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	<title>Textin &#187; Lea Gottheil</title>
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	<description>Das Magazin der Schreibszene Schweiz</description>
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		<title>Mittwochsperle: Ruth Loosli</title>
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		<pubDate>Tue, 09 Mar 2010 09:54:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lea Gottheil</dc:creator>
				<category><![CDATA[Autor/innen Schweiz]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Mittwochsperlen]]></category>
		<category><![CDATA[Aber die Häuser stehen noch]]></category>
		<category><![CDATA[Lea Gottheil]]></category>
		<category><![CDATA[Ruth Loosli]]></category>
		<category><![CDATA[Sommervogel]]></category>

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		<description><![CDATA[LEA GOTTHEIL: Ruth, dein erster Gedichtband ist soeben erschienen. Ich gratuliere dir sehr herzlich zu diesem Werk! Der Titel „Aber die Häuser stehen noch“ klingt wie ein erleichterter Seufzer. Aus welchen Gründen trägt dein Band diesen Namen? RUTH LOOSLI: Vielen Dank! Ja, es war an der Zeit, dass dieser blaue Gedichtband erscheinen konnte! Es war [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>LEA GOTTHEIL: Ruth, dein erster Gedichtband ist soeben erschienen. Ich gratuliere dir sehr herzlich zu diesem Werk! Der Titel „Aber die Häuser stehen noch“ klingt <span id="more-195"></span>wie ein erleichterter Seufzer. Aus welchen Gründen trägt dein Band diesen Namen?</p>
<p>RUTH LOOSLI: Vielen Dank! Ja, es war an der Zeit, dass dieser blaue Gedichtband erscheinen konnte! Es war mir wichtig, einen treffenden Titel zu haben. Nach hitzigen Diskussionen mit Bekannten und Freunden entschied ich mich für diesen Titel, den auch ein Gedicht im Band trägt. Es ist allerdings ein politisches Gedicht, es geht um Mädchen, die immer noch beschnitten werden – der Seufzer, dass die Häuser noch stehen, ist in diesem Gedicht schwer. Im Allgemeinen aber setzt die Aussage &#8220;Aber die Häuser stehen noch&#8221; tatsächlich einen eher optimistischen Kontrapunkt zum menschlichen Drama, das sich auf unserem Planeten abspielt und sich in einigen meiner Gedichte spiegelt.</p>
<p>LEA GOTTHEIL: Prägend empfinde ich auch deine vermeintlich alltäglichen Bilder, die gleichzeitig einen Seelenzustand spiegeln:<br />
„Im Bus/Das laute Gelächter/der Mädchen mit greller/Schminke im Gesicht<br />
Erinnert an erfrorene/Obstbaumzweige“.<br />
Ein kluger Dichter hat mir einmal geraten, sich bei der Dichtkunst von der Aussenwelt leiten zu lassen und nicht erst in sich selbst zu suchen. Teilst du diese Idee?</p>
<p>RUTH LOOSLI: Oh, da muss ich wohl vorsichtig sein, wenn es ein kluger Dichter war &#8230; Aber im Ernst, ich teile seine Meinung nur bedingt. In diesen von dir zitierten Zeilen ist das sehr schön zu sehen: Ich nehme die grelle Schminke der Mädchen wahr und in diesem Fall ihr böses Gelächter und ZUGLEICH, was es in mir an Empfindung und Bild auslöst. Beides bedingt einander, in Gedichten besonders. In der Prosa mag das Gewicht etwas anders sein. Aber es braucht bei mir immer den &#8220;Seelenanteil&#8221;, damit mich ein Geschehen packt und ich in einen absolut aufmerksamen Zustand komme – im Innen wie im Aussen. Man könnte es Präsenz nennen, die für das Ganzheitliche steht. Dies gilt für mich auch, wenn ich an einer Hörspielfolge arbeite: Hineintauchen in einen gut balancierten Zustand, der Genauigkeit im Wort und &#8220;Fluss&#8221; der Ideen zugleich generiert.</p>
<p>LEA GOTTHEIL: Präsenz, Hineintauchen, Genauigkeit. Ich nehme an, dass diese Bedingungen für das Schreiben nicht einfach im Alltag zu finden sind. Wie erreichst du den Zustand, um an Deinem Werk zu arbeiten? Kann man sagen, dass Schreiben einer Lebensphilosophie gleichkommt?</p>
<p>RUTH LOOSLI: Es gibt Schriftsteller, die sehen sich quasi &#8220;nur&#8221; als Handwerker und es gelingt ihnen bestes Werk.<br />
Aber bei mir funktioniert es nur, wenn ich Handwerk mit Intuition verbinde, wie ich es schon zu beschreiben versucht habe.<br />
Allerdings ist Disziplin ein ebenso wichtiges Thema, wie kann ich der formulierenden und fabulierenden Intuition Raum geben, wenn ich mich nicht dazu entschliesse, dran zu bleiben, täglich! Mir kommt das Kochen in den Sinn, ich muss mir den Befehl geben zu kochen und wenn ich begonnen habe, beginnt die Alchemie der Dämpfe, des sich Vermischens zu spielen. Kartoffeln im Rohzustand sind ungeniessbar!<br />
Ich muss mein Handwerk täglich üben und gleichzeitig bereit sein, mich in einen konzentrierten &#8220;Rausch&#8221; zu begeben. In einen absoluten Zustand der Ruhe und Aufgeregtheit, also wiederum paradox.</p>
<p>LEA GOTTHEIL: Du schreibst für ein Hörspiel, tauchst in Prosa, arbeitest an Lyrik. Welche Form hast du für deine ersten Schreibversuche gewählt? Beschäftigten dich damals andere Themen als heute?</p>
<p>RUTH LOOSLI: Ja, das ist interessant, darüber nachzudenken.<br />
Ich merke, dass mich dieselben Themen beschäftigt haben wie heute! Das erstaunt mich geradezu!<br />
Das grosse Thema, das ich ab zwölf Jahren vorwiegend mit Lyrik zu verstehen versuchte, ist &#8220;Was ist der Sinn des Lebens&#8221; – und das tönt ganz nach Pubertät! Und heute denke ich einfach viel differenzierter darüber nach oder wenigstens mit der Lebenserfahrung, die ich in das Nachdenken einbringe. Aber ich war so hungrig nach Verstehen wollen, was das alles soll. Ob wir von irgendwoher kommen und irgendwohin gehen und weshalb der Mensch ein Bewusstsein hat, ich also über mich selber nachdenken kann.<br />
Natürlich weiss ich es heute ebenso wenig wie damals, d.h. ich habe keine Wahrheit per se gefunden, aber mögliche &#8220;Fährten&#8221;, ganz persönliche, habe ich natürlich schon. Trotzdem ist es nach wie vor die grosse Herausforderung, sie in Geschichten, in Gedichte, in Sprache zu fassen, ohne dass es abgegriffen wirkt. Obwohl darüber schon viel gesagt und geschrieben wurde, erlaube ich mir, meinen eigenen Ton zu suchen, sozusagen.</p>
<p>LEA GOTTHEIL: So viele verschiedene Menschen es gibt, so viele verschiedene Stimmen hört, liest man. Ohne sie gingen Welten unter … welche Stimmen begleiten dich noch immer?</p>
<p>RUTH LOOSLI: Immer und immer wieder: Gerhard Meier. In seiner Prosa, wie auch in seinen frühen Gedichten kann ich mich inspirieren lassen, gleichsam erholen. Seine literarische Sprache ist mir Vorbild und Wegweiser zugleich. Ein Vorbild zu haben, ist ja nicht gerade modern, aber von Gerhard Meier weiss man, dass er immer, bevor er sich an seine Schreibarbeit machte, eine oder zwei Seiten Proust las.<br />
Die zweite Stimme, die sich mir eingeprägt hat, ist eine, die du mir vorgestellt hast: Jon Kalman Stefansson. Seine Art, Menschen in ihren Zweifeln, in ihrer Verzweiflung, aber auch Hoffnung zu beschreiben, ist unnachahmlich. Wie er innere Prozesse mit äusseren Handlungen verstrickt (und umgekehrt), ist pures Lesevergnügen. Hohes Handwerk, dem ich im eigenen Schreiben auf die Spur zu kommen versuche, soweit dies meinen Begabungen und Fähigkeiten entsprechen kann. Die Begabung ist ja wohl nicht verhandelbar, aber die Fähigkeiten können geschliffen und ausgeweitet werden.<br />
Gern möchte ich auch eine verstorbene Kollegin nennen, die mich mit ihrer Lyrik beeindruckt hat: Brigitte Meng. Und auch Mariella Mehr, eine kompromisslose Dichterin und Denkerin. Und manchmal muss man sich die Ohren zuhalten, damit nur die eigenste Stimme zum Vorschein kommt und man sich dem aussetzt und nur dem. Mit dem Wissen um alle Stimmen im Hintergrund, die sich aber in diesem Moment still zu halten haben.</p>
<p>LEA GOTTHEIL: Gibt es neben dem Schreiben andere Kunstformen, in denen du deine Stimme probierst?</p>
<p>RUTH LOOSLI:  Vorerst: Auf jeden Fall sind andere Kunstformen äusserst wichtig, damit ich meine Stimme mit anderen vermengen und auf neue Weise wahrnehmen kann. Da gibt es ja gottlob eine äusserst vielseitige Kunstszene bei uns, der man gar nicht &#8220;nachmag&#8221;, sich aber doch immer wieder entschliessen kann, der einen oder anderen Stimme Gehör zu schenken, ja, sich von ihr bezaubern zu lassen oder zumindest mitnehmen in andere Tonarten, um beim Bild zu bleiben. Und wenn ich mich irgendwo hinführen lassen will, dann kann ich ein Museum besuchen – das Fotomuseum in Winterthur zum Beispiel finde ich sehr inspirierend – da gibt es auch eine kleine Bibliothek, in die man sich zurückziehen kann.<br />
Für mich persönlich habe ich auch den Pinsel entdeckt, die Leinwand. Ich vermied dies bis anhin tunlichst, weil ich als alleinerziehende Mutter weder die Zeit noch das Geld dafür hatte. Nun aber sind sie am Ausfliegen, die Täubchen, und dies bedeutet für mich neuen Raum – aufatmen! Es war sozusagen eine Trotzhandlung, dass ich mir Farben, Pinsel und eine Leinwand kaufte. Ich war an einem blinden Punkt in meiner Schreibe und hatte privat eine Entscheidung zu verdauen, der ich nichts entgegen setzen konnte. Da war für mich der Pinselstrich eine Möglichkeit, den Raum zu erweitern, meine Stimme in neuer Form aufzuspüren. Dies aber keinesfalls in professioneller Absicht, es kann eine Vorübung sein, um zum Schreiben zu kommen, in diesen Zustand der Gewährtigkeit zu gelangen, von der wir schon sprachen.<br />
Dann gibt es die Stimme im physischen Sinn, das Instrument, das ich immer bei mir trage. Und es gibt die Bewegung!<br />
Ja, die verschiedenen Kunstformen beflügeln mich und lassen mich mehrsprachig werden – zurück komme ich aber immer in die Literatur – sie ist meine Stärke, meine weiträumige Heimat, wenn ich dies so pathetisch sagen darf.</p>
<p>LEA GOTTHEIL: Verrätst du uns, was wir von dir lesen werden, wenn wir dich wieder in deiner Heimat besuchen?</p>
<p>RUTH LOOSLI:<br />
Ich verrate nichts! Gut, soviel – es ist eine Prosaarbeit.<br />
Und ich danke ganz herzlich für dieses schöne Gespräch!</p>
<p>LEA GOTTHEIL:<br />
Auch ich danke dir herzlich für die Offenheit deiner blumigen Antworten!</p>
<p><strong>Ruth Loosli</strong><br />
Aber die Häuser stehen noch<br />
Lyrik<br />
Littera Autoren Verlag<br />
<a href="http://ruthloosli.ch" target="_blank">www.ruthloosli.ch</a></p>
<p><strong>Lea Gottheil</strong><br />
Der Roman „Sommervogel“ von Lea Gottheil ist im März 2009 im Arche Verlag erschienen.<br />
<a href="http://www.leagottheil.ch" target="_blank">www.leagottheil.ch﻿</a></p>
<p></p>
<p></p>
<p>Datum: 9. März 2010<br />
Text: Lea Gottheil<br />
Bild: Ruth Loosli<br />
Bitte Urheberrechte beachten: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.</p>
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