Lesen ist ein ungünstiges Hobby. Ungünstig im Sinn von: unproduktiv, unglamourös, unscheinbar. Andere Leute joggen, züchten Bonsais oder Hunde, schiessen Goals oder Pfeile, backen. Und immer, immer mündet ihr Tun in ein sichtbares Resultat: in Welpen, stramme Waden, Torten oder einen Pokal. Bei mir nicht. Bei mir zeugt allenfalls eine zerknitterte Bettdecke von den verbrachten Stunden.
Das war schon immer so. Denn die Sucht, sie hatte früh begonnen: Als Kind las ich mich durch alle brenzligen Situationen der fünf Freunde, war bei sämtlichen Abenteuern um alte Burgen und versenkte Schiffe dabei, lüftete Geheimnisse, löste die drei Fragezeichen; lachte mit Dolly im Internat und weinte um Blitz, den schwarzen Hengst. Ging der Lesestoff aus, kam die Katastrophe. Gebeutelt vom Entzug, fiel ich über die Unterrichtsbücher meiner Mutter her, verschlang die Todesanzeigen in der Lokalzeitung oder Meyers Modeblatt.
Bevor Sie sich jetzt eine einsame, bleiche Leseratte mit dicken Brillengläsern vorstellen: Nein, so war ich nicht. Sondern quasi das Gegenteil: Ich verbrachte die meiste Zeit draussen mit meinem Hund und einem riesigen Kinderrudel; ich ritt auf dem sturen Pony Jango und dem freundlichen Freiberger Johnny, ich war aktiv in Vereinen, ich schwamm im Walensee und kurvte auf den Skiern den Pizol hinunter.
Aber: All das schien mir weniger verlockend als jener Moment am Abend, da ich mein Buch aufschlagen konnte. Ah! Ich inhalierte den Stoff wie eine Süchtige das Nikotin; ich sog ihn auf wie eine Besessene; kurz, ich las Amok. Ich las Amok, weil das obligate “Jetzt wird geschlafen!” in greifbarer Nähe lauerte. Es leitete zuverlässig in den zweiten Teil des Abends über: Licht aus, Taschenlampe an. Erwischte mich meine Mutter dabei, konfiszierte sie meine kleine Helferin mit dem Kommentar: “Du machst deine Augen kaputt!” Nun gehört es zu den Privilegien einer Mutter, Recht zu haben; doch für einmal irrte sie: Meine Augen sind nach wie vor unverschämt gut. Obwohl ich bis zum heutigen Tag Amok lese, Amok lesen muss. Weil stets jemand danach trachtet, mich von meinem Buch zu trennen.
Meiner Tochter geht es da nicht besser: Sie wird bald neun und liest seit vier Jahren, was ihr in die Finger gerät, und das ist eine Menge. Schüttle ich am Morgen ihre Bettdecke aus, präsentiert sich mir eine originelle Mischung. Heute zum Beispiel – lassen Sie mich kurz nachsehen – heute also liegen da: “Kleine Geschichten für kleine Leute” (Gustav Tobler), “Gregs Tagebuch” (Jeff Kiney), “Die Hälfte des Himmels gehört Bo” (Dagmar Müller), “Globi im Zoo”, ein Sammelband der Gebrüder Grimm sowie die Zeitschrift Geolino.
Sie ahnen es bereits: In ihrem Bett finden allabendliche Leseorgien statt; und ja, sie besitzt eine Taschenlampe; und ja, ich erfülle meine Mutterpflichten, indem ich entsetzt rufe: “Du machst deine Augen kaputt!”, um die Lichtquelle an mich zu reissen.
Bevor Sie sich meine Tochter als einsame, bleiche Leseratte mit dicken Brillengläsern vorstellen: Nein, so ist sie nicht. Und was folgern wir daraus? Lesen macht nicht uncool. Aber es gibt bestimmt coolere Hobbys.
Franziska Hidber lebt, liest und schreibt in Wil SG und hätte gern ein aufregendes Hobby, zum Beispiel Seiltanzen oder Fallschirmfliegen.
textín Juni 2009

Kommentar schreiben