Müller-Bosshard: </strong>Das ist reiner Selbstschutz, denn die Schwierigkeiten der Leser würden automatisch meine Schere im Kopf aktivieren. Plötzlich müsste ich während der Arbeit denken: &#8220;Uh, verstehen sie diese Formulierung, oder muss ich ihnen mehr helfen?&#8221; Ein Beispiel ist der unlängst verstorbene Nationalrat Ernst Mühlemann, auch ein regelmässiger Löser. Wir kannten uns und trafen uns jeweils etwa vier Mal pro Jahr zum Mittagessen. Er wusste viel über Fussball, aber von Rockmusik oder Film hatte er keine Ahnung. Leicht vorwurfsvoll erzählte er mir jeweils, dieses und jenes hätte er nicht rausfinden können. So wurde er buchstäblich meine Schere im Kopf. Machte ich etwas zum Thema Punk, dachte ich immer, der Ernst weiss es wieder nicht. Gebracht hab ich es trotzdem, aber die Bremsprozesse setzen schon während des Schreibens an, ohne dass man es wahrnimmt. Ich bin deshalb froh um jeden Rätsler, den ich nicht kenne.</p>
<p><strong>textín: </strong>Nun mal grundsätzlich: Ist Rätselschreiben überhaupt Schreiben?</p>
<p><strong>Trudy Müller-Bosshard: </strong>Es ist ein extrem reduziertes Schreiben, weil ich ja keinen Lauftext vor mir habe. Ich habe eine Platzvorgabe, die fast nichts zulässt, und so muss ich meinen Gedankengang auf das absolute Minimum runterformulieren. Ein fliessendes Schreiben ist es also überhaupt nicht, aber es hat viel mit der Freude an der Sprache und dem Formulieren zu tun. Die Recherche ist aber die gleiche wie beim Verfassen eines Zeitungsartikels, denn all meine Aussagen müssen Hand und Fuss haben.</p>
<p><strong>textín: </strong>Wie muss man sich das vorstellen, ein Rätsel zu schreiben?</p>
<p><strong>Trudy Müller-Bosshard: </strong>Zunächst arbeite ich von links oben nach rechts unten. Am Anfang habe ich jeweils eine Liste von Wunsch-Wörtern. Es sind Begriffe mit grossem Assoziationsreichtum oder solche, über die ich leicht mehr herausfinden kann. Dann beginne ich gedanklich zu spielen und notiere, was mir gerade in den Sinn kommt. Wenn das jemand lesen würde, würde er sagen: &#8220;Die Frau hat eine Meise.&#8221; Irgendwann macht es &#8220;Klick&#8221; und ich kann einhaken. Das Rätsel bekommt dann schnell eine Eigendynamik, die mich immer weiter führt. Wenn ich rechts unten ankomme, passt oft nichts mehr rein, höchstens noch so ein griechischer Gott – die sind relativ vokalreich – oder ein obskurer Fluss. Bei solch unbekannten Wörtern muss ich meine Hinweise dann so formulieren, dass der Leser dennoch die Chance hat, das Wort rauszufinden.</p>
<p><strong>textín: </strong>Um diese Chance zu erhöhen, geben Sie den Lesern in Ihrem Buch &#8220;Kreuzworträtsel 3&#8243; Tipps, wie man auf die Lösungen kommen kann. Haben Sie auch ganz bestimmte Tricks zur Herstellung von Rätselsätzen?</p>
<p><strong>Trudy Müller-Bosshard: </strong>Nein, es kommt nur darauf an, was man im Oberstübchen hat. Die Verknüpfung wird im Denkapparat geboren. Sonst passiert einfach nichts. In dem Sinn habe ich keine Strategie. Ich hoffe einfach immer auf den &#8220;lucky punch&#8221;, also dass ich an irgendetwas hängen bleibe, das sich auch gut mit Redensarten verknüpfen lässt. Damit kann man den Leser nämlich auf eine falsche Fährte führen. Das ist der Trick dabei; der Rätsler folgt den gewohnten Denkmustern, wenn er aber genau hinsehen würde, geht es gerade in die andere Richtung.</p>
<p><strong>textín: </strong>Nehmen Sie keine Software zu Hilfe?</p>
<p><strong>Trudy Müller-Bosshard: </strong>Nein. Oder ja gut, im Internet gibt es eine ganz einfache Kreuzworträtsel-Software, dort finde ich dann notfalls den tschechischen Fluss, wenn ich ganz rechts unten bin. Aber grundsätzlich möchte ich, dass es &#8220;handgestrickt&#8221; ist. Es wäre ja furchtbar langweilig, wenn ich nach drei Wörtern einfach auf eine &#8220;Complete&#8221;-Taste drücken würde.</p>
<p><strong>textín: </strong>Dann ist Ihnen das Rätseln also noch nicht langweilig geworden?</p>
<p><strong>Trudy Müller-Bosshard: </strong>Klar gibt es Wochen, in denen ich mehr kämpfe, aber das ist ja überall so. Was mir manchmal fehlt, ist mein früherer Beruf. Ich würde gerne wieder einmal eine Reportage machen, aber dafür habe ich einfach keine Zeit. Für ein Rätsel brauche ich genau eine Woche, es ist also ein Fulltime-Job.</p>
<p><strong>textín: </strong>Was machen Sie, wenn Ihnen mal nichts einfällt?</p>
<p><strong>Trudy Müller-Bosshard: </strong>Was ich mit dem Alter über Schreibstaus lernte, ist, sie halt &#8220;gopfer…&#8221; zuzulassen. Es bringt nichts, sich vor dem Bildschirm abzuquälen. Ich spiele dann meistens eine Runde Snooker, denn da kann ich an nichts anderes denken. Ist das Oberstübchen gelüftet, kann es wieder weiter gehen.</p>
<p>*Rat (engl. Ratte)</p>
<p><em><strong>Trudy Müller-Bosshard </strong>machte nach ihrer Handelsmatura den direkten Sprung in den Journalismus und erlernte diesen &#8220;by doing&#8221;. Zwölf Jahre war die Aargauerin als Rockjournalistin beim Jugendmagazin Pop tätig, bis sie Mitte der 80er-Jahre Mitbegründerin der Zeitgeist-Zeitschrift Magma wurde. Als sie nach deren Einstellung den Posten der Chefredakteurin des Aha, einer Satire- und Spielzeitschrift übernahm, fehlte dem Heft noch ein &#8220;anständiges&#8221; Rätsel; und da Trudy Müller niemand Geeigneten finden konnte, machte sie sich gleich selbst ans Werk. Seit 1993 erscheinen ihre Rätsel im Magazin des Tages-Anzeigers und sie hat drei Rätselsammlungen publiziert.</em></p>
<p><strong>Interview: Martina Kammermann</strong></p>
<p></p>
<p></p>
<p>Datum: 13.03.2010 (textin Oktober 2009)<br />
Text: Martina Kammermann<br />
Bild: Martina Kammermann<br />
Bitte Urheberrechte beachten: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.</p>
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		<title>Im Urlaub mit Gregorius</title>
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		<pubDate>Mon, 01 Mar 2010 19:30:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martina Kammermann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews & Porträts]]></category>
		<category><![CDATA[Läbe im Usland, Reise]]></category>
		<category><![CDATA[Nachtzug nach Lissabon]]></category>

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		<description><![CDATA[Oder: Nachtzug nach Lissabon. Als ich mich entschloss, meinen Urlaub an der Westküste Portugals zu verbringen, sah ich mich bereits Berge von Fisch vertilgen, Portwein aus kühlen Kellern schlürfen und mich im ewigen Wind des Atlantiks zerstreuen. Tatsächlich; während meiner Reise von Nord nach Süd fehlte es mir an keiner dieser Freuden, und so liess [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Oder: Nachtzug nach Lissabon. Als ich mich entschloss, meinen Urlaub an der Westküste Portugals zu verbringen, sah ich mich bereits Berge von Fisch vertilgen, Portwein <span id="more-115"></span>aus kühlen Kellern schlürfen und mich im ewigen Wind des Atlantiks zerstreuen. Tatsächlich; während meiner Reise von Nord nach Süd fehlte es mir an keiner dieser Freuden, und so liess ich die Heimat für eine Weile getrost hinter mir. Eine Station auf der Route – ich reiste im Zug – war natürlich die Hauptstadt Lissabon. Und woran die Schweizer Leserin nun denkt, ist absehbar: Nachtzug nach Lissabon.</p>
<p>Nicht nur im deutschen Sprachraum ist dieses Buch von Pascal Mercier ein Grosserfolg. In mehrere Sprachen übersetzt, wird der Roman heute in 28 Ländern verkauft. Tausende von Lesern liessen sich vom Berner Altphilologen Raimund Gregorius – dem Protagonisten der Geschichte – auf eine Reise nach Lissabon entführen, um das Rätsel um ein geheimnisvolles portugiesisches Buch zu lüften. Begleitet werden sie dabei von vielerlei philosophischen Fragen zum Leben und sich selbst.</p>
<p><em>„Gibt es ein Geheimnis unter der Oberfläche menschlichen Tuns? Oder sind die Menschen ganz und gar so, wie ihre Handlungen, die offen zutage liegen, es anzeigen?&#8221;</em></p>
<p>Der Schweizer Autor, welcher in seinem nicht-literarischen Leben Peter Bieri heisst, in Berlin lebt und dort bis vor seinem Zerwürfnis mit dem Universitätssystem Philosophie lehrte, hat ein Buch geschrieben, welches die Massen zum Träumen bringt. Und da ich mich nun schon mal in der Stadt dieses literarischen Abenteuers befand, machte ich mich auf, sie im Hinblick darauf etwas genauer zu erkunden. Wie Gregorius wusste ich anfangs selbst nicht genau, was ich eigentlich suchte oder zu finden hoffte.</p>
<p><em>„Der Glanz des Morgens machte alles Vergangene zu etwas sehr Entferntem, beinahe Unwirklichem, der Wille verlor unter seiner Leuchtkraft jeden Schatten des Gewesenen, und die einzige Möglichkeit, die man hatte, war, in die Zukunft aufzubrechen, worin sie auch bestehen mochte.&#8221; </em></p>
<p>Lisboa. Die Stadt des Lichts, die Stadt der Seefahrer, die Stadt des Tejos, die Stadt der Buchhandlungen. Sie hat viele Namen, diese Stadt, und ebenso viele Gründe gibt es, sie zu besuchen. Wie alle Touristen besuche ich als Erstes die Baixa, das zentrale Shopping-Quartier mit seinen unzähligen Cafés, Souvenirshops und Sehenswürdigkeiten. Dort kaufe ich mir hübsche Sachen, von einem geheimnisvollen Zauber verspüre ich zunächst aber noch nichts. Vielmehr wird mir an jeder Ecke Haschisch angeboten, welches ich mit einem konzentrierten Blick auf den mosaikartigen, mit kleinen schwarzen und weissen Steinen gepflasterten Boden diskret ablehne. Nun verstehe ich zumindest, warum wir in der Schweiz bevorzugt portugiesische Strassenarbeiter haben; sie verstehen ganz einfach ihr Handwerk.</p>
<p>Mit dem Buch hat das allerdings noch nichts zu tun. Erst die Heimfahrt im Tram erinnert mich an Gregorius, bei welchem die hundert Jahre alte Strassenbahn einen Rausch von Kindheitserinnerungen auslöst. Mich selbst berauscht eher deren Geschwindigkeit. Hopp geht’s durch enge Gassen, es ruckelt und wackelt und schaukelt. Die Fenster haben keine Scheiben, und meine blonden Strähnen beginnen im Wind zu spielen, als das Tram entlang des Tejo seine Fahrt nochmals beschleunigt.</p>
<p><em>„Auf dem Tejo spiegelten sich die Wolken. In rasendem Tempo jagten sie hinter den sonnenglitzernden Flächen her, glitten darüber, verschluckten das Licht und liessen es statt dessen an anderer Stelle mit stechendem Glanz aus dem Schattendunkel hervorbrechen.&#8221; </em></p>
<p>Dunkel glänzt der Fluss. Und während Gregorius Heimweh nach dem Berner Bubenbergplatz hat, beginne ich plötzlich die Aare zu vermissen, ihr Knistern, das Mich-Treiben-Lassen in ihrem grünen Glitzern. Treiben lassen könnte man sich im Tejo nämlich nicht. Zu stark ist die Verschmutzung, welche er aus dem Festland ins offene Meer transportiert.</p>
<p>Português. Ist in Merciers Buch das Zauberwort, der Auslöser für Gregorius` Reise und die Wende seines Lebens. Der runde Klang des Portugiesischen ist ein Leitmotiv der Geschichte; da diese Sprache aber ebenso unverständlich wie ästhetisch ist, muss selbst der Protagonist, ein Sprachgenie, vor ihr kapitulieren.</p>
<p><em> „In der nächsten halben Stunde versuchte Gregorius mühsam, sich in den meist unverständlichen Worten und vieldeutigen Gesten der beiden Menschen zurechtzufinden.&#8221;</em></p>
<p>Mir sollte es nicht anders ergehen. Einmal fragte ich einen älteren Mann mit braunledriger Haut nach dem Weg zum Bahnhof Santa Apolonia. „Ah, SchntaPonia!&#8221;, ruft er und erklärt mir in einem Schwall von singenden Sch-Lauten den Weg. Da ich ihn daraufhin nur verständnislos anglotze, winkt er seinen grauhaarigen Kumpel, welcher nebenan mit dem Kioskverkäufer schwatzt, heran und erklärt ihm die Situation. Nun prasseln sie zu zweit – als ob Portugiesisch durch die Quantität und Lautstärke der Worte einfacher zu verstehen wäre – auf mich ein, und obwohl ich noch immer kein Wort verstehe, begleite ich ihren Chor mit einer Reihe von universalen Ah-Lauten und schaue immerzu nickend in ihre meerblauen Augen. Denn irgendwie – Ist es nun dieser Zauber oder nur die Gestik? – verstehe ich das Lied dann eben doch. „Obrigada!&#8221;, dankte ich mit dem einzigen portugiesischen Wort, das ich aussprechen kann, und ging zum Bahnhof.</p>
<p>Comboio nocturno para Lisboa. Ja, das Buch ist 2008 auch ins Portugiesische übersetzt worden und ich fragte mich, ob die Portugiesen dieses Buch, welches unter anderem eine Liebeserklärung an ihr Land und ein Hinweis auf ihre Geschichte und Literatur ist, überhaupt lesen. In verschiedenen Buchhandlungen – von denen es in Lissabon unglaublich viele gibt, kleine, grosse, alte, neue, berühmte, versteckte, chaotische, geordnete, wie gesagt, unglaublich viele –  erkundigte ich mich nach der portugiesischen Ausgabe. „Yes we have it in Portugese or in English&#8221;, heisst es bei den grösseren Häusern. Und ja, das Buch werde oft verkauft und sei auch in Portugal bekannt. Bravo Pascal! Mit seiner Geschichte hat er offensichtlich auch im Gastland nicht daneben gegriffen.</p>
<p>Etwas ausführlicher spreche ich darüber mit João Pimentel. Er ist Geschichtslehrer und betreibt daneben gemeinsam mit seiner Frau eine Buchhandlung, welche auf Bücher aus und über Portugal spezialisiert ist. Auf den kleinen Laden stosse ich per Zufall, als ich gerade ziellos durch die Gassen streune. Als ich ihn betrete, sitzt João breit hinter seinem Schreibtisch und strahlt eine Allerweltsruhe aus, welche den ganzen Raum erfüllt. Er hat Merciers Buch gelesen, und auf meine Frage, ob das denn für ihn als gebürtigen Lissabonner nicht merkwürdig gewesen sei, meint er, das sei kein Problem. Natürlich bemerke er, wenn Gebäude oder Strassen nicht existierten, aber das sei bei erfundenen Geschichten ja klar. Über den Rand seiner randlosen Brille fixiert er mich nun mit seinen dunklen, intelligenten Augen und beginnt zu grinsen. „Yes, it’s a good book with good questions and minds, but …&#8221;, jetzt zieht er die Augenbrauen hoch, „it’s light literature.&#8221; Im Buch wimmle es von Genies und glücklichen Zufällen, das wirke auf ihn sehr konstruiert.</p>
<p>Historia. Was João jedoch mehr stört, sind – oh Wunder – geschichtliche Details. So etwa die Beschreibung des Widerstands unter der Herrschaft des Diktators António de Oliveira Salazar. Das Volk sei nicht mehrheitlich, wie im Buch angetönt,  „gegen&#8221; die faschistische Diktatur gewesen. Während den 44 (!) Jahren Diktatur seien viele Leute sozusagen als Faschisten geboren worden und kannten nichts anderes; die restistência sei nicht omnipräsent gewesen, sondern habe hoch geheim gearbeitet. Dies ist seiner Meinung nach zuwenig berücksichtigt worden. Weiter sei die Armut auch so gross gewesen, dass für viele Menschen kein Raum für ideologische Fragen blieb.</p>
<p>Es ist beeindruckend, von João eine Art Privatlektion in portugiesischer Geschichte zu erhalten. Er erzählt mir von Bekannten, die in politischer Gefangenschaft waren, er erzählt mir vom grossen Erdbeben, vom ehemaligen Gold-Imperium und dessen Zusammenbruch, von den Beziehungen zu England bis zurück zum Gewürzhandel. Ich versinke in farbigen fremden Welten. Ein wahrer Geschichtslehrer. Aber auch ein Kenner der portugiesischen Literatur, und deswegen ist sein Buchtipp am Ende dieses Artikels aufgeführt.</p>
<p>Livraria. Mit diesen Eindrücken im Gepäck ging ich zurück nach Bern. Und hier besuche ich zum Schluss meiner Spurensuche auch den Ausgangspunkt der Geschichte, die spanische Buchhandlung am Hirschengraben. In dem über und über mit Büchern beladenen Raum erwartet mich ein geducktes graues Männlein. Ist es derselbe, welchen Mercier als älteren Mann „mit einer legendären Kenntnis der romanischen Sprachen&#8221; beschreibt? Nein, er sei Spanier, meint der Buchhändler auf Berndeutsch, Portugiesisch könne er nur lesen. So hat es abgesehen von ein paar spanischen und wenigen portugiesischen Büchern vor allem deutschsprachige Literatur. Schweizer, die auf der Suche nach geheimnisvollen portugiesischen Büchern sind, sind wohl doch recht selten. Besuche wie der meine hingegen gar nicht. Ja, es kämen immer wieder Leute wegen Merciers Buch vorbei, gerade gestern sei jemand da gewesen, erzählt der Alte. Er lächelt, besonders zu interessieren scheint es ihn aber nicht.</p>
<p><strong>Buchtipps von João Pimentel:</strong></p>
<ul>
<li>- Buch der Chroniken. Von António Lobo Antunes. Für alle, die von Lissabon noch nicht genug haben.</li>
<li>- Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares. Von Fernando Pessoa. Wird von vielen Kritikern als Vorlage für „Nachtzug nach Lissabon&#8221; gehandelt.</li>
</ul>
<p>Datum: 1. März 2010 (textín Oktober 2009)<br />
Text und Bilder: Martina Kammermann<br />
Bitte Urheberrechte beachten: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.</p>
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		<title>KEUCHEN, SCHREIEN, FLÜSTERN</title>
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		<pubDate>Mon, 01 Mar 2010 08:12:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martina Kammermann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews & Porträts]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Slam Poetry]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Kaiser unter den Hofdichtern: Ein Porträt Berlin – Linz – Innsbruck – Aarau – Bühler – Burgdorf – St. Gallen – Thun – Darmstadt – Brunnen – Berlin – Basel – Winterthur – Berlin … Wirft man einen Blick auf Renato Kaisers Terminkalender, kann man in Sachen Geografie des deutschen Sprachraums einiges dazulernen. Seit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Kaiser unter den Hofdichtern: Ein Porträt<br />
Berlin – Linz – Innsbruck – Aarau – Bühler – Burgdorf – St. Gallen<span id="more-65"></span> – Thun – Darmstadt – Brunnen – Berlin – Basel – Winterthur – Berlin … Wirft man einen Blick auf Renato Kaisers Terminkalender, kann man in Sachen Geografie des deutschen Sprachraums einiges dazulernen. Seit fünf Jahren tourt der gebürtige Goldacher (SG) durch die Schweiz, Deutschland und Österreich und erobert mit seinen Texten landauf und landab die Ohren des Publikums, beziehungsweise dessen Applaus. Genau diesen braucht es nämlich, um einen Poetry Slam zu gewinnen. Literatur wird hier nicht mit Wasserglas diskutiert, sondern vom gekurzweilten Publikum bejubelt und seltener auch ausgebuht. Texte werden nicht &#8220;nur&#8221; gelesen, sondern performt: Es wird geschrien, gekeucht und geflüstert. Und das kann Renato Kaiser ziemlich gut.</p>
<p><strong>Die Erfolgsstory</strong></p>
<p>Seinen ersten Slam-Sieg feierte der Geschichtsstudent nach nur einem halben Jahr Einsteiger-Dasein im November 2005 mit dem Text &#8220;Ich will einmal &#8216;nen Slam gewinnen&#8221;. Und erbeutete sich damit seinen ersten Slam-Pokal, eine Whiskey-Flasche. 2007 gewann er den internationalen Slam in Bozen und war im selben Jahr mit den meisten Siegen der erfolgreichste Slam-Poet der Schweiz. Seither hat sich der 23-Jährige mit seinem geschliffenen Mundwerk zu einem der bekanntesten deutschsprachigen Poetry Slammer gedichtet. Und man könnte meinen, dass er sich tatsächlich schon vom Dichten &#8220;ernährt&#8221;: Über sechzig Flaschen des goldbraunen Gebräus konnte er mittlerweile nach Hause tragen. Gegen diese Interpretation protestiert er jedoch und betont, dass er seine Pokale oft auch verschenkt. &#8220;Solange es kein &#8216;Oban&#8217; ist – mein Lieblingswhiskey&#8221;, fügt er mit verschmitztem Grinsen an. Aber um diesen soll es hier nicht gehen, wo die Dichtkunst doch im Zentrum jedes Slams steht.</p>
<p>Renato Kaisers Texte handeln von fatalen Niederlagen und perfekten Wellen, von Weltverbesserern und -verschlechterern, vom versoffenen Goethe und postpostpost-modernen Worten. Sie fragen, was Jesus tun würde, wenn er begnadigt würde, was die Liebe ist und nicht ist, und was Welterschaffer Jochen mit all dem zu tun hat. Wenn Renato Kaiser den Mund aufmacht, erwartet einen ein Feuerwerk von quirligen Wortspielen, gekonnten Reimen, witzigen Pointen, philosophischem Scharf- und manchmal auch Blödsinn. Wie er auf seine Ideen kommt, kann er nicht sagen: &#8220;Die Ideen kommen einfach; der schwierigere Teil ist dann deren Ausarbeitung.&#8221; Manchmal dauert das nur eine Nacht, es kommt aber auch vor, dass der Ostschweizer zwei Monate an einem Text feilt, bis er wirklich zufrieden ist. Die Feuerprobe eines Textes sei aber jeweils sein Vortrag vor dem Publikum; an dessen Reaktionen merke er am besten, wenn etwas noch nicht passe.</p>
<p><strong>Das Geheimrezept</strong></p>
<p>Was braucht denn aber ein Text genau, um damit einen Slam zu gewinnen? Ein guter Slam-Text zeichnet sich für Renato Kaiser in erster Linie durch seine Originalität aus. Gerade weil den Dichtern beim Poetry Slam keinerlei Grenzen gesetzt sind, freut er sich immer besonders über innovative Texte, welche das Publikum zu überraschen vermögen. &#8220;Mir gefällt es, wenn ein Dichter die Grenzen dessen, was auf der Bühne möglich ist, neu auslotet und auch mich als erfahrenen Slammer mit etwas völlig Neuem konfrontiert.&#8221; Das Publikum bevorzuge im Allgemeinen weniger die experimentellen Vorträge, sondern eher Texte, welche gewohnte Themen behandeln. Das sei aber keineswegs ein Vorwurf: &#8220;Egal, ob ein Text lustig oder ernst, ungewöhnlich oder ein wenig &#8216;mainstreamig&#8217; ist, das Publikum goutiert die guten Vorträge und verteilt den schlechteren auch die entsprechenden Noten.&#8221;</p>
<p>Mit dem guten Text allein ist der Slam aber noch nicht gemacht. Die Performance eines Textes ist mindestens so wichtig wie seine inhaltliche Qualität, und das Entscheidende an der Performance ist laut Kaiser, dass sie zum Text passt und mit ihm eine Einheit bildet. So sollte es nicht passieren, dass ein eigentlich trauriger Text durch den Vortrag ungewollt komische Züge bekommt, und umgekehrt bei einem witzig gemeinten Text die Pointen in ihrer weinerlichen Darstellung versiegen. Die Art des Vortrags soll den Inhalt des Textes widerspiegeln und das Publikum so in die richtige Stimmung versetzen.</p>
<p>Bei einem ernsten Text sei das ein bisschen schwieriger, oder um es mit den Worten Kaisers zu sagen: Es braucht ein wenig &#8220;mehr Eier&#8221;. Witzige Texte seien deshalb keineswegs trivialer; das Dankbare am pointenreichen Text sei nur, dass der Slammer durch Lachen und Kichern eine unmittelbare Reaktion vom Publikum erhalte und so auch angespornt werde. Bei einem traurigen Text kommt das Feedback erst ganz am Schluss. So oder so lautet aber das Erfolgsrezept eines Slam-Vortrags, die Zuhörer soweit zu fesseln, dass diese gar nicht mehr realisieren, wie lau das Getränk in ihrer Hand inzwischen ist.</p>
<p><strong>Der Tipp</strong></p>
<p>Kein Zweifel, dass diese Kunst geübt sein will. Renato Kaiser investiert als erfahrener Slammer jeweils etwa zwei Nachmittage für das Auswendiglernen und die Einübung eines Auftritts. Die Lautstärke, die Pausen, die Mimik und Gestik müssen passen. Manchmal besucht Renato Kaiser auch Workshops, aber das meiste lerne er auf der Bühne. &#8220;Um einen Text auf der Bühne glaubwürdig zu verkörpern, braucht es schon diese &#8216;Rampensau&#8217; in einem, die den Leuten gerne etwas vorzeigen will.&#8221; Und ob man wirklich gerne auf der Bühne stehe, merke man eben am besten, wenn man darauf stehe. Deswegen rät er allen, die sich überlegen, auch mal einen Text vorzutragen: Ausprobieren. Keine Angst haben. &#8220;Man kann dabei nichts verlieren, nicht einmal wenn der Auftritt in die Hose geht. Die Freude daran ist das Wichtigste.&#8221;</p>
<p>Die hat Renato Kaiser und ist deswegen auch bereit, einen grossen Teil seiner Zeit in Schnellzügen zu verbringen. Momentan lebt er mit seiner Freundin in Fribourg, wo er auch studiert. &#8220;Bei zwei bis drei Auftritten die Woche muss die Uni schon mal zurückstehen oder das Referat eben unterwegs geschrieben werden.&#8221; Sein Geschichts- und Germanistikstudium möchte er aber trotz seines Ziels, zukünftig vom Schreiben zu leben, auf jeden Fall abschliessen. Und ein Blick auf die Uhr der Uni-Cafeteria zeigt, dass Renato bereits wieder weiter muss. Wohin? Ins Boxen. Schlagfertig scheint also nicht nur sein Mundwerk zu sein.</p>
<p>Für jene, die von dieser inzwischen salonfähigen Form des Gedichtvortrags noch nichts gehört haben, sei hier kurz erklärt: Bei einem Poetry Slam treten mehrere Dichter mit ihren Texten an und werden dann vom Publikum mit Zahlentafeln (ja, so wie bei &#8216;MusicStar&#8217;) oder eben in Form von Applaus bewertet. Wer im Finale die meisten Dezibel schafft, hat gewonnen.</p>
<p><strong>Martina Kammermann</strong> ist Germanistikstudentin und Journalistin. Ab und zu ist sie an Poetry Slams anzutreffen, allerdings nur als Bejublerin.</p>
<p>textín Juni 2009</p>
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