Achtung: hybrider Konsument!

Von textin

Schreibszene: Texte aus der Schreibwerkstatt. Sie werden nicht oder nur schlecht bedient? Das liegt an Ihrer Kleidung. Oder an der Unfähigkeit der Verkäuferin, Ihr wahres Potenzial zu erkennen.

Verdammt! Nicht auch noch diese Hose. Wie eine Schlangenfrau versuche ich mich in die luftige, weisse Leinenhose vom letzten Sommer zu zwängen. Auf magische Weise habe ich im letzten halben Jahr sechs Kilo zugelegt, die wie zwei Satteltaschen an meinen äusseren Oberschenkeln hängen. Mein Hinterteil passt noch in eine blaue Jeans und zwei langweilige, schwarze Bundfaltenhosen. Eine Lösung muss her. Die ganze nächste Woche ist herrliches Sommerwetter mit über 25°C angesagt. Wild entschlossen rattere ich mit der Tram in die Stadt. Die Boutique Terrasse* ist mein Ziel: chic, modern, stilvoll – und teuer. Die richtige Adresse für einen Fühl-dich-wieder-gut-Kauf.

Beim Betreten der Boutique fliegen mir sofort die kalkulierenden Blicke der Verkäuferinnen zu. Lässt sich mit der da Geld machen? Kaum. Ich bin froh, dass alle Verkäuferinnen besetzt sind und ich mich in Ruhe umsehen kann. Die Auswahl lässt mein Herz höher schlagen. Von verspielten Folklore-Strickjacken über blumig leichte Seidentops bis hin zu rattenscharfen Schlangenledergürteln gibt es alles. In einer Ecke entdecke ich zwei Hosen: eine creme- und eine taupefarbene. Ich schnappe mir die beiden Chinos und stehle mich in die Umkleidekabine. Das darf nicht wahr sein! Untenrum sehe ich aus wie eine Presswurst, oben wie ein Verdingkind. Niedergeschmettert ziehe ich die Hosen wieder aus und verlasse die Kabine. Eine arrogant dreinschauende, magersüchtige Coiffeur-Blondine mit gebräuntem Schrumpfkopf fängt mich ab.“Was suchen Sie“? Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen und schildere mein Problem und frage hoffnungsvoll: „Hätten Sie eine etwas figurverzeihendere Hose zur Auswahl“? Wie ein Zollbeamter mustertet mich der Schrumpfkopf von Kopf bis Fuss und sagt: „Nein, da ist nichts zu machen.“ Dreht sich ab und flötet einer im Boutique-Terrasse-Stil gekleideten Dame zu: „Oh, Guten Tag Frau Dr. Schmidt, wie schön, dass Sie uns besuchen. Wie geht es Ihnen? Was darf ich heute für Sie tun?“

Das war’s. Die dumme Nuss hat mich als hybride Konsumentin verkannt. Hybrid bezeichnet ein aus unterschiedlichen Arten oder Prozessen zusammengesetztes Ganzes, etwas Gemischtes oder Gekreuztes. Wir kennen das aus der Technik, das Hybrid-Auto zum Beispiel. Von hybridem Käuferverhalten spricht man im Marketing, wenn Käufer keine feste Bindung an Marken oder Geschäfte zeigen, sondern zwischen Kategorien von Angeboten wechseln. Beispiel: Ein Aldi-Käufer kauft sich seinen Anzug bei Armani. Oder ein Pärchen verbringt zwei Wochen Billigurlaub in der Türkei und einige Wochen später ein Wellnesswochenende für 400 Franken pro Nacht im Fünfsternehotel.

Der Schrumpfkopf also hat sich von meinem H&M-Kleid abschrecken lassen. Dass meine Flip-Flops von Prada waren, hat er nicht bemerkt. Meine drei neuen Hosen habe ich dann mit sehr humorvoller Beratung bei Feldpausch gekauft. Auf ein Wiedersehen bei Feldpausch.

* Name von der Redaktion geändert

Ursula Altorfer ist eine hybride Konsumentin, lebt und shoppt in Zürich und verdient ihr Brot als Marketingverantwortliche eines Schweizer Kosmetikunternehmens.

Schreibszene veröffentlicht an dieser Stelle Texte aus der Schreibwerkstatt Modul 1 des Texterlehrganges.

Copyright Text: Ursula Altorfer
Bild: istockphoto

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